Analyse

Warum die Bankgewinne trotz Zinswunder eingebrochen sind

23. September 2019

Von Christian Kirchner

Die Monatsberichte der Bundesbank sind normalerweise keine allzu knackige Lektüre. Der gestern veröffentlichte Ertragslage-Statistik mit den aggregierten 2018er-Zahlen aller deutschen Bankengruppen (hier das PDF) allerdings enthält ein paar Hämmerchen. Denn aus dem Zahlenwerk geht unter anderem hervor, dass der Vorsteuergewinn hiesiger Banken um 31% auf nur noch 18,9 Mrd. Euro eingebrochen ist. Der niedrigste Wert seit der Finanzkrise.

Mit der Zinskrise hat der Crash indes nichts zu tun. Im Gegenteil: Der Zinsüberschuss ist – trotz insgesamt sinkender Bilanzsummen – sogar um 2% gestiegen. Mit den Provisionen ging es zwar um 4% abwärts, das kann den Einsturz allerdings ebensowenig erklären wie die Kosten, die nahezu unverändert bei gut 88 Mrd. Euro stecken blieben. Was also ist der dann der Grund für den massiven Rückgang? Tauchen wir ein in die konkreten Zahlen:

Diagnose 1:  Deutschlands Banken sind bemerkenswert anfällig für Marktschwankungen und sonstige Effekte jenseits des Zins- und Provisionsgeschäfts

Der Einbruch rührt her aus dem Handelsergebnis (minus 2,1 Mrd. Euro zum Vorjahr), dem Bewertungsergebnis  (minus 3,1 Mrd. Euro) und dem außerordentlichen Ergebnis (minus 3,5 Mrd. Euro). Was heißt das genau?

  • Das Handelsergebnis drückten laut Buba vor allem die schwachen Kapitalmärkte (exemplarisch: Dax 2018: -18%)
  • Beim Bewertungsergebnis führen die Notenbanker den Rückgang vor allem auf Institute „mit einem Altbestand an Schiffsfinanzierungen“ und den hierdurch „notwendigen Vorsorgeaufwand“ zurück
  • Beim außerordentlichen Ergebnis nennt die Bundesbank Abschreibungen auf Beteiligungen und Wertpapiere. Hinzu kamen „buchungstechnische“ Gründe

Diagnose 2: Vom „Zinswunder“ profitierten allen voran die Großbanken

Erinnern Sie sich noch an unsere Kritik neulich, Christian Sewings Lamento über die sinkenden Zinsen sei für den Moment deplatziert? Nun wollen wir nicht behaupten, die Niedrigzinsen seien dufte für die Kreditwirtschaft (Coba und Deutsche gehen nicht ohne Grund in eine mehrjährige Restrukturierung). 2018 allerdings konnten die Großbanken ihre Zinsmarge (definiert als Zinsüberschuss in % der Bilanzsumme) tatsächlich steigern:

Wie das zu erklären ist?

  • Die Großbanken profitierten mutmaßlich von günstigem Wholesale-Funding
  • Eine zumindest statistische Rolle dürfte die Umgruppierung der Postbank in die Gruppe der Großbanken gespielt haben
  • Zudem attestiert die Bundesbank den deutschen Großbanken, sie hätten „im Geschäft mit Banken in Amerika höhere Zinserträge erwirtschaftet.“ Was vermutlich so kam: Im US-Dollarraum erreichten die risikolosen mittelfristigen Zinsen im vergangenen Jahr zeitweise wieder mehr als drei Prozent. Hiervon haben offenbar auch hiesige Banken profitiert

Diagnose 3: Die Kosten bleiben ein Problem. Isso

Der Ton  zwischen Banken und Bafin wird rauer, ist in Frankfurt zu hören. Hintergrund: Die Institute sind es leid, sich von Oberaufseher Felix Hufeld ständig erklären zu lassen, sie sollten mal nicht über die Zinslage jammern, sondern lieber die Kosten senken.

Indes, könnte es sein, dass Hufeld so Unrecht nicht hat? Jedenfalls wenn man über diverse Bankengruppen hinweg auf die Kosten (in Mrd. Euro) und die Veränderung der Kosten schaut:

2016 2017 2018 2018 vs. 2017
Alle Banken 88,7 88,4 88,1 0%
Großbanken 26,4 25,3 26,9 6%
Sparkassen 20,1 20 20,9 4%
Genobanken 14,4 14,4 14,5 1%

Quelle: Bundesbank, Auswahl (nicht dargestellt: Regional-, Landes-, Auslandsbanken usw.)

Nun hat der Kostenanstieg bei den Großbanken wiederum mit der Umgruppierung der Postbank zu tun. Doch unabhängig davon:  Sinken tun die Kosten jedenfalls nicht. Und in Relation zur Bilanzsumme erreichten sie über alle Banken hinweg 2018 mit 0,54% sogar den höchsten Wert seit Jahren.

Diagnose 4: Auch bei Sparkassen und Genos haben die sinkenden Überschüsse nichts mit dem Zinsergebnis zu tun

Betrachten wir zunächst die Entwicklung der Überschüsse 2018 vor Steuern in Mrd. Euro

2016 2017 2018 2018 vs. 2017
Alle Banken 27,8 27,5 18,9 -31%
Großbanken 3,1 2,8 1,1 -61%
Sparkassen 10,2 9,9 8,2 -17%
Genobanken 7,7 7,3 6,3 -14%

Was auffällt: Der Gewinn geht quer über alle Institute hinweg in den Keller …

… was allerdings nirgends (und also auch nicht bei Sparkassen und Genobanken) an den Zinsüberschüssen liegt (auch hier in Mrd. Euro)

2016 2017 2018 2018 vs. 2017
Alle Banken 91,1 85,5 87,2 2%
Großbanken 20,1 16,4 19,8 21%
Sparkassen 22,7 22 22 0%
Genobanken 16,6 16,5 16,4 -1%

Quelle: Bundesbank, Großbanken: 2018 erstmals inkl. Postbank

Diagnose 5: Die Banken planen, ihre Probleme über die Kosten in den Griff zu kriegen

… wobei wir diese Erkenntnis nicht der Ertragslage-Statistik entnehmen, sondern dem gestern ebenfalls veröffentlichten LSI-Stresstest von Bundesbank und Bafin. Schauen Sie doch mal hier nach.

Diagnose 6: Die Erfolgsgeschichte ausländischer Banken bekommt Kratzer

Eine (rhetorische) Frage: Wenn Deutschland so ein furchtbar „overbanktes“ Land ist mit viele zu vielen Instituten und Filialen und einem fürchterlichen Wettbewerbsdruck – warum ist der Markt dann für immer mehr Auslandsbanken so attraktiv? Die Zahl der ausländischen Institute hierzulande stieg 2018 in einem schrumpfenden Gesamtmarkt um vier auf 119.

Die Bundesbank-Zahlen liefern zumindest einen wichtigen Hinweis: weil die Auslandsbanken ihr Geschäft schlanker betreiben. In Zahlen: Die Cost-Income-Ratio der Auslandsbanken sinkt Jahr für Jahr und lag 2018 mit 71% deutlich unter dem Schnitt aller Banken (76%). Gemessen am Aufwand in Prozent der operativen Erträge sind die Auslandsbanken gar die Institutsgruppe mit dem geringsten Kosten.

Allerdings ging auch bei den Zweigstellen der Auslandsbanken der ausgewiesene Überschuss im letzten Jahr – wenngleich bei überschaubarer Grundgesamtheit – um 44% und damit sogar überdurchschnittlich zurück.

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