Analyse

Warum die Deutsche Bank einen Großumbau braucht

25. April 2019

Von Christian Kirchner

Nun ist es offiziell: Die Deutsche Bank und die Commerzbank brechen ihre Fusionsgespräche ab. Nach „gründlicher Prüfung“ habe sich herausgestellt, „dass ein solcher Zusammenschluss nicht im Interesse der Aktionäre beider Unternehmen sowie anderer Interessengruppen wäre“, heißt es in der entsprechenden Ad-Hoc-Mitteilung.

Doch wie geht es nun weiter? Die Commerzbank ist nun in einer bequemen Position: Sie kann in Ruhe die losen Interessenbekundungen anderer Institute wie der ING oder der Unicredit sondieren. Schlimmstenfalls ist selbst ein schwach rentables „Weiterwurschteln“ für sie eine Option. Weil es keine existenziellen Risiken für die Bank birgt. Sie kann deshalb in ihrer Ad Hoc zum Abbruch der Gespräche auch explizit schreiben: „Die Commerzbank bleibt bei ihrer Strategie.“

Ganz anders sieht es bei der Deutschen Bank aus. Denn: Der Ansatz von Vorstandschef Christian Sewing (das Universalbank-Modell fortführen, auf radikale Einschnitte verzichten) stößt an seine Grenzen. Sie kann eben nicht weiterwurschteln in der Hoffnung, dass sich alles fügen wird mit der Rentabilität. Dafür ist die Gefahr zu groß, dass der Aktienkurs so weit sinkt, dass Kapitalmaßnahmen kaum noch möglich sind und/oder sich ihre Risikowahrnehmung noch weiter verschlechtert. Kurz: Ein Scheitern der aktuellen Strategie birgt für sie existenzielle Risiken. Daran ändern auch gleich mit veröffentlichte Vorab-Quartalszahlen nichts, nach denen im ersten Quartal die Analystenschätzungen erreicht oder gar leicht übertroffen wurden und ein Gewinn nach Steuern von 200 Mio. Euro übrig blieb.

Die Deutsche Bank muss nun einen Plan präsentieren, womöglich den nächsten „Strategieschwenk“, wie es so schön heißt. Und das aus fünf Gründen.

Grund 1: Alles, wirklich alles läuft gegen die Bank.

Die im Branchenvergleich gar nicht mal so ambitionierten Ziele aus dem letzten Frühjahr (4% Eigenkapitalrendite dieses Jahr, über 10% in 2021) tragen stets die Fußnote „in einem normalisierten Umfeld“. Das Umfeld hat sich aber nicht „normalisiert“, im Gegenteil. Seit Sewings Amtsantritt vor gut einem Jahr sind drei Dinge passiert, die so kaum absehbar waren, der Deutschen Bank aber schwer zusetzen.

Erstens sind alle Hoffnungen auf eine baldige Zinswende in der Eurozone verpufft. Statt mit wieder höheren Zinserträgen zu kalkulieren, muss sich auch die Deutsche Bank auf niedrigere einstellen. Zweitens brechen auch die Erträge im Investmentbanking ein – im ersten Quartal für Europas Banken vermutlich in der Größenordnung von rund einem Viertel zum Vorjahresquartal. Und drittens hat sich die Kreditwürdigkeit der Bank gemessen an den Prämien für eine Kreditausfallversicherung seit Sewings Antritt um rund ein Drittel verschlechtert. Das schlägt direkt auf die Profitabilität der Bank durch, die sich laufend am Anleihenmarkt refinanzieren muss.

Grund 2: Selbst die notorisch optimistischen Analysten haben den Glauben verloren

Während Europas Banken im Schnitt 11% Eigenkapitalrendite erwirtschaften, trauen die Analysten der Deutschen Bank nicht mal zu, die deutlich bescheideneren Ziele von 4% bzw. mindestens 10% zu erreichen. Im Schnitt rechnen die Experte für dieses Jahr mit mageren 1,5%, der größte Optimist glaubt an 2,8%. Und für 2021? Halten die Optimisten auch nicht mehr als 5% für möglich, der Schnitt liegt bei 3,5%.

Angesichts solch verheerender Schätzungen (und vor dem Hintergrund des unter Sewing um 35% gefallenen Aktienkurses), kann die Deutsche Bank nicht länger warten, dass sich die Rahmenbedingungen an den Märkten bessern. Sondern: Es ist an der Zeit gegenzusteuern, ehe sich die Rahmenbedingungen verschlechtern.

Grund 3: Die Schrumpfung des Investmentbankings überfordert die finanziellen Kapazitäten der Bank

Die Lösung der Ertragsschwierigkeiten der Bank liegt vordergründig auf der Hand: Man sperre einfach jene Bereiche des Investmentbankings zu, in denen das Verhältnis zwischen Kosten, Risiko und Gewinnbeiträgen (vom Image ganz zu schweigen) schon seit Jahren aus dem Ruder läuft: etwa das US-Geschäft oder den Handel. Zumal: Das Investmentbanking steht für mehr als zwei Drittel der aufgeblähten Bilanzsumme und der risikogewichteten Aktiva, bindet also viel Kapital, das man für andere Zwecke verwenden oder ausschütten könnte.

Infolge einer solchen Operation wäre die Bank zwar deutlich langweiliger, aber auch Risiken los. Die Kreditwürdigkeit würde sich verbessern und die Profitabilität steigen – denn im Privat- und Firmenkundengeschäft, im konservativen Teil des Investmentbankings, im Transaktionsgeschäft und mit der Fondstochter DWS verdient die Deutsche Bank ja durchaus Geld (wenn auch nicht viel).

Das Problem: Die Deutsche Bank hat den Zeitpunkt für solch ein Manöver verpasst. Im Investmentbanking müsste eine vermutlich fünfstellige Anzahl an Mitarbeitern abgefunden, Bilanzposten über Jahre geschrumpft, Mietverpflichtungen beendet werden. In einer idealen Welt zahlt eine Bank diese Prozedur schlicht aus dem Kapital, das dadurch „frei“ wird bilanziell oder als Eigenkapital ohnehin vorhanden ist. Dazu aber ist die Deutsche Bank aber – und damit werden wie eher spekulativ – kaum mehr in der Lage. Sie müsste sich das nötige Kapital stattdessen vermutlich besorgen. Aber wo bzw. wie? Eine Möglichkeit wäre der Verkauf des 80%-Anteils an der DWS, der momentan gut 5 Mrd. Euro wert ist. Damit aber verlöre die Bank einen ihrer sichersten Ertragsbringer.

Bleibt eine Kapitalerhöhung. Vor Jahren wäre ein solcher Schritt zu den damals noch deutlich höheren Aktienkursen ein Leichtes gewesen. Jetzt, mit nur noch rund 16 Mrd. Euro Börsenwert, wäre eine starke Verwässerung die Folge. 5 bis 10 Mrd. Euro bräuchte man vermutlich, um ohne Risiko (!) eine sicherere und rentablere Bank als heute zu bauen. Dafür müsste man peinlicherweise jene Aktionäre anpumpen, bei denen man in den vergangenen Jahren schon 27 Mrd. Euro über Kapitalerhöhungen eingesammelt hat, um eben doch das ganz große Rad als globale Universalbank mit großem Investmentbanking weiter drehen zu können.

Grund 4: Das Narrativ der abgearbeiteten Altlasten ist zusammengebrochen

Die Kommunikationsstrategie der Deutschen Bank sieht vor, die Rechtsstreitigkeiten als weitgehend abgearbeitete Altlasten anzusehen, für die man ausreichend Rückstellungen gebildet habe und die das Werk längst gegangener Mitarbeiter waren. Entsprechend hart wurden das Institut und seine Mitarbeiter von der spektakulären (und womöglich auch übertriebenen) Razzia im November (Vorwurf: Geldwäsche) erwischt. Im jüngsten Quartalsbericht heißt es sogar explizit, „negative Nachrichten zur Deutschen Bank, einschließlich der Hausdurchsuchung an Standorten der Bank Ende November“ hätten die Erlöse beeinträchtigt.

Es geht also um weit mehr als nur ums Image. Die Deutsche Bank gilt aufgrund ihrer schwachen Profitablität und großen Bilanzsumme ohnehin als schwer vermittelbar für Fusionen und Akquisitionen. Dass ein möglicher Partner fürchten muss, sich noch unentdeckte Risiken einzuladen, schwächt die Position der Bank zusätzlich.

Grund 5: Die Bank hat keinen Puffer mehr

In den Fusionsverhandlungen der vergangenen Wochen hat sich eines deutlich abgezeichnet: Die Deutsche Bank braucht die Commerzbank dringender als umgekehrt. Allen voran, weil ein verschmolzenes Institut als sicherer gelten würde mit dem Bund als Aktionär und einer vermutlich günstigeren Refinanzierung.

Zwar ist die Kapitalausstattung der Deutschen Bank gut. Selbst wenn die notorisch optimistischen Annahmen der Analysten zutreffen, dass die Kosten in diesem Jahr um eine weitere halbe Mrd. Euro schrumpfen, würde der Gewinn nach Steuern (und nach Zinsen für Nachranganleihen) aber trotzdem nur bei rund 500 Mio. Euro liegen. Ein schmaler Grat bei rund 25 Mrd. Euro Erlösen und gut 1300 Mrd. Euro Bilanzsumme – und exakt der Grund für das in Kursverlusten und einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,25 gemessene Misstrauen von Aktionären.

Jede unerwartete Verschlechterung der konjunkturellen und börslichen Großwetterlage schlüge rasch durch in neuerliche Verluste. Was vermutlich auch der Grund für die Ungeduld Berlins war – und der Idee, sich des Risikos des Scheiterns der Deutschen Bank über eine Fusion mit der Commerzbank gesichtswahrend zu entledigen.

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