Analyse

Warum fällt die Commerzbank-Aktie acht Tage in Folge?

29. Mai 2019

Von Christian Kirchner

Wenn es ein paar Tage (auch an der Börse) so aussah, als sei die Commerzbank der heimliche Sieger aus den geplatzten Fusionsgesprächen mit der Deutschen Bank – dann ist es allmählich Zeit, dieses Bild zu korrigieren.

In Zahlen: Minus 1,4%, minus 4,2%, minus 0,1%, minus 3,1%,  minus 4,5%,  minus 1,2%, minus 0,5%,  minus 2,1% – so sehen sie Tagesveränderungen der Commerzbank-Aktie in den letzten acht Handelstagen aus. Auch wenn hier der Dividenden-Abschlag von 0,20 Euro eine Rolle spielt: Die Kursentwicklung passt so gar nicht zur gefühlten Lage, nachdem Vorstandschef Martin Zielke auf der HV vergangene Woche mit DDR-Volkskammer-mäßigen 99,5% entlastet worden war.

Was ist da los?

Blicken wir dazu zunächst auf die Kursentwicklung seit Jahresbeginn …

… dann wird deutlich, dass die Luft auch nach der Absage der Fusion mit der Blaubank am 25. April zwar noch nicht ganz raus ist: Die Coba-Aktie lief besser als der Branchenindex und weit besser als die Deutsche Bank.

Aber: Die Luft entweicht beachtlich schnell. Denn inzwischen hat die Commerzbank-Aktie nach ihrer roten Serie auf die Deutsche Bank (die von einem 45-Jahres-Tief zum nächsten eilt) „aufgeholt“ – und zwar in Sachen Verluste. Das zeigt die Grafik, wie sich die Kurse seit Platzen der Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank am 25. April entwickelt haben. 


Wie ist das nun zu erklären?

Für das unterdurchschnittliche Abschneiden der Bankaktien insgesamt in den letzten Wochen gibt es einen gemeinsamen Nenner: die Tatsache, dass sich alle Hoffnungen auf eine baldige Zinswende schwinden und sich quasi alle Banken vor dem Hintergrund einer sich eintrübenden Konjunktur – samt steigenden Kreditausfällen und zurückhaltenderen Kunden – auf sinkende Gewinne einstellen müssen.

Bei den beiden deutschen Großbanken könnte das bei einer eher mageren Rentabilität rasch zu roten Zahlen führen. Es kommen indes noch institutsspezifische Probleme hinzu:

Bei der Commerzbank ist die Lage zwar nicht dramatisch. Gleichwohl deutet der jüngste Kursverfall darauf hin, dass die Aktionäre den Glauben an eine mögliche Übernahme durch eine andere europäischen Großbank (hier eine Szenario-Analyse dazu) zu verlieren drohen.

Das hat zwei Gründe: Erstens galt die Commerzbank vor allem wegen ihres „negativen Goodwills“ als interessant: Wer eine Bank unterhalb des Werts ihres Eigenkapitals übernimmt (und bei der Gelbbank liegt der Börsenwert gerade weit über dem Wert des Eigenkapitals), kann sich mit Zustimmung der Aufseher die Differenz bilanziell gewinn- und kapitalwirksam zuschlagen. Hier hat die Aufsicht aber durchblicken lassen, dass man es kritisch sähe, würde dies von einem potenziellen Käufer zur Finanzierung von künftigen Ausschüttungen genutzt.

Und dann gibt es noch ein zweites Problem: Wenn es um grenzüberschreitende Fusionen geht, nehmen Bankchefs wie Aufseher wie Politiker inzwischen eine gebückte Haltung ein – zuletzt etwa Bafin-Chef Hufeld, der vor einem solchen Manöver regelrecht warnte. 

Bei der Deutschen Bank darf man sich mehr Sorgen machen. So hat Vorstandschef Christian Sewing zwar auf der HV „harte Einschnitte“ angekündigt und Aufsichtsratschef Paul Achleitner den Tag mit einem dunkelblauen Auge (entlastet von 71% der Stimmen) überlebt. Konkretere Ziele als jene, die er ohnehin schon in Sachen Kosten und Ertrag genannt hatte, blieb Sewing aber schuldig.

Und die Uhr tickt: Je tiefer der Aktienkurs fällt, desto schwieriger wird es, wegen drohender Verwässerung noch einmal frisches Kapital aufzunehmen – etwa, um das Investmentbanking beherzt zu restrukturieren. Dass die Bank sich selbstbewusst gibt, man brauche keine Kapitalerhöhung (auch wenn Bloomberg eben dies als Option sieht), darf als Nullsatz gewertet werden – in einer ohnehin angespannten Nachrichtenlage wäre die Bank töricht, irgendetwas als ein Dementi zu kommunizieren.

Der sonstige Nachrichtenfluss – etwa von Scope herabgestuft zu werden – ist auch nicht hilfreich. Die Ratingagentur bringt das Kernproblem auf den Punkt: Die Bank hat kaum Puffer, ihre volatilen Erträge im Investmentbanking  zu absorbieren, sollte es in dieser Sparte ein schlechtes Jahr geben – worauf der eher schwache Jahresstart hindeutet.

Wenn aber organisch angesichts der Zins- und Konjunkturlage kaum Hoffnung auf Besserung der Lage der beiden schwach rentablen Banken besteht – und die anorganischen Lösungen national (Fusion Deutsche/Commerzbank) bereits verworfen wurde und international (wie auch immer) hohe Hürden zu nehmen hätten: Was bleibt noch an Spielraum?

Glaubt man dem Aktienmarkt: Nicht mehr viel. Die mit Abstand größten deutschen Privatbanken mit zusammen 1800 Mrd. Euro Bilanzsumme und 141.000 Mitarbeitern sind inzwischen zusammen (!) weniger Wert als Fresenius Medical Care oder die Deutsche Börse.

Und, wenn der Kursverfall weitergeht, vielleicht bald auch weniger als der Bezahldienst Wirecard.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing