Analyse

Was die Geschäftsberichte über Deutschlands Banken verraten

11. Juli 2019

Von Christian Kirchner

Regelmäßigen Lesern dürfte das Faible von Finanz-Szene.de bekannt sein, lieber testierte Geschäftsberichte als Pressemitteilung und eigens zusammengeknobelte Ergebniszahlen zu lesen. Denn wo, wenn nicht im zentralen Medium der Selbstdarstellung, ließen sich Hinweise finden, wie es den Banken wirklich geht …

Und: … was die Banken denn eigentlich so umtreibt?

Um Letzteres festzustellen, hat Finanz-Szene.de dieser Tage nun die Geschäftsberichte von zehn ausgewählten deutschen Banken (Deutsche Bank, Commerzbank, ING, DKB, Haspa, Sparkasse KölnBonn, Volksbank Frankfurt, Sparda BaWü, Berenberg, Santander) einer kleinen semantischen Analyse unterzogen. Sprich: Welche Wörter (z.B.  „Kosten“, „Vergütung“, „Fintech“, „Nachhaltigkeit“, „Filiale“ usw.)  kommen in wessen Geschäftsberichten wie oft vor?

Oder anders gefragt: Welche Bank folgt welchem Fetisch?

Natürlich ist das eher eine Spielerei. Aber durch aus interessante, wie die Auswertung der insgesamt 1782 Seiten ergab. Hier die aus unserer Sicht spannendsten Erkenntnisse:

Denken Sie jetzt nicht an rosa Elefanten, vergessen Sie Fintechs!

So groß die Fintech-Revolution auch sein mag (oder vielleicht ja auch nicht sein mag):  In den Geschäftsberichten der zehn Banken kommt das der Begriff „Fintech“ nur auf 13 Nennungen. Nicht im Schnitt. Sondern insgesamt.

Die Deutsche Bank hat ein gerade neurotisches Verhältnis zum Thema (und Wort) Vergütung

Bei der Deutschen Bank haben die Mitarbeiter in den letzten zehn Jahren 125 Mrd. Euro verdient. Das ist offenbar erklärungsbedürftig. Denn in dem 496-seitigen Geschäftsbericht taucht das Wort „Vergütung“ geschlagene 923-mal (!) auf, zudem noch 48-mal das Wort „Personalufwand“. Macht im Schnitt etwa 2-mal pro Seite die „Vergütung“ auf, was sich auch nicht vollständig damit erklären lässt, dass bei der Blaubank der Vergütungsbericht in den Geschäftsbericht integriert ist. Denn selbst inklusive Vergütungsbericht finden sich die Wörter  „Vergütung“ sowie Formen wie „Personalaufwendungen bzw -aufwand“, „Lohn bzw. Löhne“ sowie „Gehalt bzw. Gehälter“ bei der Commerzbank, der ING und der DKBjeweils im Schnitt nur etwa 0,8-mal pro Seite.

Ach ja, und das Wort „Bonus“ oder „Boni“ gibt es bei der Deutschen Bank nur in Zusammenhang mit Bausparverträgen und Zinsen  – nicht aber im Kontext von Mitarbeitern. Da ist stattdessen 96-mal die Rede von „variabler Vergütung“.

Beim Buzzword-Bingo ist die Commerzbank vorn

Satte 171-mal geht es bei der Commerzbank ums Thema „Digitales“ (wenn man Begriffe wie Digitalisierung, digitale Prozesse usw. mitzählt). Das ist einsame Spitze, denn damit taucht der Begriff im Schnitt auf jeder zweiten Seite auf – verglichen mit jeder 11. Seite bei der Deutschen Bank. Auffällig: Auch beim Thema „Nachhaltigkeit“/“ESG“/“Klima“ schlägt der Zähler bei der Commerzbank am stärksten aus – mit 42 Fundstellen. Dabei gibt es ja auch noch einen gesonderten, nichtfinanziellen Bericht u.a. zu Nachhaltigkeits-Themen. Auch beim Schlagwort „Compliance“ schlägt die Commerzbank die übrigen untersuchten Banken in der absoluten wie relativen Häufigkeit des Worts um Längen.

Das Wort „Smartphone“ taucht fast so selten auf wie das Wort „Fintech“

Das Smartphone als Filiale der Zukunft? Nicht in den Geschäftsberichten, obwohl es dort ja eigentlich auch um Pläne und Visionen geht. Auf insgesamt (!) lumpige 55 Nennungen kommen die zehn Banken zusammen, wenn man Begriffe wie „mobil(e)“, „Smartphone“ und „Handy“ zählt. Rund die Hälfte entfällt auf die Commerzbank und die ING.

Was ist mit anderen Technik-Begriffen?

Blockchain? Cloud? Omni-/Multikanal-Banking? Spielen nur eine Nebenrolle mit zusammen weniger als 20 Nennungen. Das Wort „Technologie“ kam immerhin 93-mal vor, wobei mehr als zwei Drittel der Nennungen auf Deutsche Bank und Commerzbank entfallen.

Das ING-Faible für Nullzinsen und Immobilien

Was treibt die ING um? Im 2017er-Lagebericht ging es noch  12-mal um „Nullzins(en)“ bzw. „Negativzins(en)“. Da kommen in Sachen Jammern nur die Volksbank Frankfurt (8x) und die Sparda Baden-Württemberg (9x) halbwegs ran. Hingegen nehmen hier Deutsche und Commerzbank die Dinge recht souverän (zusammen nur neun Nennungen).

Das hat sich die Bank dann 2018 aber abgewöhnt, ebenso wie ihre einst (2017: 222) extrem hohe und 2018 immer noch sehr starke Immobilienfixierung. Zwar ist kein Geheimnis, dass die Frankfurter Oranje-Bank samt ihrer Schwester Interhyp gerne Immobilienkredite vergibt und vermittelt.  Aber dass das Wort „Immobilie“ auf 268 Seiten gleich 87-mal auftaucht, erstaunt dann doch. Das ist relativ einsame Spitze unter allen Instituten. Zum Vergleich: Die ebenfalls stark an Immobilienkrediten interessierte Commerzbank kommt auf einem annähernd 2x so dicken Geschäftsbericht auf weniger Nennungen.

Zins: Fällt 11-mal häufiger als Provision

Wie sieht es sprachlich bei der wichtigsten Aufgabe der kommenden Jahre aus – sinkende Zinserträge mit steigenden Provisionserlösen zumindest teilweise zu kompensieren? So: Das Wort „Zins*“ in allen Formen fällt in den Geschäftsberichten 11-mal häufiger als das (zugegeben: nicht ganz so gut klingende) Wort „Provision*“ in allen Formen.

Es gibt jedoch Unterschiede. Bei der stark auf Provisionsgeschäfte fixierten Berenberg Bank fällt der Begriff Zins naheliegenderweise nur 3-mal so häufig wie „Provision“. Bei der Deutschen Bank hingegen 14-mal so häufig, und der bei der Sparkasse KölnBonn sogar 18-mal so oft.

Und was ist mit der Regulierung?

Die „Regulierung“ wird am häufigsten von der Deutschen Bank (22-mal) bejammert – während die DKB 15-mal auf die „Bankenabgabe“ rekurriert.

Den Ehrenpreis für die geschickteste Kommunikation …

… geht derweil an Berenberg, zumindest in Sachen Vergütung. Bei der Hamburger Edelbank entsprechen die 197 Mio. Euro Personalkosten zwar 54% der Gesamtkosten. Auf ausführlichen 92 Seiten fällt jedoch nur ganze 7-mal ein Wort wie „Vergütung“, „Personalaufwand“ oder „Lohn/Löhne“ und „Gehalt/Gehälter“.

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