Der Commerzbank-Coup mit der ING-Waffe Boekhout

12. Juli 2019

Von Christian Kirchner

Der größte Gewinner des gestrigen Tages ist vermutlich die Deutsche Bank. Denn: Statt über deren Problem redet die Frankfurter Szene endlich mal wieder über etwas anderes, nämlich den Coup der Commerzbank: Die hat gestern – exklusiv meldete es zuvor das Manager-Magazin – die Verpflichtung von Ex-ING-Diba-Chef Roland Boekhout zum 1. Januar 2020 bekannt gegeben. Der 56-Jährige tritt bei der Coba die Nachfolge des scheidenden Firmenkunden-Chefs Michael Reuther (60) an.

Was die Frage aufwirft: Wer sind die anderen Gewinner des gestrigen Tages? Die Commerzbank? Boekhout? Beide?

Fest jedenfalls steht: Es handelt sich um eine Personalie, die nicht nur spektakulär ist, sondern auch Fragen aufwirft. Warum geht Boekhout, zuletzt bei der ING Groep für das Benelux-Geschäft zuständig, zur (nach Börsenwert) fünfmal kleineren Commerzbank? Denn Vorstand war Boekhout in Amsterdam ja auch schon. Und (viel) mehr verdienen als bislang wird er in Frankfurt wohl nicht. Reuther kam 2018 auf eine Gesamtvergütung von 1,2 Mio. Euro, während Boekhout bei der ING laut Jahresbericht in die Vergütungskategorie 1 Mio bis 1,5 Mio. Euro fiel.

Warum also?

Boekhouts Ruf hierzulande ist ein exzellenter. Unter seine Regie steigerte die ING Diba zwischen 2010 und 2017 in einem hart umkämpften Markt die Zahl der Kunden um knapp 2 Mio. auf 9,1 Mio. Und das Ergebnis vor Steuern? Stieg um 160% auf 1,2 Mrd. Euro.

Vor allem aber machte Boekhout aus der großen Direkt- eine kleine Universalbank. Denn im Firmenkundengeschäft, das die Niederländer in Deutschland jahrelang nur nebenher betrieben hatten, wurde die ING Diba binnen kürzester Zeit zu einem mächtigen Player. In Zahlen: Zuletzt trug der „Wholesale“ genannte Bereich mit nur 366 Mitarbeitern 41% zum Quartalsgewinn der deutschen ING beitrug. „Dass diese Sparte so schnell groß geworden ist, das ist zweifelsohne Boekhouts Verdienst“, sagt ein Weggefährte.

Vor zwei Jahren schließlich wechselte Boekhout von Frankfurt in die Amsterdamer ING-Zentrales. Karrieretechnisch war das unbestritten ein Aufstieg, von der zweiten Ebene in die erste. Ob es allerdings auch ein Aufstieg in Sachen Jobzufriedenheit war – das ist weniger klar.

Boekhouts Performance in der neuen Position? Ist gemäß den Zahlen okay.  Die Retail-Sparte, die rund 80% des Geschäfts ausmacht (aber schon vor seinem Kommen eine Gewinnmaschine war),  schlägt sich in herausforderndem Zinsumfeld wacker.

ING Retail Benelux in Mrd. €

2016 2017 2018 Q1/2019
Erträge in Mrd. € 7,0 6,9 6,8 1,7
zum Vorjahr -1% -1% -6%
Kosten in Mrd. € 4,0 3,8 3,8 1,1
zum Vorjahr -5% -1% -4%
op. Gewinn in Mrd. € 2,7 3,0 2,9 0,6
zum Vorjahr 14% -3% -11%
Cost-Income-Ratio 57% 55% 55% 54%
op. Return on Equity  18,7% 21,1% 21,1% 14,8%

Quelle: ING Jahresberichte

Boekhouts Job bestand allerdings nicht nur darin, die Gewinne zu verteidigen – sondern die niederländische und die belgische Einheit zu integrieren. Das sei keine Aufgabe, die wirklich Spaß mache, zumal es zwischen den beiden Entitäten große kulturelle Unterschiede gebe, sagt ein ING-Kenner. Denkbar daher, dass Boekhout und sein Job in Amsterdam nicht wirklich zueinander gepasst haben. „Eigentlich mag er den persönlichen Kontakt zum Kunden, der ja für das Corporate Banking charakteristisch ist, viel mehr“, so ein Weggefährte.

Diesen Kontakt wird er in Zukunft haben. Aber ist das der wesentliche Grund für den Wechsel? Womöglich spielen auch private Motive eine Rolle – denn dass sich Boekhout in Deutschland generell immer sehr wohlgefühlt habe, das erzählen quasi alle, mit denen man redet. Und vielleicht geht ja auch in Sachen Karriere noch was.

In Amsterdam jedenfalls war der Weg nach ganz oben versperrt, ING-Chef Ralph Hamers gilt als unumstritten – und ist drei Jahre jünger als Boekhout. Commerzbank-Chef Martin Zielke hingegen? Ist genauso alt wie Boekhout. Und vielleicht nicht ganz so unumstritten wie Hamers. „Natürlich riecht das in der Konstellation und angesichts des Schritts zur Seite danach, als ob man einen Deal habe: Leiste in der Firmenkundensparte gute Arbeit, und dann bist Du im Rennen um den Vorstandsvorsitz. Aber Boekhout ist keiner, der seine Karriere anhand solcher Kategorien plant“, sagt ein Frankfurter Personalberater, der beiden Banken gut kennt.

Hinreichend Gelegenheit zu performen jedenfalls hat Boekhout in der Coba-Firmenkundensparte. Die ächzt unter einem knallharten Wettbewerb mit Privat-, Landes- und Auslandsbanken sowie Sparkassen. Daher sinken die Margen in einem Tempo, dass das Volumenwachstum den Gewinneinbruch nicht ausgleichen kann.

Zwar hat die Commerzbank seit 2016 rund 9.700 neue Firmenkunden gewinnen können und damit das für 2020 gesetzte Ziel von 10.000 schon vorzeitig erreicht.  Erträge und Ergebnis stehen dennoch massiv unter Druck. Zwischen 2016 und 2018 hat sich der operative Gewinn des Firmenkundengeschäfts mehr als halbiert auf zuletzt noch 630 Mio. Euro. Die Kapitalrendite ist auf 5,8% gesunken, die Cost-Income-Ratio tickte hoch. Ein Kostenfanatiker wie Boekhout, der die ING jahrelang mit Cost-Income-Ratios unter 50% steuerte, kommt da gerade recht.

Commerzbank Firmenkundensparte in Mrd. €

2016 2017 2018 Q1/2019
Erträge in Mrd. € 4,2 4,0 3,5 0,9
zum Vorjahr -6% -12% 0%
Kosten in Mrd. 3,0 2,9 2,6 0,6
zum  Vorjahr -3% -9% -4%
op. Gewinn in Mrd. € 1,3 0,8 0,6 0,1
zum  Vorjahr -38% -22% 23%
Cost-Income-Ratio 67% 72% 76% 72%
op. Return on Equity 11,1% 7,7% 5,8% 4,2%

Quelle: Commerzbank Bilanzpressekonferenzen; gerundet

Dass sich die ING zumindest vorübergehend für eine Übernahme der Commerzbank interessiert haben soll, gibt dem Wechsel eine pikante Note.

Das wechseleitige Abjagen guter Firmenkundenbetreuer, die womöglich gleich Kunden und Geschäft mitbringen, dürfte unter Boekhout weitergehen – auch wenn Nick Jue, der heutige Vorstandschef der ING Deutschland, Boekhout in einer E-Mail an die Mitarbeiter gestern in höchsten Tönen lobte („maßgeblich für den Erfolg der ING in Deutschland verantwortlich“).

Commerzbank-Chef Martin Zielke begründete die Entscheidung für den Niederländer unterdessen wie folgt: „Ich freue mich auf die neuen Impulse, die Roland Boekhout auch bei der weiteren Digitalisierung unseres Firmenkundengeschäfts setzen wird.“

Was man dazu allerdings sagen muss: In der „Diversity & Competence Matrix“, die die ING Groep in ihrem Geschäftsbericht für alle Vorstände offen ausweist, kam Boekhout zuletzt in vier von fünf Kategorien auf die Maximalausbeute von zwei Sternchen.

In einer Kategorie allerdings gab es nur nur einen Stern. Und die hieß: „Operations/IT“.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing