Sparkassen-Serie, Teil 3

Wir lösen das 284-Mrd.-€-Rätsel der deutschen Sparkassen

12. September 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Haben Sie sich diese Woche auch gefragt, wie es sein kann, dass bei der größten deutschen Sparkasse – also der Haspa – mal eben der operative Gewinn um 50% einkracht? Nun: Der Fall führt mitten hinein in eines der größten Geheimnisse der hiesigen Bankenbranche – nämlich das zuletzt 284 Mrd. Euro (!) schwere „Depot A“ des Sparkassensektors.

Doch der Reihe nach: Wer sich die Sechs-Monats-Zahlen der Haspa anschaut, der sieht recht schnell, dass der Gewinneinbruch zum einen Folge des wieder mal satt gestiegenen Verwaltungs-Aufwands, darüber hinaus aber auf eine Verdreifachung des sog. Bewertungsergebnisses (also quasi: der Abschreibungen) zurückzuführen ist. Mit etwaigen Problem im Kreditgeschäft allerdings haben die explodierenden Abschreibungen nichts zu tun. Sondern: mit „Belastungen“ in der „Wertpapier-Eigenanlage“.

Was man dazu wiederum wissen muss – was aber kaum jemand weiß, weil die Hamburger Sparkasse über dieses Thema eher ungern spricht: Schon seit Jahren stammt faktisch der gesamte Haspa-Jahresüberschuss milliardenschweren Spezialfonds, die sich „Jupiter“ nennen und u .a.  in Immobilien, Aktien und alternative Assets investieren.

Womit die Hanseaten freilich kein Einzelfall sind. Die Sparkasse Ludwigsburg? Hält bei einem Eigenkapital von 600 Mio. Euro einen „Master-Fonds“, der auf ein Volumen von 2,4 Mrd. Euro kommt. Die fluffige  Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze? Besitzt einen Spezialfonds, der eine Viertelmilliarde Euro schwer ist und seine Aktienquote zwischen 2014 und 2017 mal eben mehr als verdoppelt hat.

Kurz gefragt: Kann es sein, dass unsere Sparkassen „Zocker“ sind? Oder zu „Zockern“ werden, weil sie glauben, dass ihnen das Zinstief keinen anderen Ausweg lässt? Dieser Frage wollen wir heute im dritten und letzten Teil unserer kleinen „Wie geht’s den Sparkassen?“-Serie nachgehen (hier übrigens „Teil 1“ und „Teil 2“). Und weil wir mal ausnahmsweise nicht im Anekdotischen verharren wollten, haben wir den DSGV gefragt, ob er uns einfach mal einen quantitativen Einblick ins sagenumwobene, geheimnisumwitterte, fast 300 Mrd. Euro schwere „Depot A“ sämtlicher Sparkassen geben kann. Und wissen Sie was? Der DSGV ist der Bitte sensationellerweise nachgekommen! Voilà:

1.) Das „Depot A“ der Sparkassen ist ingesamt 284 Mrd. Euro groß

Mit dem „Depot A“ sind die Eigenanlagen gemeint – sprich: Was tun Banken mit dem Geld, dass sie von ihren Kunden als Spareinlage erhalten, ohne es danach als Kredit wieder auszureichen? Laut Bundesbank-Zahlen war das „Depot A“ der deutschen Sparkassen zuletzt rund 284 Mrd. Euro dick. Davon entfielen knapp 200 Mrd. Euro auf „Schuldverschreibungen und andere festverzinsliche Wertpapiere“.

2.) … davon entfallen 84 Mrd. Euro auf tendenziell spekulative Anlagen

Sehr viel interessanter ist der andere Bilanzposten, der dem „Depot A“ zugerechnet wird, nämlich die „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapiere“. Das waren zuletzt 84 Mrd. Euro – eine erstaunliche Größenordnung. Schließlich handelt es sich hierbei qua Definition um zumindest tendenziell spekulative Papiere. Zur Einordnung: Die 84 Mrd. Euro entsprechen zwei Dritteln des Eigenkapitals aller Sparkassen. Bzw. 6,5% der  Bilanzsumme. Bei den „Großbanken“ (gemäß Definition der Bundesbank) machen die spekulativen Eigenanlagen gerade mal 1,4% der Bilanzsumme aus. Bei den „Kreditbanken“ sind es sogar nur 0,9%.

3.) Der Anteil reiner Aktieninvestments ist gleichwohl überschaubar

Welche Anteil des „Depot A“ entfällt auf Aktien? Daraus machten die deutschen Sparkassen bislang ein großes Geheimnis. Bekannt war lediglich, dass die meisten Sparkassen bei der Deka oder bei den Landesbanken sogenannte Spezialfonds unterhalten, über die sie dann in verschiedene Assetklassen investieren – wobei diese Spezialfonds gemäß HGB den „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapieren“ zugerechnet werden, selbst wenn sie mehrheitlich in Anleihen investieren.

Jedenfalls: Gegenüber „Finanz-Szene.de“ lüftet der DSGV nun (soweit wir das mitgekriegt haben: erstmals) das Geheimnis um die eigene Aktienquote. Diese liege bezogen auf die 284 Mrd. Euro bei rund 3% – und also gemessen an den „Aktien und anderen nicht-verzinslichen Wertpapieren“ bei etwa 10-11%. In absoluten Zahlen sind dies grob gesagt 9 Mrd. Euro.

4.) Viele Sparkassen investieren lieber in Immobilien als in Aktien

Merklich höher als der Aktienbesitz ist die Immobilienquote. Laut DSGV machen Immobilienfonds rund 5% des gesamten  Wertpapierbesitzes der Sparkassen aus – also etwa 17% bezogen allein auf die tendenziell spekulativen Anlagen. Diese Immobilien-Neigung deckt sich mit Beobachtungen, die „Finanz-Szene.de“ beim Screenen einzelner Sparkassen-Bilanzen gemacht hat. Die Sparkasse Ludwigsburg etwa hielt per Ende 2017 bei einem Eigenkapital von rund 580 Mio. Euro einen Immobilienfonds mit einem Buchwert von fast 440 Mio. Euro,  nebst zwei Mischfonds im Wert von zusammen mehr als 1,7 Mrd. Euro. Für Ende 2018 weist die Bilanz nun einen 2,4 Mrd. Euro schweren „Master-Fonds“ als Teil der Aktivseite. Die Saalesparkasse wiederum ist laut ihrem 2017er-Anschluss „Inhaber von Anteilen an diversen Spezialfonds (Buchwerte: 253,6 Mio. EUR)“. Diese waren zu 80,4% in Immobilien investiert.

5.) Offen bleibt, wie riskant die Sparkassen im Anleihenbereich unterwegs sind

Der ganz überwiegende Teil des „Depot A“ besteht laut DSGV aus Pfandbriefen (19%), Anleihen (53%) und Schuldscheinen (18%). Das heißt: Auch die meisten Spezialfonds, die den größten Teil der „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapiere ausmachen“, investieren überwiegend in Rentenpapiere. Offen bleibt gleichwohl, in welche Art von Anleihen die Spezialfonds genau investieren.

Unser Verdacht (dem der DSGV nicht widerspricht): Rentenseitig sind viele dieser Fonds durchaus offensiv unterwegs. Dafür spricht zum Beispiel, dass der Bestand an „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapieren“ 2011 und 2012 (also während der europäischen Schuldenkrise) zurückging – obwohl er sonst praktisch Jahr für Jahr steigt.  Auch die unserer Stichprobe zufolge teils üppigen Erträge, die manche Sparkassen mit ihren Spezialfonds machen, deuten darauf hin, dass in den Vehikeln – salopp gesagt – nicht nur Bundesanleihen liegen. So sind wir zum Beispiel auf eine süddeutsche Sparkasse gestoßen, die sich seit 2010 Jahr für Jahr zwischen 3,5% und 7,7% des jeweiligen Bestands aus ihren Spezialfonds hat ausschütten lassen.

Der Frankfurter Bankenprofessor Ralf Jasny, der die Anlagepolitik der Sparkassen vor drei Jahren in einer Studie untersucht hat, sagt: „In den Spezialfonds müssen sich erhebliche Risiken befinden, sonst könnten die Erträge nicht so hoch sein.“ Dies weist der DSGV klar zurück.

6.) Eindeutig ist, dass die Sparkassen die Aktien- und Immobilienquote in ihren Spezialfonds herauffahren

Hierfür finden sich in diversen Geschäftsberichten klare Indizien. Ein Beispiel ist die Sparkasse München, in deren 2017er-Abschluss es heißt: „Insgesamt erfolgte bei den Eigenanlagen auch im Jahr 2017, bedingt durch die anhaltende Niedrigzinsphase, eine deutlich höhere Mittelneuanlage in Spezialfonds (enthalten in der Position Aktien und andere nicht-festverzinsliche Wertpapiere) als in festverzinslichen Wertpapieren.“

Ein andere Beispiel ist die Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze, die auch schon Thema in der auf Zahlen von 2014 beruhenden Jasny-Studie war. Damals hatte das Institut seine größten Spezialfonds  noch eine maximale Aktienquote von 5% gebilligt. Und 2017? Waren es schon 12,5%. Ganz offenbar kein Einzelfall. Denn der DSGV räumt ein, dass der Aktienanteil (wiederum: bezogen auf das gesamte „Depot A“) allein zwischen 2016 und 2018 von 2% auf 3% gestiegen sei, der Anteil an Immobilienfonds von 4% auf 5%.

7.) Die Abhängigkeit mancher Sparkassen von Kapitalmarkt-Erträgen ist frappierend

… das zumindest ist unser Eindruck – der DSGV sieht das nicht ganz so. Wir wollen unsere Position am Beispiel der größten deutschen Sparkassen, nämlich der Haspa, verplausibilisieren:

Bei der Hamburger Sparkasse – so zeigt die Bilanzanalyse von „Finanz-Szene.de“ – besteht ein beträchtlicher Teil des Zinsüberschüsses schon seit vielen Jahren nicht aus Zinseinnahmen, sondern aus „laufenden Erträgen“, die aus „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapieren“ stammen. 2018 summierten sich die Kapitalmarkterlöse auf fast 90 Mio. Euro, das war mehr als der Jahresüberschuss. Woher dieser Ertrag konkret stammt? Aus Spezialfonds, die sich „Jupiter I“ bis „Jupiter III“ nennen (früher gab es auch mal „Jupiter IV“ und „Jupiter IV“). Dabei handelt es sich um Mischfonds, die z.B. in Staatsanleihen und Pfandbriefe investieren – aber eben auch in Unternehmensanleihen, internationale Aktien und Immobilien. Zur genauen Gewichtung der Assetklassen will sich die Haspa auf Anfrage nicht äußern. Insgesamt kamen die Spezialfonds  per 31. Dezember 2018 auf einen Umfang von knapp 3 Mrd. Euro – das 1,1-Fache des Haspa-eigenen Kapitals und 7% der Bilanz.

8.) Insbesondere in Ostdeutschland könnte die Abhängigkeit vieler Sparkassen vom Kapitalmarkt zum Problem für die GuV werden

… wie wir im zweiten Teil unserer Sparkassen-Serie bereits aufgedröselt haben. Allerdings hatten wir dort auch gezeigt, dass viele ostdeutschen mit ihrem Kapitalmarktgeschäft in der Vergangenheit sehr gut gefahren sind.

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