Kommentar

Banken, Point-of-Sale, Vergleichsportale: Das Endspiel um den Ratenkredit

20. Juli 2018

Von Heinz-Roger Dohms

Warum gründet die Volkswagen-Bank ihre eigene Gebrauchtwagen-Plattform? Was verspricht sich die Deutsche Bank davon, wenn sie gemeinsam mit der Allianz und Auto1 („wirkaufendeinauto.de“) ein völlig neues Fintech aufsetzt? Und warum zahlt der Münchener Scout-Konzern („Autoscout24“) fast 285 Mio. Euro für Finanzcheck, ein zwar rasant wachsendes, aber acht Jahre nach der Gründung immer noch defizitäres Hamburger Kredit-Vergleichsportal? Die Antwort: Weil der Markt für Ratenkredite nicht nur wächst (schon bald könnte das jährliche Neugeschäftsvolumen die 100-Mrd.-Euro-Grenze durchbrechen), sondern weil in diesem Markt so viel Bewegung herrscht, dass sehr viele und teils sehr unterschiedliche Akteure die Hoffnung hegen, in den nächsten Jahren sogar noch deutlich stärker als der Markt zu profitieren. Den Banken droht dabei gleich von zwei Seiten Ungemach: von den Anbietern am Point-of-Sale. Und von den großen Vergleichsportalen. Was heißt es also, wenn sich mit Autoscout24 und Finanzcheck nun zwei dieser Player zusammentun? Die Analyse von Finanz-Szene.de:

Wie groß ist der Markt?

Als harte Währung in der Konsumentenkredit-Industrie gilt der jährliche Branchenbericht des Bankenfachverbands, einer Lobby-Organisation für die deutschen Kreditbanken. Der Report beziffert das Neugeschäft in der Konsumentenfinanzierung auf zuletzt 56,5 Mrd. Euro. Diese Zahl muss man nun allerdings noch ein wenig anpassen, unter anderem, weil die Mitglieder des Fachverbands nicht den kompletten Markt abbilden. Branchenmanager sagen, wenn man die Zahl auf den Gesamtmarkt hochrechne, lande man irgendwo zwischen 80 Mrd. und 90 Mrd. Euro.

Wie verteilt sich dieser Markt?

Trotz der wachsenden Online-Affinität der Verbraucher werden die meisten Konsumentenkredite weiterhin offline vergeben (zum Beispiel in der Targobank-Filiale, bei der Volksbank um die Ecke, bei Media-Markt oder beim VW-Händler). Zum Anteil des Online-Geschäfts kursieren unterschiedliche Definitionen und damit auch unterschiedliche Zahlen. Branchenkenner beziffern das übers Internet vertriebe Kreditvolumen – wiederum basierend auf Zahlen des Fachverbands – auf zuletzt grob gesagt 12 Mrd. Euro. Das entspräche einem Marktanteil von rund 15%. Etwa die Hälfte davon entfalle auf die Vergleichsportale, heißt es.

Wie groß ist die Macht der Vergleichsportale?

Das war bis zu dieser Woche ein großes Geheimnis – welches nun zum ersten Mal ein wenig gelüftet wird. So stieß „Finanz-Szene.de“ in einer Investoren-Präsentation von Scout24 auf die Angabe, dass über Finanzcheck im vergangenen Jahr Kredite im Wert von 1,06 Mrd. Euro vergeben wurden. Zudem heißt es in dem Dokument, Finanzcheck gehöre zu den Top-3-Playern und sei „beinahe gleichauf mit der Nummer 2“, sprich: mit dem Berliner Fintech Smava. Basierend auf Gesprächen mit Brancheninsidern geht „Finanz-Szene.de“ davon aus, dass Smava tatsächlich auf ein leicht höheres Volumen von rund 1,2 Mrd. Euro kommt, während der Marktführer Check24 bei mindestens 2,5 Mrd. Euro, eher aber sogar bei 3,0 Mrd. Euro liegen dürfte.

Wie viel Umsatz machen die Vergleichsportale?

Auch hierzu gab es bislang nur grobe Schätzungen. Weil Scout24 aber im MDax notiert ist und damit einem größeren Veröffentlichungsdruck als privat gehaltene Firmen wie Check24 oder Smava, musste sich die künftige Scout24-Tochter Finanzcheck in dieser Woche auch in dieser Hinsicht „outen“: 35 Mio. Euro hat das Hamburger Fintech 2017 erlöst.  Würde man diese Zahl übrigens durch das vermittelte Volumen von 1,06 Mrd. Euro teilen, dann käme man theoretisch auf eine Provision in Höhe von 3,3% (bei jedem vermittelten 1000-Euro-Kredit würde Finanzcheck also von der Bank 33 Euro kassieren). Ganz so satt dürften die Vertriebs-Prämien in der Realität allerdings nicht sein. Denn die 35 Mio. Euro stammen zwar zu einem guten Teil, aber vermutlich nicht ausschließlich aus Provisionen.

Wie hoch sind die Verluste von Finanzcheck?

Davon steht nichts in der Investoren-Präsentation. Laut Bundesanzeiger machte Finanzcheck 2015 ein Minus von 7,2 Mio. Euro. Nimmt man an, dass seitdem nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Kosten gestiegen sind, wäre es nicht völlig unplausibel davon auszugehen, dass sich der Verlust auch 2017 irgendwo in dieser Regionen bewegt haben könnte (wobei das eine reine Mutmaßung ist).

Warum gibt Scout für so eine Firma 285 Mio. Euro aus?

… also das gut Achtfache des 2017er-Umsatzes und laut Präsentation das knapp Siebenfache des erwarteten 2018er-Umsatzes. Das liegt zum einen an den erhofften Synergieeffekten. Die Scout-Gruppe betreibt mit „Autoscout24“ einen der größten Online-Gebrauchtwagen-Marktplätze hierzulande. Durch die Integration von Finanzcheck kann „Autoscout24“ zum Auto auch immer gleich den passenden Kredit anbieten. In gewisser Weise ist Finanzcheck für Scout also dann das, was die VW-Bank für Volkswagen oder die BMW-Bank für BMW ist (freilich mit dem Unterschied, dass es bei Finanzcheck bislang keine Pläne geben soll, auch eigene Kredite zu vergeben).

Jenseits der geplanten Verbindung mit „Autoscout24“ ist Finanzcheck allerdings auch aus sich selbst heraus ein rasant wachsendes Unternehmen. Laut Investoren-Präsentation stiegen die Umsätze von 2015 bis 2017 mit einem CAGR (also mit einen Jahresdurchschnitt) von 35%. Angeblich wird Financheck dieses Wachstumstempo auf Stand-Alone-Basis auch in diesem Jahr beibehalten. Geht man nun 1.) davon aus, dass das jährliche Neugeschäftsvolumen in der Konsumenten-Finanzierung schon bald die 100-Mio.-Euro-Marke durchbricht (und genau davon gehen Branchenmanager aus …), und geht man 2.) davon aus, dass der momentane Marktanteil der Vergleichsportale von gerade mal 6% bis 8% noch viel Luft nach oben bietet …

… dann könnte Scout24 mit seiner Wette auf Finanzcheck am Ende tatsächlich richtig liegen.

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