Analyse

Die merkwürdige Häufung der Coba-Pannen zum Monatsende

1. Juli 2019

Von Christian Kirchner

Es ist inzwischen unübersehbar: Die Commerzbank hat ein massives Problem mit ihrer IT. Binnen vier Wochen kam es zu mehreren Großstörungen, die teils über Stunden, teils über mehrere Tage hinweg die folgenden Fehlfunktionen umfassten (wir listen’s einfach nochmal auf, damit keiner behaupten kann, wir würden die Dinge aufbauschen):

  • keine Kartenzahlung möglich
  • keine Bargeldverfügung möglich
  • keine rechtzeitige Verbuchung von Gehalts-/Rentenzahlungen oder sozialen Transferleistungen
  • Rücklastschriften trotz gedeckter Konten
  • Sperrung von Paypal-Konten mit Commerzbank-Konten als Referenzkonto
  • (zeitweiliges) Verschwinden von Daueraufträgen und Terminüberweisungen samt entsprechendem Zahlungsverzug.

Die Frage sei erlaubt: Was wäre los, würde sich eine digitale Challengerbank wie N26 eine derartige Pannenserie leisten und keine Großbank mit 13 Mio. Kunden? (@Fintech-Leser: Nein, jetzt bitte keine Fanpost und bitte auch kein Like-Storm bei Twitter)

Im Englischen gibt es für das, was die Commerzbank dem Publikum (und ihren Kunden) da seit Wochen bietet, den schönen Begriff des „Clusterfucks“. In der Bank übrigens sieht man das ganz ähnlich. Das lässt sich schon daran erkennen, dass sie die Kommunikation auf das allernötigste beschränkt und binär ist: Störung besteht, Störung behoben. Was soll eine Bank (deren CEO ja gerne davon redet, man wolle ein „Technologiekonzern“ werden) auch sagen, wenn sie nicht mal mehr die grundlegendsten Disziplinen des Bankgeschäfts zuverlässig beherrscht? Also Zahlungsverkehr und Liquiditätsversorgung?

Da ist (dies nur nebenbei bemerkt) von fast schon rührender Peinlichkeit, dass die Commerzbank in ihrem jüngsten Geschäftsbericht gleich 57-mal das Schlagwort „Digitalisierung“ auffährt. In diversen weiteren Flexionen kommt das Wort bzw. der Wortbestanteil „digital“ noch weitere 114-mal vor.

Redet man dieser Tage mit IT-Experten, dann bekommen man zu hören, dass sich von außen kaum diagnostizieren lasse, was bei der Commerzbank denn genau hakt.

Eine Auffälligkeit allerdings gibt es.

Mithilfe des Internetportals „allestoerungen.de“ lässt sich nämlich annäherungsweise nachvollziehen, wann es bei der Commerzbank in den vergangenen zwölf Monaten zu größeren Störungen (Definition unsererseits: mehr als 50 Beschwerden innerhalb eines sehr engen Zeitkorridors) kam. Siehe unsere kleine Liste (wobei wir nur die jeweiligen Peaks gezählt haben, insgesamt gab es bei diesen Störungen weit mehr Meldungen):

  • 29. Juni 2018 mit in der Spitze 77 gleichzeitigen Meldungen
  • 31. Juli 2018 mit 360 Meldungen (Beginn Großstörung)
  • 1. August bis 2. August 2018 mit 355 Meldungen (Ende Großstörung)
  • 24. August 2018 mit 545 Meldungen
  • 31. August 2018 mit 134 Meldungen
  • 28. September 2018 mit 59 Meldungen
  • 30. November 2018 mit 69 Meldungen
  • 2. Januar 2019 mit 91 Meldungen
  • 8. Januar 2019 mit 954 Meldungen
  • 31. Januar 2019 mit 65 Meldungen
  • 28. Februar 2019 mit 78 Meldungen
  • 12. März 2019 mit 304 Meldungen
  • 29. März 2019 mit 53 Meldungen
  • 6. Mai 2019 mit 88 Meldungen
  • 31. Mai 2019 mit 184 Meldungen (Beginn Großstörung)
  • 3. bis 7. Juni 2019 mit 246 Meldungen (Ende Großstörung)
  • 28. Juni 2019 mit 2138 Meldungen
  • 1. Juli 2019 mit 647 Meldungen

Vielleicht ist es Ihnen ja aufgefallen: In Schwierigkeiten gerät die Commerzbank-IT offenbar meist dann, wenn besonders viel Zahlungsverkehr abzuwickeln ist – nämlich am jeweils letzten und ersten Werktag eines Monats. Und: Das sind die Tage, an denen traditionell besonders viele Überweisungen, Daueraufträge und Verfügungen anfallen.

Wären die Störungen völlig zufällig verteilt, müssten 2 der 18 auf den ersten oder letzten Werktag fallen, da ein Monat im Schnitt 22 Werktage hat.

Es sind aber: 14 von 18! (siehe die gleiche Liste wie oben, nur hier mit gefettetem ersten bzw. letztem Werktag im Monat)

  • 29. Juni 2018 mit in der Spitze 77 gleichzeitigen Meldungen
  • 31. Juli 2018 mit 360 Meldungen (Beginn Großstörung)
  • 1. August bis 2. August 2018 mit 355 Meldungen (Ende Großstörung)
  • 24. August 2018 mit 545 Meldungen
  • 31. August 2018 mit 134 Meldungen
  • 28. September 2018 mit 59 Meldungen
  • 30. November 2018 mit 69 Meldungen
  • 2. Januar 2019 mit 91 Meldungen
  • 8. Januar 2019 mit 954 Meldungen
  • 31. Januar 2019 mit 65 Meldungen
  • 28. Februar 2019 mit 78 Meldungen
  • 12. März 2019 mit 304 Meldungen
  • 29. März 2019 mit 53 Meldungen
  • 6. Mai 2019 mit 88 Meldungen
  • 31. Mai 2019 mit 184 Meldungen (Beginn Großstörung)
  • 3. bis 7. Juni 2019 mit 246 Meldungen (Ende Großstörung)
  • 28. Juni 2019 mit 2138 Meldungen
  • 1. Juli 2019 mit 647 Meldungen

Nun ist Korrelation nicht gleich Kausalität. Und, um es klar zu sagen: Es kann alles auch blanker Zufall sein. Der guten Ordnung halber haben wir dennoch mal geschaut, wie denn die (nicht annähernd so spektakulären) Störungen aller Art bei einer anderen großen Bank in Deutschland in den letzten 12 Monaten verteilt waren: 2 von 12 am letzten oder ersten Werktag eines Monats. Und wie die bei einer großen Direktbank: 1 von 9 am ersten oder letzten Werktag. Offenbar sind die Häufungen zum Monatswechsel also  nicht „branchenüblich“.

Man darf zudem den IT-Verantwortlichen der Coba zutrauen, Experimente am offenen IT-Herzen nicht dann durchzuführen, wenn das Zahlungsaufkommen ohnehin explodiert, nämlich zum Monatswechsel mit den ganzen Gehalts- und Transfereingängen, Mietzahlungen, Beiträgen, Abschlägen, Sparplänen, Versicherungensprämien und mehr. Was darauf hindeutet: Womöglich sind die Abstürze keine Folgen von modernisierenden Frickeleien. Sondern: Womöglich hat die Commerzbank ja schlicht ein Performanceproblem in ihrer IT, wenn es besonders trubelig wird?

Interessant in dem Zusammenhang: Im August 2018 kündigte die Commerzbank an, die Abwicklung ihrer Zahlungsdienstleistungen (alle SEPA-, Echtzeit-, Multi-Currency- und Inlandszahlungen) an den B2B-Payment-Dienstleister Equens Worldline auszulagern. Eine Finanz-Szene.de Anfrage, ob Equens Worldline in die Häufung der Pannen verwickelt sei, beantwortete ein Sprecher vergangene Woche so: „In Absprache mit der Commerzbank möchten wir uns an dieser Stelle nicht dazu äußern, wo genau das Problem lag.“

Aus der damaligen Pressemitteilung zur Auslagerung geht indes die Hausnummer der Transaktionen hervor, die bei der Commerzbank pro Jahr anfallen: Es sind 4 Mrd. Zahlungsvorgänge pro Jahr und somit rund 16 Mio. pro Werktag. Zu Monatswechseln vermutlich ein Mehrfaches davon. Was auch demonstriert, was auf dem Spiel steht, wenn die Systeme zur Unzeit wackeln.

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