Exklusiv

Ist das noch Fintech? Wie die Allianz ihren Robo-Killer bepreist

8. August 2019

Von Christian Kirchner

Alles ist angerichtet für den großen Wurf im deutschen Robo-Advisor-Markt: Anfang letzten Jahres stieg zunächt die Allianz beim britischen Fintech Moneyfarm ein (und baute seine Beteiligung später auf 38% aus, wie Finanz-Szene.de aufdeckte); Ende 2018 übernahmen Moneyfarm  dann den deutschen Robo-Pionier Vaamo; und im Juni kündigte die Allianz schließlich den Launch des neuen Moneyfarm-Deutschland-Robos für September an.

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Kleiner Schönheitsfehler im ansonsten perfekten Drehbuch: Das mit dem Marktstart im September war ein bisschen geflunkert. (siehe unten}. Denn tatsächlich hat Moneyfarm seinen Soft-Launch bereits hingelegt, wie Finanz-Szene.de bei einem kleinen Praxis-Test herausfand. So läuft bei einem der Vertriebspartner bereits die Betaphase, nämlich bei 1822, der Online-Bank der Frankfurter Sparkasse. Die sucht Kunden, die „Moneyfarm jetzt exklusiv kennenlernen“ wollen. 

{Nachtrag von Finanz-Szene.de: Moneyfarm verweist darauf, dass dieser Fahrplan mit einer Betaphase bereits im Juni 2019 so offen kommuniziert worden sei – daher stimmt unsere Formulierung „ein bisschen geflunkert“ nicht}

Eine Gelegenheit, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollten. Wobei wir uns bei unserem kleinen Produkttest vor allem von einer Frage haben leiten lassen. Wie viel „Robo“ kann eigentlich noch in dem Angebot stecken, wenn hinter dem, was mal Vaamo war, jetzt Moneyfarm steht – und dahinter wiederum die Allianz samt ihrer ja doch sehr klassischen Fondstochter, der Allianz Global Investors.

Oder kürzer gefragt: Ist das überhaupt noch Fintech?

Die ursprüngliche Idee der Fintech-Robos war es, Anlageprodukte an den Markt zu bringen, die nicht nur digital, sondern auch regelbasiert, passiv, transparent und kostengünstig daherkommen. Welche dieser vier Kriterien treffen auf das Angebot von Moneyfarm Deutschland zu?

  • Regelbasiert? Ist das ganze nicht, sondern gleich an mehreren Stellen „aktiv“.
  • Passiv? Ist das Angebot insofern nicht, als dem Angebot auch aktiv gemanagte Fonds zugrundeliegen.

Und was ist mit den beiden vielleicht wichtigsten Distinktionsmerkmalen digitaler Angebote, nämlich der Transparenz und dem Kostenvorteil?

Unser kleine Kostenanalyse:

Moneyfarm kalkuliert für ein – basierend auf der Risikoneigung des Kunden  – „ausgewogenes“ Portfolio für eine einmalige Anlage von 25.000 Euro mit einer Minderung der Rendite durch Kosten im ersten Jahr von 1,4%. Auf Sicht von 20 Jahren sind es 1,2% p.a. Für das risikoreichste Portfolio mit sehr hohem Aktienanteil würden anfänglich 1,36% fällig, für das defensivste Portfolio immer noch 1,2%.

Detailliert aufgeschlüsselt sieht die Kalkulation für das „ausgewogene“  Portfolio im ersten Jahr so aus:

in %
Vermögensverwaltung
laufende Kosten 0,7
Transaktionskosten 0,12
Finanzinstrumente
laufende Kosten 0,38
Transaktionskosten 0,09
Outperformance-Fee 0,12
Minderung Rendite  1,4

Nun muss allerdings hinzugefügt werden, dass bei Anlagesummen unter 15.000 Euro die laufenden Kosten (anders als in unserem Beispiel dargestellt) für die Vermögensverwaltung nicht bei 0,7%, sondern sogar bei 0,9% liegen (fairerweise: Bei sehr großen Vermögen sinkt dieser Kostenfaktor auf bis zu 0,3%). In diesem Fall der kleineren Summe addiert sich die Renditeminderung durch Kosten kalkulatorisch also schon auf 1,6% pro Jahr .

Vergleichen wir diese Werte nun mit den Kosten für herkömmliche Fonds. Finanz-Szene.de hat hierzu die 125 von Allianz Global Investors angebotenen Publikums-Mischfonds für Privatanleger einem Kostencheck unterzogen – und ermittelte  durchschnittliche Kosten von: 1,55%.

Ziehen wir nun einen weiteren Vergleich heran – nämlich den mit den „Robos“: Marktführer Scalable Capital arbeitet hier mit Gesamtgebühren von maximal 0,94%, Quirion begnügt sich mit 0,74% pro Jahr. Die alten Vaamo-Portfolios (welche nach Unternehmensangaben auch weitergeführt werden) kamen mit 0,53% bis 1,24% Gebühren inklusive allem aus.

Kann es also sein, dass das Moneyfarm-Deutschland-Angebot eher wie ein klassischer Fonds bepreist wird – und nicht wie eine Fintech-Lösung?

Auf Anfrage von Finanz-Szene.de teilt Moneyfarm Deutschland mit: „Wir halten wir die Differenz zwischen 1,2 Prozent und den von Ihnen ermittelten 1,55 Prozent im Schnitt der Mischfonds von Allianz Global Investors schon für sehr deutlich. Noch dazu sind beide Angebote nicht wirklich vergleichbar.“

(Interessant übrigens: Im „Handelsblatt“ hatte es neulich basierend auf einem Gespräch mit einem der Moneyfarm-Gründer geheißen: „Ab September soll es [Anm.: das Angebot] ab einem Mindestanlagebetrag von 5.000 Euro frei zugänglich sein. Die Kosten sollen je nach Anlagebetrag zwischen 0,6 und 1,3 Prozent pro Jahr liegen – inklusive Fondskosten und gegebenenfalls 0,1 Prozent Performance-Gebühr.“)

Kommen wir nun zum zweiten Teil unseres Tests …

Unsere kleine Transparenz-Analyse:

Im Zuge unseres Betatests vesuchten wir herauszufinden, wie sich das „ausgewogene“ Portfolio denn überhaupt zusammensetzt. Denn: Will man als Anleger nicht wissen, was der vermeintliche Hybrid-„Robo“ denn da für einen zusammenstellt bzw. zusammenstellen würde?

Wir wie jedoch feststellen mussten, gab es im gesamten Anmeldeprozess bis zum Abschluss lediglich indikative Angaben in den „Anlagerichtlinien“. Nämlich: dass maximal 75% Aktien zum Einsatz kämen und der Vergleichsindex zu 53,5% aus einem Welt-Aktienindex und zu 46,5% aus einem Euro-Anleihenindex bestehe. Eine ziemliche Blackbox also, das alles.

Auf Nachfrage (in der Rolle des Kunden, nicht des Journalisten) erhielten wir eine Liste von 14 Fonds, die im „ausgewogenen“ Portfolio zum Einsatz kommen. Sieben davon waren passive ETFs. Die anderen sieben waren aktiv gemanagt – und bei drei davon handelte es sich wiederum um Allianz-GI-Produkte. Nähere Angaben zur aktuellen beziehungsweise letzten tatsächlichen Allokation bekamen wir nicht. Die werden laut AGBs in Zukunft „ex post“ veröffentlicht (also wenn aus dem potenzielle Kunde bereits ein tatsächlicher Kunde geworden ist).

Moneyfarm teilt hierzu mit, die Allokation “ sei öffentlich und unsere Kunden können sie jederzeit einsehen“, man halte es aber “ nicht für relevant, die exakte Zusammensetzung jedes einzelnen Portfolios schriftlich zu kommunizieren“. Ferner  werde es zum echten Marktstart „schon im Onboarding wahrscheinlich mehr Informationen zu den Portfolios geben wie einen Breakdown nach Regionen, Asset-Klassen etc.“

Fazit

Ist das also noch Fintech? Das mag jeder für sich selbst definieren. Ein Robo-Advisor im ursprünglichen Sinne ist Moneyfarm Deutschland jedenfalls nicht.

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