Wahnsinns-Wette? Comdirect-Aktivist geht „short“ bei Flatex

8. Oktober 2019

Von Christian Kirchner

Die angestrebte Veräußerung des Wertpapierbrokers Flatex (zuvor bekannt als „Fintech Group“) dürfte der medial bestunterstützte M&A-Prozess seit langem sein.

  • Das Präludium datiert noch aufs Kalenderjahr 2017. Damals kürte die „Bild“ zunächst den Fintech-Group-Chef zu „Deutschlands ehrlichstem Banker“ (Link). Dann begann die „Bilanz“, die „solide“, „hochprofitable“, „innovative“ und „schnell wachsende“ Fintech Group zu „Europas aussichtsreichster Fintech-Aktie“ und zum „potenziellen Übernahmekandidaten“ auszurufen (Link).
  • Anfang Juli dieses Jahres folgte schließlich die offizielle Mitteilung, dass Flatex „strategische Optionen einschließlich eines Teilverkaufs“ prüfe …
  • … bevor wiederum „Bilanz“ am 13. August von 25 (!) Interessenten berichtete und anonyme Investmentbanker zitierte, die Verkaufskurse von 35 Euro (Kurs damals: 25 Euro) für realistisch hielten …
  • … und unter den Interessenten befand sich, wie zwei Tage später im „Handelsblatt“ nachzulesen war, auch Goldman Sachs
  • … bevor sich erneut laut „Handelsblatt“ Anfang Oktober der Bieterkreis auf vier (natürlich immer noch inklusive Goldman Sachs!!!) verengte.

Da gerät dann leicht mal in Vergessenheit, dass laut eines früheren „HB“-Artikels die indikativen Gebote eigentlich doch schon am 20. August hätten abgegeben werden sollen …

Warum dauert das denn so lange? Braucht die Investmentbank Lazard, die den Prozess orchestriert, sechs Wochen, um aus allen Angeboten die vier besten auszuwählen?

Jedenfalls: Neben uns scheint es da draußen noch jemanden zu geben, der das ganze Procedere ein bisschen seltsam zu finden scheint – nämlich der Ösi-Hedge-Fonds Petrus Advisers mit Sitz in London. Der nämlich hat laut Mitteilung vom 4. Oktober eine Leerverkaufs-Position von 0,51% bei Flatex aufgebaut.

Das ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, …

  • … denn bei Petrus Advisers handelt es sich um den gleichen Hedge-Fonds, der bei der Comdirect seit Herbst 2017 als Aktivist agiert – allerdings „long“. Jüngst baute Petrus seine Position meldepflichtig auf über 3% aus.
  • … denn bei einem (angeblich) so ultraheißen Übernahmekandidaten wie Flatex „short“ zu gehen, würde unter normalen Umständen fast suizidal anmuten. Schließlich muss der Leerverkäufer ja jederzeit damit rechnen, von einem kompletten Übernahmeangebot oder gar einer Bieterschlacht überrumpelt zu werden. Zumal: Die Gewinnchancen bei einem Leerverkauf sind limitiert, die Verlustrisiken quasi unbegrenzt.

Was also treibt Petrus Advisers um? Eine Finanz-Szene.de Anfrage blieb unbeantwortet. Und auch Flatex gibt sich unwissend. Kontakt zu Petrus haben es keinen gegeben. Und überhaupt: Der ganze Verkaufsprozess sei ja „keinesfalls öffentlich“, das meiste dessen, „was Sie in der Presse lesen können, sind Gerüchte und basieren nicht auf offiziellen Statements von uns“.

Auffällig jedenfalls ist, dass an der Börse die Euphorie  um den möglichen (Teil-)Verkauf längst verflogen ist: Seit Juli ging es für die Flatex-Aktie zunächst von rund 20 Euro auf bis zu 29 Euro. Inzwischen: Notiert das Papier trotz angeblichen Übernahme-Wettlaufs nur noch bei 22,80 Euro (im Mai 2018 waren es übrigens mal 35 Euro).

Bei Lichte betrachtet kann das alles nicht überraschen. Denn:  Im Kern gilt für Flatex ja das Gleiche wie für die Comdirect (siehe unsere große Analyse von gestern): Der Markt für Online-Broker ist inmitten einer Disruption, in der besonders für aktive und flexible Trader die Gebühren wettbewerbsbedingt in Richtung Null sacken. Folge: Egal ob Comdirect oder Flatex – gemessen am notorisch positiven Medienecho nehmen sich die Geschäftszahlen (unsere Tabelle zeigt die von 2018) eher bescheiden aus.

Comdirect B2C Flatex
Kunden (Mio) 2,52 0,29
Trades (Mio) 21,9 12,5
Umsatz (Mio) 334 125
EBIT (Mio) 55 34
Überschuss (Mio) 50 21
Börsenwert (Mio)* 1690 440
* Stand 7.10.2019

Und, nebenbei bemerkt, auch bei Flatex wirbt man zwar fortlaufend mit dem Neukundenwachstum – gingen aber im ersten Halbjahr Vorsteuergewinn und Überschuss zum Vorjahreszeitraum zurück.

Vielleicht ist die Wette von Petrus Advisers doch nicht so suizidal, wie sie auf den ersten Blick wirkt.

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