PSD2-Serie, Teil III

Wie die deutsche ING ihre PSD2-Mopperer besänftigt

23. August 2019

Von Christian Kirchner

Zugegeben: Bei unserem Lieblingsthema „PSD2“ ist nach dem Ende letzter Woche verhängten Bafin-Moratorium die ganz große Dringlichkeit erst einmal raus. Trotzdem wollen wir Ihnen den bereits geplanten dritten Teil unserer PSD2-Serie (den wir wegen der Newslage ja erstmal ins Wartehäuschen geschoben hatten) nicht vorenthalten. Denn: An der grundsätzlichen Frage, wie die Banken mit der neuen Richtlinie umgehen sollen, hat sich trotz des Moratoriums ja nichts geändert.

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Zoomen wir heute also hinein in das Fallbeispiel einer Bank, deren Namen Sie womöglich schon gehört haben – es geht um die ING Deutschland – und die sich aufgrund ihrer PSD2-Strategie seit Monaten moppernden Kunden ausgesetzt sieht. Womit sie freilich nicht alleine steht. Wir vermuten nämlich ganz stark, dass andere Banken dieser Tage mit ähnlichen Problemen kämpfen, der Fall der deutschen ING also stellvertretend für die Branche steht.

I. Die Vorgeschichte

Die PSD2, das war das ausgerufene Ziel, sollte den Wettbewerb stärken: Banken müssen deshalb in Zukunft zwingend eine Schnittstelle zur Verfügung stellen, über die andere Banken und sogenannte Drittanbieter (zum Beispiel Check24 oder Multibanking-Apps wie Finanzguru) von außen auf  Kontodaten zugreifen können -aber  natürlich nur bei Kunden, die dem explizit zugestimmt haben. Besagte Schnittstellen sollten nun bestimmten technischen Mindeststandards folgen. Dafür sollte den Banken im Gegenzug gestattet werden, bisher gültige Schnittstellen dichtmachen. Ursprünglich war als Stichtag hierfür der 14. September vorgesehen – bevor die Bafin letzte Woche erklärte, dass der Starttermin auf unbestimmte Zeit verschoben sei.

II. Das Problem

Die neu geschaffenen Schnittstellen funktionier(t)en bei Praxistests nicht zuverlässig. Hier nennen von Finanz-Szene.de befragten Beteiligten vor allem zwei Gründe: Erstens sei ein irrer Zeitdruck im Spiel gewesen. Und zweitens hätten die Umsetzungsregeln zu viel Spielraum gelassen – was faktisch dazu geführt habe, das einige Banken ihre neue Schnittstelle eher zur Abschottung als zur Marktöffnung genutzt hätten (was die Bafin offenbar ähnlich sieht, sonst hätte sie nicht ein Moratorium erlassen).

III. Wie die ING die PSD2 umsetzen wollte

Bislang können ING-Deutschland-Kunden auf unterschiedlichen Wegen auf ihr ING-Konto zugreifen – nämlich nicht übers normale Onlinebanking, sondern z.B. auch mit traditionellen Finanzsoftwares, die auf dem alten „deutschen“ Online-Banking-Standard HBCI/FinTS beruhen.  Unser Gastautor Klaus Igel hatte dies bereits vor einigen Monaten in einem Finanz-Szene.de-Gästeblog beschrieben.

Im Frühjahr kündigte die ING Deutschland nun an, den Zugriff auf die Kontodaten künftig nur noch über die PSD2-Schnittstelle zu gestatten. Die anderen Zugangswege – insbesondere die HBCI-Schnittstelle – stünden nicht mehr zur Verfügung. Unser Gästeblogger Igel kritisierte, dass sich die deutsche ING damit „ihre eigene PSD2-Welt“ schaffe. Was man durchaus so sehen kann. Man kann es aber eben auch völlig anders sehen. Denn wie gesagt: Bei der PSD2 sind die Spielräume sind groß und damit auch die Interpretationen vielfältig …

IV. Drei Sichtweisen auf die PSD2-Strategie der ING Deutschland

  • Kritisch gedacht folgt die deutsche ING zwar formell der neuen Richtlinie, diskriminiert aber externe Zugangswege und bürdet den Nutzern damit  Komfortverluste auf (wobei natürlich der Verdacht mitschwingt, dass es der ING letztlich darum geht, die Kunden ins eigene Onlinebanking zu zwingen). Der Gästeblogger Igel kritisierte, dass dieses Vorgehen „dem Grundgedanken der PSD2, den Wettbewerb zu fördern“ zuwiderlaufe. Stattdessen verschaffte sich die ING „einen Wettbewerbsvorteil“.
  • Quatsch, sagen andere aus der Branche. Die Entscheidung, den alten HBCI/FinTS-Zugang abzuklemmen, sei schlicht konsequent. So argumentierte die Fintech-Managerin Cornelia Schwertner im „Paymentandbanking“-Blog, die ING sei eine der wenigen Banken in Deutschland, die zumindest versuchten, die PSD2 fair, in die Zukunft gerichtet entwicklerfreundlich und über den deutschen Tellerrand hinaus zu denken.
  • Die ING selbst argumentiert, von einer Verkomplizierung des Zugangs über Drittanbieter könne keine Rede sein – der Zugriff werde „etwas komplexer, weil der Kunde zwei Faktoren eingeben muss, oder weil der Drittdienstleister ein Zertifikat bei der BaFin beantragen muss“. Beides seien „Vorgaben von PSD2 und daher nicht bankspezifisch.“

V. Die moppernden ING-Kunden

Was auch immer die Motive der deutschen ING gewesen sein mögen, die HBCI/FinTS-Schnittstelle abzuklemmen – mit einem hat die Bank mutmaßlich nicht gerechnet: Der Widerstand der (scheinbar?) kleinen Kundengruppe fällt verblüffend laut aus. Seit Monaten türmen sich auf der entsprechenden Seite der Bank bereits die Beschwerden. Ein kleiner Auszug aus knapp 1.000 Kommentaren:

„Wenn der HBCI Zugang zum Girokonto abgeschafft wird, ist die Ing mich als Kunden los – und mit Sicherheit noch sehr viele weitere.“

„Da HBCI zukünftig nicht mehr unterstützt wird, überleg ich die Bank zu wechseln. Ich kann nicht verstehe, dass das angeblich sicherste Onlineverfahren bei der ING abgeschafft wird.“

„Wie kann man als Bank die Bedeutung der HBCI-Schnittstelle falsch einschätzen? Weil die Verantwortlichen alle „Generation Mobile“ sind und sich nicht vorstellen können, dass viele Leute für die Verwaltungen ihrer KontEN bei BankEN eine Software benutzen, die das komfortabel ermöglich und die se Software mit HBCI arbeitet? Der Mobile-Hype ist nicht das ganze Leben….da gibts auch noch andere Endgeräte (wie einen veralteten PC), die es einem ermöglichen, professionell mit Konten umzugehen.“

„Wie stellt ihr euch eigentlich vor, wie Homebanking effektiv funktioniert? Ich war (Zukunft) schon Kunde als die Bank noch DiBa hieß und nutzte von Beginn an HBCI (heute FinTS).“

„So werde ich mir jetzt wohl eine neue Bank suchen müssen. Ich hatte gehofft die ING-DiBa würde die Kurve noch rechtzeitig kriegen. Ich kenne aktuelle keine Bank, die FinTS anbietet, die Ihren Kunden so in den Rücken fällt.“

„Hinter den Zeilen der ING Kommentare lese ich heraus, dass die ING Drittanbieter heraushalten möchte. Ich werde mein Konto bei der ING langsam auslaufen lassen.“

VI. Wie die ING reagierte

Die ING Deutschland reagiert bei HBCI/FinTS im Grund genauso, wie zuletzt bereits bei der Erst-nicht-und-dann-doch-Einführung von Apple Pay: Sie rudert zurück. Mutmaßlich aufgrund des Kundendrucks erklärt die Bank seit einigen Wochen (also schon vor dem Bafin-Moratorium), zumindest den Lesezugriff über die HBCI-Schnittstelle nun doch erst einmal aufrecht zu erhalten.

Ob die Bank darüber hinaus auch weiterhin den Vollzugriff – also zum Beispiel die Möglichkeit, Überweisungen zu veranlassen – anbietet? Ausgeschlossen scheint selbst diese Volte nicht mehr. Ein ING-Sprecher sagte auf Finanz-Szene.de, dies werde „geprüft“. Jetzt sogar mit mehr Zeit.

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