Analyse

Die Commerzbank macht den Mittelspur-Kriecher

8. Mai 2019

Von Christian Kirchner

Wer kennt das nicht von der Autobahn: Links rast ständig einer vorbei. Rechts tuckert mit 70 ein Brummi, dessen Fahrer nicht genug PS hat, um die Steigung hochzukommen. Und in der Mitte hat man den berühmten Mittelspurkriecher vor sich, der stoisch über zig Kilometer Spur und Geschwindigkeit hält.  Zu langsam für links. Und zu selbstbewusst, um dorthin zu wechseln, wo er eigentlich hingehört – nämlich nach rechts.

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Gemessen an den gestern vorgelegten Quartalszahlen ist die Commerzbank mit Martin Zielke am Steuer genau so ein Mittelspurkriecher. Und sie macht auch keinerlei Anstalten, die Spur zu wechseln. Belege gefällig?

Hier die (gerundeten) Erträge in den letzten fünf Quartalen (vor Sondereffekten)

2,2 Mrd. Euro
2,2 Mrd. Euro
2,1 Mrd. Euro
2,2 Mrd. Euro
2,2 Mrd. Euro (Q1 / 2019)

Und hier die Kosten:

1,6 Mrd. Euro
1,6 Mrd. Euro
1,6 Mrd. Euro
1,6 Mrd. Euro
1,6 Mrd. Euro (Q1/2019)

Aus den schwankenden Variablen „Risikoergebnis“ und „Bankenabgabe“ ergibt sich dann ein Nettogewinn, der zwischen 110 und 270 Mio. Euro je Quartal pendelt. Im Q1 waren es eher niedrige 120 Mio. Euro – immerhin etwas mehr als von Analysten erwartet.

Ein bisschen besser in Sachen Profitabilität (Netto-Eigenkapitalrendite: 1,9%) und Kosten-Ertrags-Ratio (85%) war die Coba damit auch als die Deutsche Bank. Und dürfte es auch, sofern die Analystenschätzungen für beide Banken akkurat sind, im Gesamtjahr bleiben. So weit, so gähn. 

Wie es auf der linken Spur zugeht: da erwirtschaften Banken annähernd zweistelligen Eigenkapitalrenditen (Schnitt Eurozonen-Banken 2019e: 9%) und haben ein Drittel niedrigere Kosten-Ertrags-Ratios (Schnitt Eurozonen-Banken 2019e: 61%). 

Kann es auf der Mittelspur wirklich weitergehen? Ein Blick in die Details:

  • Im jetzigen Tempo kommt die Commerzbank gewiss weiter, wenngleich nicht flott. Das wird nicht allen passen. Aber eine Notwendigkeit, nach der geplatzten Fusion einen Plan B auszuarbeiten, wie es die Deutsche Bank auch ausweislich ihres weiter sinkenden Aktienkurses tun muss, besteht bei der Commerzbank (noch) nicht.
  • Die Bank dreht in der Baufinanzierung ein großes Rad – und steigerte das Bestandsvolumen an Krediten auf Jahressicht um 9 % auf 76,5 Mrd. Euro. Das ist stark marktüberdurchschnittlich (Wohnbaukredite deutschlandweit Q1: +4,9%), zumal eine Bank sich schon strecken muss, angesichts permanent auslaufender Altfinanzierungen ihr Volumen konstant zu halten.
  • Die Commerzbank gewährte mit ihrer Präsentation einen interessanten Einblick, welche Erträge (wohlgemerkt: Erträge, nicht Gewinne) die Neukunden liefern.

Hierzu sollte man wissen, dass das von der Commerzbank zum Mantra erhobene, gewiss nicht billige und stets mit Stolz vorgetragene Neukundenwachstum sich eben seit Jahren nicht in steigenden Erträgen in der Sparte niederschlägt. Seit 2016 gewann die Bank nach eigenen Angaben netto (inklusive der Comdirect-Tochter) 1,2 Millionen (!) Kunden hinzu, mithin also so viel, wie die A-Metropole Köln Einwohner hat. Gelegentlich hilft eine Visualisierung, über welche Dimensionen wir in der Neukundenschlacht reden.

Die Erträge im Privat- und Unternehmerkundengeschäft blieben hingegen selbst mit einem „Köln“ netto mehr an Kunden seit 2016 zuletzt quasi unverändert zum Vorjahr bei 1,2 Mrd. Euro im Quartal. Dabei müssten die Neukunden ja längst, siehe Grafik oben, massive Ertragsbeiträge leisten. Der operative Gewinn der Sparte sank gegenüber 2018 gar um ein Viertel.

Wenn die Neukunden tatsächlich nach 18 Monaten profitabel sind und schon nach drei Jahren im Schnitt 300 Euro Ertrag einbringen, dann ist die Neukundenstrategie eben doch keine echte Wachstumsstrategie. Sondern: ein notwendiges Strampeln, um den Ertragseinbruch an anderen Stellen und durch andere Kunden zu kompensieren. (Ein Ansatz, bei dem sich der Rivale Deutsche Bank offenbar auch etwas abgeschaut hat…). Denn…

  • … die Commerzbank schafft es auch ausweislich ihrer gestern vorgelegten Zahlen nicht, sich unabhängiger von den strukturell unter Druck stehenden Zinserträgen zu machen und die Provisionserträge zu steigern. Letztere sanken im ersten Quartal – einer am Kapitalmarkt hervorragenden Periode mit wieder bester Stimmung, steigenden (provisionstragenden) Assets – um 4% gegenüber dem Vorjahr. Zur Erinnerung: Es sind ja laut Auskunft der Banken (und der Bundesbank) gerade die Provisionserträge, die auf lange Sicht den Ergebnisverfall bei den Zinsen kompensieren sollen. Was allerdings die letzten drei Jahre so gut wie nicht geklappt hat. 

Solange der Verkehr auf einer flachen, abschüssigen, gut geteerten Straße rollt, ist das alles kein Problem. Die Konjunktur läuft hervorragend, die Kreditausfälle sind niedrig, die Kunden fragen eifrig Immobilienkredite nach, und die verwalteten Assets (teils provisionstragend) wachsen quasi von alleine, solange es an der Börse brummt.

Ewig geht das indes auf keiner Route der Welt so weiter. Zumal sich die Banken schlicht nicht ewig gegenseitig teuer die Kunden abjagen können und sich nun auch die Deutsche Bank in den Kampf um Kunden eingeschaltet hat. Der Kuchen (im Beratersprech: der „Profit Pool“) wird nicht größer. Sondern durch Wettbewerb und Nullzinsen kleiner. Und bestenfalls anders verteilt.

Kommt indes ein Käufer, dürfte das für die Mitarbeiter angesichts der aktuellen Kosten-Ertrags-Relation und Profitabilität der Commerzbank auch nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig werden. Egal, ob es aus den Niederlanden, Frankreich oder Italien kommt. Gehupt hat von hinten gleichwohl noch niemand, sagte gestern Finanzchef Stephan Engels. 

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