Exklusiv

Die Schrumpf-Exzesse der deutschen Santander

24. April 2019

Von Christian Kirchner

Falls Sie sich von Zeit zu Zeit fragen, wo die ganzen Jubelmeldungen über immer mehr Kunden, immer mehr Konten und immer mehr Wachstum in der deutschen Kreditwirtschaft herkommen: Laut der jüngsten Zahlungsverkehrsstatistik der Bundesbank eröffnen die Deutschen an jedem einzelnen Werktag im Schnitt 10.000 neue Onlinekonten – netto, das heißt, bereinigt auch um Schließungen. 150 Millionen Konten unterhalten die Menschen zwischen Flensburg und Garmisch mittlerweile. Was reichlich Potenzial bietet, der Öffentlichkeit immer neue Wachstumsstories zu verkaufen mit lauter Kunden, die demnächst ganz viel Geschäft bringen.

Um so erfrischender, dass es auch Anbieter gibt, die einen entschieden gegenteiligen Weg einschlagen. Zum Beispiel: die in Mönchengladbach ansässige Santander Consumer Bank, nach Kundenzahl (4,7 Mio) eines der größten Kreditinstitute überhaupt hierzulande.

Jedenfalls noch. „Finanz-Szene.de“ hat sich aus aktuellen Anlass (der Start der „Openbank“ der spanischen Mutter Santander, siehe unsere gestrige Berichterstattung) einfach mal die Mühe gemacht, die jüngsten Geschäftsberichte der deutschen Santander zu durchstöbern. Was auch insofern ein lohnenswertes Unterfangen war, als die Spanier von sich aus schon seit Jahren nichts mehr zu ihren deutschen Geschäftszahlen sagen.

Und was ist rumgekommen bei unseren Recherchen? Halten Sie sich fest: Rumgekommen ist, dass die deutsche Santander eine Downsizing-Politik betreibt, wie wir das selten bei einer Bank gesehen haben. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie mal bitte hier, die Angaben aus dem 2018er-Abschluss jeweils verglichen mit denen von 2014:

  • Zahl der Konten: minus 19%
  • Zahl der Kunden: minus 25%
  • Zahl der Filialen: minus 36%
  • Erträge: minus 27%

(wobei, grob überschlagen, mehr als zwei Drittel dieser Rückgänge auf 2017 und 2018 entfielen, weil die Bank ein, wie es schön heißt,  Transformationsprogramm durchläuft)

Das liest sich, als hätten wir da eine Bank mit beinahe schon suizidalen Neigungen aufgespürt. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht verweigert sich die deutsche Santander einfach nur der unter hiesigen Bankern (Hallo, Herr Zielke …) beliebten Sichtweise, man könne aus Ertragsschwächen „herauswachsen“. Denn: Vielleicht ist radikales Downsizing ja der viel effektivere Weg, um Profitabilität zu erhalten bzw. zurückzugewinnen. Zumindest scheint das der Weg zu sein, den die deutsche Santander eingeschlagen hat.

Während jedenfalls die weiter oben genannten Kennzahlen steil abfallen, liegt die Kosten-Ertrags-Ratio der Santander Consumer Bank schon seit Jahren flach wie ein Brett, sie pendelte all die Jahre irgendwo zwischen 59% und 62%. Das Ergebnis vor Steuern lag zuletzt bei immerhin 460 Mio. Euro, nach 560 Mio. Euro vor fünf Jahren.

Nun unterhält die stark im Auto- und Konsumentenkreditgeschäft engagierte Santander weiterhin noch 210 Filialen (noch, da es nun gut ein Drittel weniger sind als noch vor zwei Jahren) – und nennt knapp 5 Mio. Kunden ihr Eigen.

Gleichwohl hat die Bank ausweislich ihrer Geschäftsberichte innerhalb der letzten beiden Jahre mehr Kunden verloren bzw. ziehen lassen, als in Köln Menschen wohnen, genauer: rund 1,2 Mio. Das schreit nach Erklärungen und Einordnungen – allerdings bittet ein Sprecher um Verständnis, dass man sich „unterjährig nicht zu den Geschäftszahlen oder zur Geschäftsstrategie von Santander Deutschland äußern“ möchte (Anmerkung: der 2018er-Abschluss wurde Anfang April im Bundesanzeiger veröffentlicht. Wann, wenn nicht jetzt, wäre der richtige Zeitpunkt, zu den Zahlen Stellung zu nehmen?).

Die Schweigsamkeit könnte womöglich auch damit zusammenhängen, dass die Rückgänge in einzelnen Sparten stärker ausfallen als einkalkuliert. Plangemäß klingt noch, was 2018 im Warengeschäft (Finanzierungen von Möbeln, Unterhaltungs-Elektronik, Computern …) an Kreditumsatz erzielt wurde – hier ist nämlich von einem „erwarteten rentabilitätsorientierten Rückgang des Neugeschäfts“ die Rede, wobei das Minus mit 35% üppigst ausfällt.

Aber schon beim für Banken immer wichtigeren Provisionsüberschuss wechselt der Ton – der blieb 2018 laut Geschäftsbericht „sehr deutlich unter den Erwartungen“. Die gesamten Provisionserträge sanken zum Vorjahr 18 Prozent. Gründe sei dabei ein „Neugeschäftsrückgang im Privatkundengeschäft“ und eine „generell geringere Kundennachfrage“. Ein Fünftel sanken zudem die Provisionserträge im Wertpapierdienstleistungsgeschäft zum Vorjahr.

Auch sank das Neugeschäftsvolumen in der Baufinanzierung um 22% – auch dieser Einbruch kam „unerwartet“, wie es im Geschäftsbericht heißt. Begründung für den nicht einkalkulierten Rückgang: Die Kunden  hätten „zurückhaltend auf Filialschließungen“ reagiert. Ein weiteres Beispiel: Die Neugeschäftsabschlüsse bei Ratenkrediten sanken „entgegen den Erwartungen“ zweistellig. Auch hier macht die Bank „Filialschließungen im Berichtsjahr“ für den Rückgang mitverantwortlich. Und nicht zuletzt schloss oder verlor die Bank im Jahresverlauf pro Werktag im Schnitt gut 400 Einlage- oder Girokonten, letztere im Geschäftsbericht noch eigens als „Grundlage jeder Bankgeschäftsbeziehung“ apostrophiert.

Sind Filialschließungen im großen Stil also doch der falsche Weg (worauf ja auch die unterm Strich eher mageren Ergebnis der HVB in den letzten Jahren hindeuten könnten)? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Denn die (wechselnden Vorstandschefs) der Deutschen Bank und der Commerzbank haben ihren Investoren ja über Jahre hinweg erzählt, Sparen sei der falsche Weg, um langfristig wieder profitabel zu werden.

Und wohin hat diese Strategie geführt, die ja sozusagen das glatte Gegenteil dessen ist, was die deutsche Santander praktiziert? Dazu, dass die Deutsche und Coba jetzt vor lauter Ertragsschwäche über eine Fusion verhandeln- Besonders auffällig: Die Commerzbank hat binnen fünf Jahren 2,9 Mio. bzw. knapp ein Fünftel an Kunden hinzugewonnen. Genutzt hat dies allerdings indes weder den Erträgen (minus sechs Prozent) noch der Kosten-Ertrags-Ratio (unverändert).

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