Analyse

Faktencheck: Woran krankt das deutsche (Groß-)Bankentum wirklich?

6. Juni 2019

Von Christian Kirchner

Woran die deutschen Banken kranken, braucht wir Ihnen, liebe Banker*innen, ja nicht zu erklären (die Zinsen, die Kosten, die Regulierung …). Nicht ganz so trivial ist die Sache allerdings, wenn man fragt, warum ausgerechnet der deutsche Bankensektor so ein Profilitabilitätsproblem hat – wo doch die Unicredit, die BNP Paribas oder die Santander einen Milliardengewinn nach dem nächsten verkünden (auf Quartalsbasis wohlgemerkt). Sind denn die Zinsen nicht überall in Europa tief? Gelten die Vorschriften der Regulierer nicht andernorts auch? Und gibt es in, sagen wir, Frankreich etwa keine Gewerkschafter,  die sich gegen gepflegtes Cost Cutting zur Wehr setzen?

Jedenfalls:  Auf ein Argument, warum die deutschen Banken besonders wenig verdienen, können wir uns vermutlich einigen. Es lautet: „overbanked“ – aber was ist mit den anderen Thesen, die da draußen kursieren? Stimmt es z.B., dass die hiesigen Banken viel stärker unter der EZB-Politik leiden als die südeuropäischen (die Lieblingsthese vieler Frankfurter Großbanker)? Und was ist mit dem vermeintlichen Quasi-Fakt, dass die deutschen Banker einfach nicht genug sparen (siehe die Äußerungen von Felix „Kein Jota“ Hufeld neulich)?

Alles in allem haben wir sechs derartige Thesen ausgemacht – und die haben wir dann mit einer der besten Datensammlungen abgeglichen, die es überhaupt zum europäischen (Groß-) Bankensektor gibt. Nämlich mit dem bis in Nuller Jahre zurückragenden Merger-Simulator der Research-Abteilung der schweizerischen UBS, wo Jahr für Jahr jede noch so detaillierte Kennziffer drinsteht. Begonnen haben wir mit dem „Post-Lehman“-Jahr 2009.

Zwar hat die Studie den Nachteil, dass unter den 49 börsennotierten europäischen Großbanken nur zwei deutsche sind (nämlich die Deutsche Bank und die Commerzbank). Wenn man die Spezifika der beiden Frankfurter Geldhäuser mit ihrem nicht eben schmalen Marktanteil in Deutschland allerdings nicht völlig aus den Augen verliert – dann ist der UBS-Datensatz (unserer Meinung nach) trotzdem geeignet, die sechs Thesen einem Realitäts-Check zu unterziehen. Auf geht’s:

Ausgangsthese: Die beiden deutschen Banken sind Profitabilitäts-Versager

Eigenkapitalrendite der Banken (RoTE) 2009-2018

In Bezug auf die Deutsche Bank und die Commerzbank stimmt die Ausgangsthese zweifellos. Was allerdings auffällt: Bis 2013 waren die beiden Frankfurter Großbanken deutlich profitabler als die Eurozonen-Banken im Schnitt – erst danach ging es kräftig runter. Das spräche eigentlich dafür, dass es tatsächlich die EZB-Niedrigzinspolitik war, die der hiesigen Kreditwirtschaft den Garaus gemacht hat (zur Erinnerung: Draghi „Whatever it takes“-Rede war 2012 …). Denn: Ist es nicht so, dass die hiesigen Banken mit ihren Bundesanleihen schon seit Jahren nichts mehr verdienen, während die italienischen oder spanischen Banken mit „ihren“ Staatsanleihen (die sich nach „Whatever it takes“ ja fulminant erholten) den großen Reibach gemacht haben?

Erklärthese I: Die Zinspolitik der EZB trifft die deutschen Banken viel härter als die südeuropäischen Institute (kurz: Draghi ist schuld)

Entwicklung der Zinsmarge seit 2009

Upps: Wie die UBS-Datensammlung unzweideutig zeigt, ist die Zinsmarge der beiden deutschen Großbanken kombiniert in den letzten Jahren nicht etwa gesunken, sondern gestiegen. Und das im europäischen Vergleich sogar überdurchschnittlich. Das ist, um es deutlich zu sagen, nicht repräsentativ für das gesamte deutsche Bankenwesen – an die „Draghi ist an allem schuld“-These gehören zumindest ein paar Fragezeichen.

Bleibt zu fragen: Woran liegt’s dann? Hat vielleicht doch der Bafin-Chef Hufeld recht, wenn er den deutschen Banken vorhält, ihre Kostenbasis sei seit der Finanzkrise „nicht um ein Jota gesunken„?

Erklärthese II: Die Sewings und Zielkes kriegen – anders als die Mustiers und Bonnafés – die Kosten nicht im Griff (kurz: Unsere CEOs sind Weicheier)

Entwicklung der Kosten der Banken in Mrd. Euro seit 2009

Veränderung der Kostenbasis 2009/2010 auf 2017/2018

Nochmal upps. Die aggregierten Kosten der beiden deutschen Großbanken waren 2018 nicht höher als 2009. Klar: Hier spielt das „Downsizing“ der Coba mit rein. Und nochmals: die beiden Institute stehen da nicht repräsentativ für alle Banken hierzulande. Aber: Es geht uns ja um den europäischen Quervergleich. Und wenn Sie sich da mal die relative Veränderung der Kostenbasis* der spanischen, der französischen oder gar der Benelux-Banken ansehen – dann stehen Deutsche Bank und Commerzbank nun wirklich nicht soooo schlecht da (sorry, Herr Hufeld – aber isso …). Auch wenn die anderen Banken fraglos mit besseren Kosten-Ertrags-Relationen arbeiten.

Bleibt die Frage: Woran kranken die deutschen Banken dann?

Erklärthese III: Die deutschen Banken werden – viel stärker als Institute anderswo in Europa – mit Einlagen geflutet (kurz: Der deutsche Michel ist schuld).

Veränderung der Höhe der Kundeneinlagen in Mrd. Euro 2009 auf 2018

Ein drittes Mal upps. Die deutschen Banken werden zwar in der Tat geflutet. Aber: Das werden die anderen auch.

Vielleicht müssen wir ein bisschen genauer hinschauen. Denn die Frage ist ja, was man mit den Einlagen macht …

Erklärthese IV: Die deutschen Banken sind – was die Aggro-Typen von Cerberus (und Apollo) ja gerade ändern wollen – im Aktivgeschäft nicht offensiv genug unterwegs (kurz: Ist Herr Hufeld vielleicht selber schuld, weil er immer nur warnt?)

Ratio Kredite zu Einlagen bei Banken in Prozent 2009-2018

Oja, tatsächlich. Deutschlands Großbanken vergeben gemessen an ihren Einlagen deutlich weniger Kredite als ihre europäischen Peers. Ob mangels Nachfrage oder zu strenger Kriterien, sei mal dahingestellt – jedenfalls ist die vierte Erklärthese die erste, die von den UBS-Daten gestützt wird.

Wobei man den Gedanken ja noch weiter spinnen kann. Denn: Heißt es nicht immer, die deutschen Banken seien seit jeher zu abhängig vom Zinsgeschäft? Dann täte die Volumenschwäche ja gleich doppelt weh …

Erklärthese V: Deutschlands Banken zahlen jetzt den Preis dafür, dass sie sich immer viel zu stark auf das Zinsergebnis verlassen haben (kurz: Die Historie ist schuld).

Anteil der Zinserträge an allen Erträgen in Prozent seit 2009

Nimmt man nur die Deutsche Bank und die Commerzbank, dann unterscheidet sich die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft hierzulande (53% an allen Erträgen) nicht fundamental vom Rest Europas (57%).  In Benelux und Spanien (wo die Großbanken „retailmäßiger“ unterwegs sind, als das die Deutsche Bank ist) sind die Werte sogar wesentlich höher. Natürlich: Bezöge man Sparkassen und Genobanken in die Betrachtung ein, bekäme man ein anderes Bild. Und doch: So richtig stichhaltig scheint uns auch „Erklärthese V“ nicht zu sein.

So oder so: Unbestritten ist, dass das Zinsgeschäft schwierig bleibt, solange die Zinsen nicht steigen (bzw.: Kippt die Konjunktur, dann würde ja sogar alles noch schlimmer, weil zu den niedrigen Zinsen dann auch noch steigende Ausfälle kommen …). Schaffen es die deutschen Banken also, endlich die Provisionen zu steigern – oder ist das mit den deutschen Kunden gar nicht zu machen?

Erklärthese VI: Solange die Deutschen immer nur sparen, aber nicht anlegen, wird das nichts mit den Provisionserträgen (kurz: Die „German Angst“ ist schuld)

Entwicklung der Provisionserträge seit 2009 bei Banken in Mrd. Euro

Veränderung der Provisionserträge 2009 zu 2018 in Prozent

Klares Bild: Überall ist der Provisionsüberschuss gestiegen – nur in Deutschland nicht. Zugegeben: Auch diese Statistik wird natürlich von der Deutschen Bank geprägt, die ihre Provisionen weniger im Retail- als im Investmentbanking verdient (oder eben auch nicht verdient). Und trotzdem: Commerzbank und Deutsche Bank verfügen zusammen auch über weit mehr als 30 Millionen Kunden. Unterm Strich steht der Befund, dass Banken anderswo in Europa das mit den Provisionen (wo auch immer diese herkommen mögen) besser draufhaben.

Conclusio

Die beiden unserem Eindruck nach beliebtesten Thesen für die Underperformance deutscher Banken im europäischen Vergleich (1. Draghi ist schuld; 2. Unsere CEOs sind Weicheier) werden von den Daten nicht gestützt.  Auch wenn außer Frage steht, dass die Lage in Sachen Zinsmarge und Zinserträge von hier an (2019) erheblich schwieriger wird, weil die Institute nicht länger mit sinkenden Einlagenzinsen „gegensteuern“ können bei den Zinsmargen.

Doch auch die Einlagenflut, ebensowenig wie die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft scheinen uns keine spezifisch „deutschen“ Probleme zu sein. So viel schlechter sind die Voraussetzungen für die deutschen Banken also nicht gewesen. Dass die Geldhäuser anderswo in Europa deutlich mehr Kredite ausgereicht haben – klar, das hat auch gesamtwirtschaftliche und kulturelle Gründe. Was hingegen die Provisionen angeht, würden wir die These wagen, dass die Banker in Frankreich, Italien oder Spanien schlicht einen besseren Job gemacht haben.

(Mit Dank an die UBS, die ihren Research samt aggregierter Daten auch Journalisten zur Verfügung stellt) 

* Kostenbasis 2009-2010 und 2017+2018 wurden jeweils zusammengerechnet, um Einmaleffekte der Jahre 2009 oder 2018 etwas zu glätten und den Langfristtrend aufzuzeigen

Methodischer Hinweis: Für die Niederlande wurde wegen massiver Einmaleffekte bei Kosten und Einlagen 2009 illustrativ die 2010er Zahlen verwendet. Bereinigte 2009er Zahlen konnten nicht ermittelt werden. 

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