Reportage: Zu Besuch beim Berliner Wunder-Fintech Hypoport*

5. Oktober 2017

Von Heinz-Roger Dohms

Das Haar brav gescheitelt. Die Füße in ledernen Schuhen. Und Sakko statt Kapuzenpulli. Ronald Slabke ist der ultimative Gegenentwurf zum landläufigen Klischee des Berliner Fintech-Gründers. Dazu passt, dass er weder an der Beisheim-School noch in Oestrich-Winkel studiert hat, sondern in Dresden. Und dazu passt auch sein Alter: Slabke ist nicht Ende 20. Sondern 44.

Was Ronald Slabke aber vor allem von den anderen Berliner Fintech-Gründern unterscheidet: Seine Firma Hypoport macht Gewinn. Und zwar nicht nur ein bisschen. Sondern so viel und in so steigender Tendenz, dass die Börse schon seit Jahren ganz verrückt nach Hypoport ist. Die Marktkapitalisierung liegt mittlerweile bei mehr als 900 Millionen Euro. In Dollar gerechnet ist Hypoport damit ein Unicorn, also ein junges Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde.

Die Zentrale von Hypoport liegt unweit der Berliner Alexanderplatzes, in einer unscheinbaren Ecke, geprägt von einer vielspurigen Straße, die die schicke Neue Mitte mit dem schicken Prenzlauer Berg verbindet. In gewisser Weise passt dieser Standort zum Unternehmen: Denn auch Hypoport ist unscheinbar, ein B2B-Spezialist, der andere Unternehmen miteinander verbindet, selber aber kaum in Erscheinung tritt. Nicht nur den Endkunden sagt Hypoport nichts. Selbst manche Menschen aus der Bankenwelt wissen mit dem Namen nichts anzufangen.

Was macht diese Firma also?

Hypoport ist Protagonist und Profiteur eines der wichtigsten Trends in der Finanzbranche: Weil die Kunden dank des Internets ohnehin immer informierter werden, gehen immer mehr Banken dazu über, in Beratungsgesprächen auch auf die Angebote anderer Institute hinzuweisen. Im Fondsbereich ist dies E S Vorgehen unter dem Stichwort „Offene Architektur“  schon lange üblich. Beim Festgeld kündigte die Deutsche Bank jüngst an, die Einlagen ihrer Kunden auf Wunsch auch an Institute zu vermitteln, die höhere Zinsen bieten. Am stärksten ist der Trend jedoch in der Baufinanzierung zu spüren – und für die technische Plattform sorgt Hypoport. Folge: Der Umsatz stieg seit der Börsennotierung in 2007 um 285 Prozent, der Vorsteuergewinn sogar um über 300 Prozent.

Gegründet wurde Hypoport offiziell erst 2001. Die Historie ist aber deutlich älter, sie geht zurück auf eine Lübecker Firma namens „Dr. Klein“, die vielen privaten Bauherren ein Begriff ist, weil man fast zwangsläufig über „Dr. Klein“ stolpert, wenn man im Internet nach einer günstigen Immobilienfinanzierung sucht. Indes: Als Ronald Slabke 1996 zu „Dr. Klein“ kommt, macht die Firma noch gar kein Retailgeschäft, sondern Kreditvermittlung für die kommunale Wohnungswirtschaft. Sie bringt also städtische Baugesellschaften und Hypothekenbanken zusammen. Und das schon seit den 1950ern.

Als Slabke bei „Dr. Klein“ anfängt, ist er gerade mal 22 – und ein Schnellentwickler. Er hat nach zwölf Jahren Abi gemacht, dann in Dresden drei Jahre an der Staatlichen Berufsakademie studiert, schließlich ein Jahr bei der Westdeutschen Immobilienbank in der Investorenbetreuung gearbeitet, bevor er nun bei „Dr. Klein“ als Assistent der Geschäftsführung anfängt. Es dauert ein Jahr, da hat er Prokura. Und noch zwei weitere – da gehört ihm der Laden.

Und das kam so: Die Gründerfamilie hatte „Dr. Klein“ an die Hamburg-Mannheimer verkauft. Der damalige Großversicherer (inzwischen längst in der Münchner Ergo aufgegangen) verlor jedoch Ende der 90er-Jahre die Lust an dem Geschäft. Also kauft Slabke gemeinsam mit dem Sohn des Gründers die Firma 1999 zurück. Ein klassisches Management-Buyout, wobei der Mittzwanziger Slabke seinen gut 16 Millionen D-Mark teuren Anteil fast komplett über Kredite finanzierte. „Das war ganz schön hoch geleveraged damals“, sagt er.

Denn Slabke erwirbt die Firma nicht nur – er stülpt ihr gleich eine neue Geschäftsidee über: Baufinanzierungen mithilfe des gerade entstehenden Internets. Mit den smarten Fintech-Lösungen, wie man sie heute kennt, hat das, was „Dr. Klein“ Ende der 90er Jahre treibt, allerdings noch nicht viel zu tun. „Online“ ist an dem ganzen Prozess erst einmal nur, dass der Kunden aus dem Internet einen Kreditantrag ausdrucken kann. Ausfüllen muss er ihn händisch, dann per Post zu „Dr. Klein“ nach Lübeck schicken – in der Hoffnung, dass sein Antrag ins Raster einer der wenigen Banken passt, die damals schon mit“Dr. Klein“ kooperieren. Es ist für alle Seiten ein mühseliges Procedere.

Wirklich Fahrt nimmt das Geschäft erst auf, als „Dr. Klein“ 2002 einen Schritt zurück in die analoge Welt macht – und beginnt, ein Franchise-System mit heute deutschlandweit mehr als 200 Beratungsbüros aufzubauen. Auch heute sind diese Büros im Retailgeschäft das entscheidende Glied in der Kette: Die Kunden suchen via Internet nach einem passenden Kredit, hinterlassen bei „Dr. Klein“ ihre Daten und werden daraufhin schließlich von ihrem regionalen Beratungsbüro kontaktiert. Interhyp, der größte Konkurrent im deutschen Markt, funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip.

Parallel zum Aufbau der Franchisekette leitet Slabke 2002 die Technologisierung seines Unternehmens ein. Das Vehikel dazu trägt den Namen Europace – eine Art Marktplatz für die elektronische Abwicklung von Baufinanzierungen. Das Hochschul-Spinoff, das die Rechte an Europace hält, fusioniert mit „Dr. Klein“, man gibt sich den gemeinsamen Namen Hypoport. Und es beginnt die Geschichte eines deutschen Ur-Fintechs.

Das ursprüngliche Geschäft mit den Wohnungsgenossenschaften spielt heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Den meisten Umsatz macht die Unternehmensgruppe inzwischen im Retailgeschäft, 86,1 Millionen Euro kamen 2016 zusammen. Das stärkste Wachstum indes verzeichnet Hypoport im B2B-Geschäft, sprich: mit dem Fintech-Tool Europace. In diesem Bereich stiegen die Erlöse im vergangenen Jahr um 9,6  Millionen auf 53,6 Millionen Euro, das Umsatzplus lag also bei 22 Prozent. Slabke ist überzeugt, dass Europace auch in den kommenden Jahren zweistellig wachsen wird, nicht nur wegen des Baubooms, „sondern weil die Plattform bereits heute von über 450 Vertragspartnern verwendet und in wenigen Jahren bereits von der Mehrzahl der Bankfilialen genutzt werden wird“.

Dazu muss man wissen: In den Anfangsjahren wurde Europace vor allem von Kreditanbietern verwendet, die selber keine oder kaum Filialen unterhielten – etwa Hypothekenbanken oder Versicherer. Auf der Plattform trafen sie auf Finanzdienstleister, die zwar Kunden mitbrachten, aber selber keine Kredite anboten – wie etwa der AWD. Mit der Zeit traten dann aber auch die ersten klassischen Banken dem elektronischen Marktplatz bei. Das beste Beispiel war die schwedische SEB, die mittlerweile zur Santander gehört. „SEB war die erste Bank, die sagte: Wir bieten unseren Kunden zwar eigene Kredite an, wollen ihnen aber auch den Zugang zu anderen Instituten ermöglichen, wenn es dort womöglich bessere Konditionen gibt“, sagt Slabke.

Er räumt ein, dass dieses Denken immer noch die Ausnahme ist – der meiste Traffic auf Europace kommt weiterhin von den neutralen Vertrieben, nicht von den Banken. „Die Gewichte aber verschieben sich“, sagt Slabke, „immer mehr Banken öffnen sich für die Idee der offenen Architektur“ – oder zumindest für eine halboffene Variante. So wird die Hypoport-Plattform mittlerweile von rund 220 Volks- und Raiffeisenbanken genutzt. Allerdings  vermitteln die meisten ihre Kunden ausschließlich an Institute aus dem eigenen, genossenschaftlichen Lager, also etwa an die Münsteraner WL Bank oder die Münchener Hypothekenbank.

Die Abwägungsentscheidung für die Banken ist grundsätzlich simpel: Nutzen sie Europace, dann geben sie freiwillig einen Teil ihrer Marge ab – was gerade in Zeiten verbreiteter Passivüberhänge bitter ist. Anderseits: Wenn eine Bank fürchten muss, den Kunden ganz zu verlieren, weil der sich nach dem Beratungsgespräch auf eigene Faust nach einem alternativen Anbieter umschaut – dann bietet die Plattform die Chance, zumindest den Kunden zu behalten. Und: Natürlich fließt eine Provision. Sie soll bei etwa 1,5 Prozent der Kreditsumme liegen, bei einem Baudarlehen von 200.000 Euro sind das immerhin 3.000 Euro. Hypoport selbst, so sagt Slabke, bekommt für einen über die Plattform vermittelten Kredit durchschnittlich rund 200 Euro. Klingt nach wenig, läppert sich aber: 2016 vermittelte Hypoport allein über Europace rund 200.000 Immobilienfinanzierungen.

* Bei dem Text handelt es sich um eine gekürzte und aktualisierte Fassung der Geschichte „Fintech aus den 50ern“, die vor rund einem Jahr im „International Bankers Forum“ (IBF) erschien.  Alle wichtigen Infos zum IBF finden Sie hier. Wenn Sie die aktuelle Ausgabe als E-Paper lesen möchten, dann klicken Sie bitte hier.

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