Analyse

Was wirklich hinter dem Aggro-Zins der Deutschen Bank steckt

6. Mai 2019

Von Christian Kirchner

Wie schlimm steht es eigentlich um die Deutsche Bank? Diese Frage drängt sich auf, betrachtet man den Eifer, mit dem die Blaubank auf der Suche nach Kundeneinlagen unterwegs ist: 0,75% Zinsen per annum fest bietet die Bank für eine sechsmonatige Anlage und nennt das „Zugreif-Zinsen“ bzw. „Festzinssparen“. (Details). Das ist nicht nur in der Höhe, sondern auch in der Ausgestaltung ungewöhnlich. Denn der Zins gilt für Neu- wie Bestandskunden, sofern letztere das Geld von einem anderen Institut zur Blaubank herüberschaufeln.

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Bild: Youtube-Clip/Deutsche Bank

Zur Verdeutlichung: Das ist das 75-Fache dessen, was aktuell die Commerzbank an Festgeldzinsen zahlt. Bei der gibt’s 0,01 Prozent und die auch nur bis maximal 20.000 Euro. Im hiesigen Wettbewerbsvergleich ist die Deutsche Bank damit mit höheren Zinsen unterwegs als Institute wie die libysch-italienische Banca UBAE, die italienischen Banca Progetto und die maltesischen Fimbank. Institute, die nicht so ganz nach der großen Welt des Bankings in der Taunusanlage klingen. Sondern eher nach Wechselstube in der Frankfurter Kaiserstraße. 

Hinzu kommt: Zwar schob die Deutsche Bank das Angebot mit dem Aggro-Zins zwar schon im Februar online und in die Filialen. Nun zündet sie allerdings mit einer millionenschweren Werbekampagne eine neue Stufe: Werbespots laufen seit Mitte April unter anderem bei ARD, ProSieben, RTL und natürlich auch Youtube (860.000 Abrufe in drei Wochen), stehen in Print und selbst in den Timelines der Nutzer von Facebook. Warum das alles, wo doch die Kundeneinlagen für andere deutsche Privatbanken und Sparkassen eher heißen Kartoffeln gleichen?

Darauf gibt es drei Antworten.

  1. Die Bank braucht neue Kunden, sie macht gewissermaßen bei der Akquise „die Commerzbank“. Und muss daher nach Jahren der Defensive auch richtig „klappern“, mit dicken Zinsen und einer massiven Kampagne.
  2. Sie möchte sich unabhängiger von Profianlegern machen und stärker über Privatanleger refinanzieren, denn die sind nicht ganz so reagibel, wenn die Hütte brennt.
  3. Sie würde gerne mehr Geld in riskante … Verzeihung: „High Quality Liquid Assets“ und „Higher Yielding Assets“, wie es der DBK-Finanzchef nennt, anlegen, aber das Ganze möglichst, ohne dass die Liquiditätsreserve insgesamt zu stark unter Druck gerät.

Zu Grund eins, den dringend benötigten neue Kunden: Ohne dass die Deutsche Bank das jemals thematisiert hätte, sind von den einst 22 Mio. Privat- und Geschäftskunden (inklusive Postbank) nur noch rund 20 Mio. übriggeblieben. (Finanz-Szene.de berichtete exklusiv). Zum Vergleich: Bei der Commerzbank wuchs die Zahl der Kunden binnen fünf Jahren von 16 auf knapp 19 Mio. per Ende 2018.

Nun stehen zwei Dinge fest: dass vermutlich auch Christian Sewing und sein Privat- und Firmenkundenchef Frank Strauß subtrahieren können. Und irgendwann festgestellt haben, dass aus einem Vorsprung von einst 6 Mio. Kunden für die kombinierten Einheiten Deutsche Bank plus Postbank vor der Coba demnach nur noch 1 Mio. geworden ist. Zumal die Commerzbank (auf Kosten der Profitabilität) weiter Neukunden akquiriert.

Fest steht aber auch, dass man Kunden in einem wettbewerbsintensiven Umfeld teuer locken muss. Entweder, indem man ihnen 125 Euro in die Hand drückt. So macht es aktuell und seit Jahren die Commerzbank. Oder aber – was nebenher auch Bestandskunden glücklich macht – man lockt sie über die Zinsen. Zwar ziehen viele Kunden – so genannte Zinshopper – nach Ablauf der Aktionsfristen weiter.  Aber ein paar Kunden bleiben eben doch hängen, lassen ihr Geld (niedriger verzinst) liegen oder überführen es in andere Geschäfte.

Was zu Grund zwei führt:

Deutsche-Bank-Finanzchef James von Moltke hat genug von den für die Bank seit Jahren turbulenten Refinanzierungs-Bedingungen am Anleihemarkt und hätte gerne mehr Mittel von Kleinsparern. Das ist verständlich, reagieren die Menschen zwischen Flensburg und Garmisch mit ihren Einlagen in der Regel etwas weniger sensibel auf Gruselmeldungen zu Razzien oder schlechten Q-Zahlen als Anleihehändler in London und New York.

Den Hinweis lieferte hier der jüngste Geschäftsbericht 2018 der Privat- und Firmenkundenbank der Blaubank, nicht zu verwechseln mit dem des Konzerns. Dort heißt es auf Seite 71: „Auf Basis der von Marktverantwortlichen ermittelten Funding-Potenziale und des Liquiditätsbedarfs (…) wird ein Maßnahmenpaket beschlossen (…). Ein wesentliches strategisches Instrument der Deutschen Bank Privat- und Firmenkunden ist z.B. eine Einlagenkampagne.“

Den Beleg, dass die Bank auch entsprechend vorgeht, liefert ein Blick auf die Entwicklung des „Fundings“ in den vergangenen drei Jahren: der über den Kapitalmarkt aufgenommene Mittelbedarf sinkt allmählich (der von Großkunden aufgenommene  übrigens drastisch) – und der aus Retail-Anlagen steigt an und ist die mit Abstand wichtigste Quelle.

Funding-Quellen der deutschen Bank, in Prozent am gesamten Funding (Auswahl)

Quelle: DB Geschäftsberichte 2016-2018

Warum aber tut die Bank das? Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf die jüngere Geschichte der Refinanzierungs-Konditionen der Deutschen Bank (also: wie viel mehr sie verglichen mit dem sicheren Marktzins zahlen muss) und wie man ihr Pleiterisiko am Markt für Kreditausfallversicherungen (CDS) einschätzt.

Risikoaufschlag für die Deutsche-Bank-Refinanzierung und Bandbreite der Kosten einer Kreditausfallversicherung im jeweiligen Jahr

Quelle: Geschäftsberichte 2014-2018, Boursorama.fr

Ohne es überkomplex werden zu lassen: Die Grafik zeigt, dass die Deutsche Bank zwar das Horrorjahr 2016 hinter sich lassen konnte, aber auch im laufenden Jahr nie wirklich Ruhe in ihre Refinanzierungskosten bringen konnte. Ging es damals um die Höhe der Rechnungen für Straftaten in den USA, machen sich Investoren aktuell (siehe auch den kollabierten Aktienkurs) Sorgen um die künftige Profitabilität. Folge: Die Deutsche Bank wird, gemessen an den Kreditausfallversicherungen, als doppelt so riskant wie die Commerzbank und fünfmal so riskant wie etwa die BNP Paribas, UBS oder Société Générale eingeschätzt (Übersicht hier). Das schlägt direkt auf die Zinslasten und damit die Profitabilität durch – und wäre auch der Grund gewesen, warum eine Fusion mit der defensiveren Commerzbank samt dem Bund als Aktionär zumindest bei den Refinanzierungskosten sehr hilfreich gewesen wäre.

Ist aber die „Mehr Geld von Lieschen-Müller“-Strategie ein Deutsche-Bank-spezifisches Thema? Mitnichten. Auch Goldman Sachs hat im erst 2016 eröffneten Retail-Arm „Marcus“ laut neuestem Stand umgerechnet rund 41 Mrd. Euro eingesammelt, davon knapp 10 Mrd. Euro im ersten Quartal 2019 – und bedient sich unter anderem marktüberdurchschnittlicher Einlagezinsen, etwa in Großbritannien. Einlagen von Privatanlegern werden regulatorisch zudem privilegiert behandelt. Auch die französische Crédit Agricole ist mit aggressiven Zinsangeboten in Deutschland unterwegs.

Sehr wohl ein Deutsche-Bank-spezifisches Thema ist gleichwohl der dritte oben aufgeführte Grund: Es ist die Tatsache, dass die Frankfurter der ganz-gewiss-vermutlich-völlig-unverbindlichen (Wuff!) Anregung ihres Großaktionärs Cerberus (Hintergrund: hier) folgen: Man könne doch mit dem vielen, vielen Geld, das der Bank relativ günstig anvertraut wird, gewiss ein paar andere, rentablere Dinge anstellen.

Denn während die Liquiditätsreserven der Bank seit Jahren munter steigen…

Liquiditätsreserven der Deutschen Bank, jeweils zum Jahresende (2019: Quartalsende Q1) in Mrd. Euro

Quelle: Geschäftsberichte 

… kommen die Zinserträge (wie auch die Gewinne) nicht aus dem Quark…

Zinserträge Deutsche Bank im jeweiligen Jahr in Mrd. Euro (2019: Analystenschätzung)

Da müsste man doch….

… genau: Mehr draus machen. Und so ist im Geschäftsbericht 2018  (und nicht nur da) gleich an vier Stellen die Rede von der segensreichen Wirkung der  „konzernweiten Umschichtung von Liquiditätsüberschüssen in höherverzinsliche Anlagen“ auf die Refinanzierungskosten und die Gewinne der Deutschen Bank.

Und diese Umschichtung ist in vollem Gange, wie Finanzchef James von Moltke im Zuge der Konferenz für Anleiheninvestoren vergangene Woche erklärte (übersetzt von uns):

„Im ersten Quartal haben wir ungefähr 5 Mrd. Euro unserer Liquiditätsreserven in höher rentierliche Vermögenswerte inklusive Kredite verschoben. Wir planen, in den kommenden Quartalen weitere 20 Mrd. Euro an Liquidität zu verschieben, in Abhängigkeit vom Markt und Kundenmöglichkeiten. Das wird in Teilen die Liquiditätsreserven unserer Tochtergesellschaften inkludieren, so dass unsere Liquidität auf Gruppenebene nicht beeinträchtigt wird. Die Liquiditätsreserven bleiben jedoch unverändert, da wir unsere Einlagen im gleichen Umfang gesteigert haben. Wir arbeiten zudem daran, dass die Cash-Komponente unserer Liquiditätreserven sinkt und haben ungefähr 5 Mrd. Euro an High-Quality Liquid Assets gekauft.“

Wir lassen nun den Ball einfach mal auf dem Elfmeterpunkt liegen, nachdem man – irgendwo ist ja alles eine große Tasche bei der Liquiditätsreserve der ganzen Bank – schreiben könnte, dass die steigenden Einlagen deutscher Sparer mithin also auch den Erwerb an „High Quality Liquid Assets“ und „Higher Yielding Assets“ in größeren Umfang als bisher mindestens ermöglichen. Allerdings nicht in der Privat- und Firmenkundensparte. Sondern im InvestmentbankingEs handelt sich um getrennte Bereiche – und die Gewinne aus den „Optimierungen“ (und den möglicherweise niedrigeren Refinanzierungskosten) werden auch im Investmentbanking in der Bilanz auftauchen.

Und: wir weisen dezent darauf hin, dass die Postbank bis Ende März – mithin also bis kurz vor dem Start der Werbekampagne der Deutschen Bank – keine 0,75% Zugreifzinsen zahlte.  Sondern: 1,4 Prozent. 

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