Exklusiv

Wie Kreditech fast 200 Mio. Euro verbrannt hat

2. Mai 2019

Von Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene) und Caspar Schlenk (Gründerszene)

Die Krise kam unerwartet. Noch 2017 verkündete das lange Zeit größte deutsche Fintech – nämlich der Hamburger Mikrokredit-Spezialist Kreditech – eine Rekord-Finanzierung von rund 100 Mio. Euro. Hauptinvestor? Der renommierte südafrikanische Medienkonzern Naspers. Eine Kooperation mit dem Payment-Dienst PayU, einer Naspers-Tochter, sollte aus Kreditech einen globalen Player machen.

Rund ein Jahr später – im Dezember 2018 – deckten „Finanz-Szene.de“ und Gründerszene dann jedoch auf, dass Kreditech mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die bestehenden Geldgeber setzen die Bewertung praktisch auf null Euro, auch wenn sie immerhin noch einmal rund 14 Mio. Euro nachschossen. Die Hintergründe für die „ernste finanzielle Situation“, wie es damals in internen Unterlagen hieß, blieben allerdings diffus.

Vor einigen Tagen hat Kreditech allerdings klammheimlich seinen 2017er-Geschäftsbericht veröffentlicht (was wiederum „Finanz-Szene.de“ und Gründerszene.de entdeckt haben). Und dort ist nun ziemlich detailliert nachzulesen, wie es kam, dass aus Deutschlands einst größter Fintech-Hoffnung offensichtlich ein Problemfall wurde.

Denn: Einerseits legte Kreditech zwar ein rasantes Wachstum hin, generierte Umsätze, die für ein Finanz-Startup fast schon phänomenal sind (die Erträge waren sechseinhalb mal so hoch wie im gleichen Jahr bei N26). Andererseits  zahlte Kreditech für sein brachiales Wachstum offensichtlich einen extrem hohen Preis: Der Verlust war nämlich nicht viel niedriger als der Umsatz (die detaillierten Zahlen kommen weiter unten, keine Bange). Und unterm Strich hat das 2012 gegründete Kreditech bis Ende 2017 sogar schon rekordverdächtige 193 Mio. Euro verbrannt (weit mehr als z.B. N26 zum gleichen Zeitpunkt, da waren es aggregiert rund 56 Mio. Euro)

Vor allem aber: Die Kreditausfallraten muten geradezu abenteuerlich an. Womit sich allmählich eine Frage stellt, die man sich eigentlich kaum zu stellen traut: Kann es sein, dass die hauseigenen Algorithmen, mit denen Kreditech das globale Kreditgeschäft revolutionieren wollte, womöglich gar nicht richtig funktionieren?

Die wichtigsten Zahlen und Erkenntnisse im Überblick:

  • Kreditech machte 2017 einen Umsatz von 71,4 Mio. Euro, ein Wachstum von fast 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
  • Von diesem Umsatz kamen – ein interessanter Nebenaspekt – satte 11,3 Mio. Euro aus Verlängerungsgebühren, 3,0 Mio. Euro aus Mahngebühren und weitere 3,0 Mio. Euro aus „anderen Gebühren
  • Der Cashburn (definiert als „Konzernperiodenverlust“) betrug 58,4 Mio. Euro
  • Die „Gesamtaufwendungen für Kundenakquisition“ waren mit 21,2 Mio. Euro fast so hoch wie die Kosten für Löhne, Gehälter, Sozialabgaben und sonstige Personalaufwendungen (zusammen 23,7 Mio. Euro). Die Ausgaben für Technologie und Analyse lagen sogar noch darunter (16,3 Mio. Euro)
  • Die Kreditvergabe stieg stark an.  Sie lag 2017 bei 185,2 Mio. Euro, ein Wachstum um fast 50%.
  • Dabei, und jetzt wird’s ernst, erschienen die Kreditausfälle gemessen am Kreditvolumen aber extrem hoch. Wörtlich heißt es: „Im Geschäftsjahr 2017 wurden Konsumentenkredite in Höhe von TEUR 53.602 (Vorjahr: TEUR 27.705) vollständig abgeschrieben.“ Dabei handelte es sich um Kredite, die seit mindestens 180 Tagen überfällig waren.
  • Die hohen Kreditausfälle wecken Zweifel am mit Abstand wichtigsten Asset von Kreditech – nämlich der Technologie. Die Geschäftsidee des jahrelang meistbeachteten deutschen Fintechs beruht auf der revolutionären Idee, die Kreditwürdigkeit der Kunden mithilfe von Algorithmen zu ermitteln – und zwar speziell von Kunden, deren Bonität so fragwürdig (bzw.: schwer zu beziffern) ist, dass sie von klassischen Banken überhaupt nicht bedient werden. Bloß: Funktioniert die Technologie überhaupt?

Hierzu finden sich im Geschäftsbericht von Kreditech nun drei spannende Passagen:

Erstens:

„Die Lending Subsidiaries prognostizieren Ausfallraten für die vergebenen Kredite auf Basis der durch die Gesellschaft entwickelten Modelle, die wiederum auf selbstlernenden Algorithmen basieren. Da diese Modelle sich dynamisch an Erfahrungen und Ergebnissen der Vergangenheit orientieren, sind sie zwar nach Auffassung der Gesellschaft grundsätzlich präziser in der Prognose zukünftiger Ausfallraten, müssen aber auch in einzelnen Bereichen noch „dazu“ lernen, um Kreditausfälle immer korrekt zu prognostizieren. Insbesondere im Bereich der saisonalen und zyklischen Prognose, aber auch in Bezug auf die Haushaltsrechnung (Einnahmen-/Ausgabenprognosen für Haushalte) sind die Modelle noch nicht final und werden signifikant weiterentwickelt.“

Übersetzt: Auch im Jahr 5 nach der Gründung sind die Algorithmen von Kreditech offenbar noch lange nicht so gut, wie sie (zumindest irgendwann) sein sollten.

Zweitens:

„Zum Ende des Geschäftsjahres 2017/Anfang 2018 entschied das Unternehmen, sein Wachstum im Direktgeschäft (Raten- und Mikrokredite) in Polen, Spanien und Mexiko zu reduzieren. Der Grund für diese Entscheidung war, dass das Unternehmen seine Kreditabwicklungs-Technologie in allen Ländern in wichtigen Teilen ersetzt, um wichtige Prozesse substantiell zu verbessern.“

Übersetzt: Technologische Kernprozesse bedurften mehr als fünf Jahre nach der Gründung einer substanziellen Überarbeitung

Drittens:

„Gemeinsam mit den neu einzuführenden Technologie-Komponenten wird das Unternehmen wichtige Effizienz-Verbesserungen (z.B. für das Pricing und das Eintreiben überfälliger Kredite) einführen, die zu verbesserter Produkt-Profitabilität führen sollen. Es wurde daher entschieden, das Wachstum vor der Realisierung dieser Verbesserungen zu reduzieren, um danach bei verbesserter Profitabilität wieder schneller zu wachsen.“

Übersetzt: Die (technischen) Schwierigkeiten waren so groß, dass sich Kreditech gezwungen sah, seinen Wachstumskurs abzubrechen

Das Ganze wird übrigens sogar exakt beziffert:  2018 sollte die Kreditvergabe den Planungen zufolge um circa ein Viertel zurückgehen, der Umsatz um 17% sinken.

Kreditech will bzw. wollte also erst einmal gesundschrumpfen (was sich übrigens auch daran zeigt, dass das Fintech schon 2017 im Jahresschnitt nur noch 230 Mitarbeiter beschäftigte, nach 295 im Jahr zuvor). Ob das klappt, oder ob es dafür schon zu spät ist – die Zeit wird es zeigen.

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