Exklusiv

Deutsche Fintechs schmieren an der Börse ab

13. Mai 2019

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

Wann kommt er endlich, der erste große deutsche Fintech-IPO? Smava forciert ja entsprechende Pläne (wobei alternativ auch ein Verkauf denkbar ist). Bei Auxmoney weiß man immerhin, das den Chef das Thema schon lange beschäftigt. Und was ist, sagen wir, mit Raisin? Oder mit Deposit Solutions? Oder mit N26? Müssen solche Firmen nicht früher oder später ebenfalls über ein Listing nachdenken?

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Wobei – was erzählen wir hier eigentlich schon wieder einen Schmarrn? Es gibt doch längst (deutsche) Fintechs an der (deutschen) Börse!!! Und zwar einige, je nach Definition sogar bis zu elf Stück, die sich grosso modo in vier Kategorien unterteilen lassen:

Ur-Fintechs

  • Wirecard (kennt jeder)
  • Hypoport („Dr. Klein“, „Europace“)

Normalo-Fintechs

  • Creditshelf (ein Marktplatz für KMU-Kredite)
  • My Bucks (Luxemburger, die etwas mit Banking und Kleinkrediten in Afrika machen und sich in Frankfurt haben notieren lassen)
  • Ferratum (Skandinavier, die irgendwas mit Kleinkrediten machen, aber eher nicht für Afrika und sich in Frankfurt haben notieren lassen)
  • Niiio (Motto: B2B mit 3-mal „i“)

Irgendwie-Fintechs

  • Finlab (ein VC-Investor, der sich irgendwann umbenannt hat und sich seitdem aufs Fintech) konzentriert
  • Fintech Group (der Online-Broker Flatex, der sich irgendwann – wir vermuten: weil’s hip war – umbenannte, sich demnächst aber wieder in Flatex rückumbenennt, weil jetzt plötzlich Brokerage wieder hipper ist als Fintech)
  • Deutsche Familienversicherung, kurz: DFV (zwar mit traditionellen Wurzeln gegründet, aber in der Selbsteinschätzung nunmehr der  „erste digitalisierte Versicherer“ und das „einzige, funktionierendes Insurtech“)

Schwer zu definierende oder Gaga-Fintechs

  • Naga (Motto: Wir sind so krypto, dass wir sogar den HSV sponsern)
  • Mars Ventures (die ehemalige Cashcloud, die dann später doch eher den Mars besiedeln wollte, womit eigentlich alles gesagt ist)

Jedenfalls, wir haben uns, weil wir nichts Besseres zu tun hatten, einfach mal die Performance all dieser Fintechs entweder seit dem IPO oder, wo angebracht, seit der Umfirmierung in einen Fintech-Konzern angesehen. In Klammern der „Jahrgang“ des Börsengangs oder der offiziellen Umfirmierung in ein Fintech.

(Quelle, auch im Folgenden: Comdirect, Stand: 9.5.2019)

Der aufmerksame Leser erkennt: da fehlen ja zwei. Genau, es sind die Ur-Fintechs Wirecard und Hypoport, die allerdings ab 2005 (Umbenennung in Wirecard) bzw. 2007 (Börsengang Hypoport) die Skala gesprengt hätten. Die Wirecard-Aktie legte seit der Umfirmierung von Infogenie in Wirecard um 9857% zu, Hypoport seit dem Börsengang 2007 um 1225%.

Was fällt auf? Offenbar spielt der „Jahrgang“ eine Rolle. Während sich die Fintech Group und Finlab hervorrgend schlugen, tun sich die in der jüngeren Vergangenheit gestarteten Fintechs schwer an der Börse. Und: Die gute Entwicklung beider Titel bedingt sich teilweise gegenseitig, da Finlab über eine Tochter ein früher Großinvestor in der Fintech-Group war.

Der Fairness halber haben wir diese Kursentwicklungen auch einmal gegen den Tec-Dax laufen lassen in den jeweiligen Betrachtungszeiträumen – jenen deutsche Index für die 30 größten deutschen Technologiewerte. Dividenden blieben in der Betrachtung außen vor, spielen aber ohnehin kaum eine Rolle im Tech-Bereich.

 

Auch hier hätte die Outperformance von Hypoport und Wirecard mit viertstelligen Prozentzahlen und Wirecard die Skala gesprengt.

Kurzum: Die beiden Ur-Fintechs haben sich zwar (bekanntermaßen) aus Investorensicht prächtig entwickelt – und mit Finlab und der Fintech-Group haben die frühen (!) Aktionäre ebenfalls ihren Schnitt gemacht.

Ansonsten allerdings ist die Performance durchweg schwach bis enttäuschend, was insbesondere für die Normalo-Fintechs Creditshelf, My Bucks, Ferratum und Niiio gilt. Sieben der neun Fintechs mit einem Börsenwert unterhalb der Ein-Milliarden-Euro-Marke liefen schlechter als der Gesamtmarkt.

Sollten (deutsche) Fintechs also lieber nicht an die (deutsche) Börse?

Die naheliegende Conclusio ist eine andere: Die deutschen Fintechs sollten dann an die Börse gehen, wenn sie reif dafür sind.

Wer darüber sinniert, sollte sich allerdings die nächste Grafik ansehen. Betrachten wir alle unsere elf Fintechs auf Sicht der letzten zwölf Monate (ober bei jüngerer Historie ab Börsengang; delistete Mars One als Totalverlust gewertet ), wird das Bild rot. Tiefrot. Ein Investor würde nun vermutlich sagen: Weil der Markt reift, sich die Spreu vom Weizen trennt.

Ein Investmentbanker, der Börsengänge begleitet, würde das anders sehen: Für den schließt sich schlicht allmählich das Fenster, weil das Thema Fintech zumindest an der Börse derzeit einfach nicht mehr „zieht“.

 

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