Analyse

Liebe Fintechs, und was macht Ihr jetzt mit dem ganzen Geld?

20. März 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Ob Wefox (110 Mio. Euro), Weltsparen (100 Mio. Euro), Finleap (41 Mio. Euro) oder N26 (260 Mio. Euro): Deutschlands Fintechs funden wie verrückt. Doch während die Finanzierungsrunden als solche medial breit ausgewalzt werden (natürlich auch und gerade bei uns hier), kommt eine andere Frage häufig zu kurz: Was genau machen die Startups jetzt eigentlich mit dem vielen Geld? Fließt es in die Konsolidierung (siehe: Die Verschmelzung von Finreach und Figo unter dem Dach von Finleap)? Fließt es in Infrastruktur (siehe: Die Übernahme der MHB Bank durch Weltsparen)? Fließt es in Kundenportfolien (siehe: Clarks Akquise zweier Offline-Versicherungsmakler)? Oder fließt es lehrbuchhaft in neue Mitarbeiter, mehr Marketing und internationale Expansion? „Finanz-Szene.de“ hat sich ein Dutzend Fälle konkret angeschaut – und kommt zu dem Fazit: Ein klares Muster scheint es überraschenderweise nicht zu geben. Hier die analysierten Fälle im Detail:

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Clark (24 Mio. Euro, April 2018):

Der Online-Makler Clark hat nach eigenen Angaben zwar schon mehr als 150.000 Kunden (=Maklermandate) – ein bisschen nachzuhelfen, kann ja aber trotzdem nicht schaden. Und so ging das Frankfurter Fintech mit den eingeworbenen Millionen zuletzt einfach mal in der Offline-Welt auf Einkaufstour. Zunächst wurde der Versicherungsmakler Malburg GmbH übernommen, dann das Maklergeschäft der Schneider-Golling-Gruppe. Über den jeweiligen Kaufpreis schwiegen sich die Beteiligten aus  – wer auf „siebenstellig“ tippt, liegt aber vermutlich nicht völlig falsch. Daneben investiert Clark offenkundig auch ins B2B-Geschäft: Nach Angaben der „Börsen-Zeitung“ bauen die Hessen den „digitalen Versicherungsmanager“ der Sparkassen; vergangene Woche wurde zudem bekannt,  dass sich auch die genossenschaftliche R+V Versicherung bei ihrem Online-Makler auf die Technologie von Clark stützt.

Deposit Solutions (50-60 Mio. Euro, August 2018)

Der Hamburger Einlagen-Vermittler nutzt das Mega-Funding aus dem vergangenen Sommer zu klassischer regionaler Expansion. So starteten die Hanseaten (die  zuvor nur in Deutschland, Österreich und den Niederlanden aktiv waren) im Januar ihr B2C-Angebot in der Schweiz – einem Markt, in dem sich CEO Tim Sievers aufgrund einer hohen Sparquote und eines zugleich relativ geringen Wettbewerbs große Chancen ausrechnet. Zudem sollen in diesem Jahr noch mindestens zwei weitere Märkte erschlossen werden.

Finleap (41 Mio. Euro, November 2018)

Der Berliner Fintech-Inkubator investiert zunächst einmal ins bestehende Portfolio, genauer: in den einstigen Kontowechselservice-Anbieter Finreach. Der soll mit dem Hamburger API-Spezialisten Figo verschmolzen und zu einer Open-Banking-Plattform ausgebaut werden. Die hierfür nötige Kapitalerhöhung, angeblich ein hoher einstelliger Millionenbetrag, kommt von Finleap selbst. Darüber hinaus ist aus dem Umfeld des Company-Builders zu hören, dass bald (womöglich: noch im ersten Halbjahr) auch das nächste Fintech-Venture gelauncht wird.

Exklusiv: Der Fintech-Hammer – Figo schlüpft bei Finleap unter

Liqid (33 Mio. Euro, September 2019)

Beim Berliner Robo-Advisor (der lieber als „digitaler Vermögensverwalter“ bezeichnet wird) stehen die Zeichen nach der üppigen Finanzierungsrunde vom vergangenen Herbst auf Expansion. Schon in den nächsten Monaten will Liqid in Österreich und der Schweiz an den Start gehen, Spanien und Italien sollen alsbald folgen. Daneben investiert das 2016 gegründete Fintech auffällig ins Team, das von momentan rund 50 auf demnächst rund 80 Köpfe aufgestockt werden soll. Prominenteste Personalie: Nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ soll der frühere Europa-Chef des Rabattportals Priceline, Dennis Malamatinas, neuer Aufsichtsratschef von Liqid werden. Letzter Punkt: Das Startup will sein Produktportfolio erweitern. Details verraten die Berliner zwar noch nicht, allerdings soll sich das Angebot noch stärker dem einer klassischen Privatbank annähern.

Mambu (30 Mio. Euro, Februar 2019)

Nicht genug damit, dass wir nicht verstehen, was Mambu eigentlich genau macht (außer: irgendwas mit cloudbasierten Core-Banking-Anwendungen …) – wir haben auch keinen blassen Schimmer, was das Berliner B2B-Fintech mit den 30 Mio. Euro vorhat, die die jüngste Finanzierungsrunde angeblich in die Kassen gespült hat. Und was erschwerend hinzukommt: Als einziges Finanz-Startup da draußen zeigt Mambu nicht das geringste Interesse, mit uns zu kommunizieren, was wir einerseits ziemlich lässig finden, andererseits aber auch ein bisschen doof. Und nun? In der offiziellen Verlautbarung, die aus Anlass der jüngsten Finanzierungsrunde ventiliert wurde, heißt es, Mambu wolle „ins Team“ investieren und „ins Produkt“. Na, wenn das mal nicht originell ist!

N26 (260 Mio. Euro, Januar 2019)

Produktseitig kam zuletzt nicht mehr viel Neues (bzw.: ein Produkt, nämlich „N26 Invest“, wurde sogar eingestellt). Stattdessen setzt die Berliner Smartphone-Bank mit ihren mittlerweile 2,5 Mio. Kunden  alles daran, noch schneller zu wachsen, als sie das eh schon tut. Wie das geht? Natürlich mit Werbung (im Fernsehen, in der U-Bahn, überall). Und natürlich mit internationaler Expansion. In Großbritannien sind die Berliner mittlerweile live, der Start in den USA soll zeitnah folgen (wobei er das schon länger soll), und der nächste große Markt, den sich N26 vorknöpfen will, heißt: Brasilien. Dass das Geld kostet, ist klar: 2017 lag der Jahresfehlbetrag nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ und „Gründerszene“ bei 32 Mio. Euro, 2018 soll es sogar noch einmal deutlich mehr gewesen sein. Wobei: Sind das angesichts der jüngsten Finanzierungsrunde nicht Peanuts?

Raisin (100 Mio. Euro, Februar 2019)

Der hierzulande als „Weltsparen“ bekannte Berliner Einlagen-Vermittler kündigte bei seiner Funding-Runde an, dieses Jahr in zwei weitere europäische Länder expandieren zu wollen. Zusammen mit Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Spanien, Frankreich und Großbritannien wäre das 2013 gegründete Fintech damit schon in acht europäischen Ländern aktiv. Daneben feilt Raisin weiter an der Produktpalette. So soll im Investment-Bereich der nächste größere Launch unmmittelbar bevorstehen. Und sonst so? Sorgten die Berliner zuletzt mit der Übernahme der eigenen Whitelabel-Bank für Aufsehen. Dadurch verfügt Raisin nun über eine EU-weit einsetzbare Banklizenz, was eine weitere regionale Expansion aus regulatorischer Sicht deutlich vereinfacht.

Fünf Gründe, warum das Fintech „Weltsparen“ die MHB-Bank kauft

Smava (30-40 Mio Euro, Januar 2018)

Das Berliner Kreditvergleichsportal strebt an die Börse – und hübscht sich momentan entsprechend auf. „Finanz-Szene.de“ liegen unveröffentlichte Nielsen-Zahlen vor, wonach die TV-Brutto-Werbespendings von Smava in den ersten zwei Monaten dieses Jahres rund 5,8 Mio. Euro betrugen – fast schon Check24-Dimensionen (der Münchner Gigant kam der Nielsen-Tabelle zufolge im Kreditbereich im gleichen Zeitraum auf 6,7 Mio. Euro). Zur Einordnung: Vor einem Jahr hatte Smava im Januar/Februar laut Nielsen gerade mal Brutto-Spendings in Höhe von 3,0 Mio. Euro.

Exklusiv: Hat auch Smava seine großen Funding-Runden mit „Secondaries“ aufgehübscht?

Solarisbank (57 Mio. Euro, März 2018)

Die Berliner Whitelabel-Bank stellt unentwegt neue Mitarbeiter ein (220 sind es mittlerweile, vor einem Jahr waren es zur gleichen Zeit noch 130) und erweitert das Produktportfolio. So wurden seit dem großen Funding der digitale SME-Kredit, der digitale Geschäftskunden-KYC und die Blockchain-Factory gelauncht (wobei eine Fabrik natürlich kein Produkt ist, sondern aus der Fabrik sollen jetzt weitere Produkte hervorgehen – sorry für die unglückliche Formulierung). Eher ungewöhnlich: Die Solarisbank nutzte einen (kleinen) Teil ihrer Finanzierung, um direkt in ein anderes Fintech zu investieren, nämlich in den Verbriefungs-Spezialisten Crosslend. Unterdessen liegen die Asien-Pläne auf Eis. Europa zuerst, lautet stattdessen nun das Motto.

Scalable Capital (30 Mio. Euro, Juli 2017)

Kleine Schritte statt großer Pläne. Scalable Capital konzentriert sich im B2C-Geschäft entgegen mancher Erwartungen ganz  auf den deutschen Markt (okay, daneben gibt es auch noch ein bisschen UK) – vermutlich, weil es  als heimischer Platzhirsch deutlich billiger ist, neue Kunden zu gewinnen, als es dies als ausländischer Angreifer wäre. Das dicke Funding von einst? Fließt brav in Marketing und Mitarbeiter. Rund 95 Beschäftigte hat Scalable mittlerweile, bis Jahresende sollen es 120 sein. Was die tun? Unter anderem fleißig neue Whitelabel-Partner anschließen, zuletzt zum Beispiel hierzulande die Targobank oder in Spanien die Santander-Tochter „Openbank“.

Exklusiv: Scalable Capital verdient mit seinen Kunden nach weniger als 18 Monaten Geld

Wefox (110 Mio. Euro, März 2019)

Die „große Finanzierungsrunde“ von Wefox war 2018 der Running-Gag des Jahres: Oft vermeldet – nie vollzogen. Als man dann fast schon nicht mehr daran glaubte, verkündete das deutsch-schweizerische Insurtech Anfang März dann aber doch noch ein Funding über bemerkenswerte 110 Mio. Euro. Und nun? Ein beliebtes Branchengerücht lautet seit Monaten, Wefox sei am Allfinanz-Maklerpool Fonds Finanz interessiert. Ob was dran ist? Wissen wir nicht! Darum verlassen wir uns lieber mal auf die offiziellen Aussagen, was Wefox mit dem Geld plant: Das bislang in der DACH-Region, Italien und Spanien aktive Versicherungs-Startup strebt in weitere europäische Länder, will zudem nach Japan und China expandieren.

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