Exklusiv

Scalable Capital verdient mit seinen Kunden nach weniger als 18 Monaten Geld

1. März 2019

Von Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene.de) und Caspar Schlenk (Gründerszene)

Bei N26 neulich war alles ganz einfach. Die Mobile-Bank hatte ihren ersten richtigen Jahresabschluss erstellt – und da standen dann die Dinge, die man wissen wollte, quasi eins zu eins drin (Erträge, Kosten, Cashburn …). Ein bisschen schwieriger gestaltete sich dieselbe Recherche nun bei Scalable Capital. Und trotzdem: Auf Basis diverser britischer und deutscher Registereinträge, angereichert mit ein paar Rechenübungen, glauben „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“ erstmals ein relativ genaues Bild vom Zahlenwerk des größten deutschen Robo-Advisors zeichnen zu können. Wobei wir fairerweise hinzufügen möchten: Das Unternehmen hat uns auf Nachfrage noch ein paar Zahlen genannt, die sich in öffentlichen Quellen nicht finden. Die wichtigsten Ergebnisse im Kern: 1.) Scalable verdient mit neuen Kunden erstaunlich schnell Geld. 2.) Scalable dürfte 2018 rund 4 Mio. Euro Umsatz gemacht haben. Und 3.) In den Scalable-Zahlen versteckt sich ein mittelgroßer Makel, den bislang noch niemand so richtig entdeckt hat. Voilà:

Anzeige
  • Anfang 2017 hatte Scalable Capital 111 Mio. Euro Assets under Management, Ende des Jahres waren es 640 Mio. Euro. Davon entfielen rund 400 Mio. Euro auf eigene Kunden (hier fließen Scalable 0,55% Gebühren zu). Die übrigen etwa 240 Mio. Euro kamen auf Vermittlung der ING Diba zum Münchner Robo-Advisor (wegen des Revenue-Splits bleiben hiervon nur 0,33% bei Scalable hängen)
  • Im Mittel dürften die Münchner 2017 rund 300 Mio. Euro verwaltet haben. Da die Kooperation mit der ING Diba erst im September startete, rechnen wir der Einfachheit halber mal über sämtliche Kunden hinweg mit den vollen 0,55%. Hiervon geht allerdings die Mehrwertsteuer ab, sodass Scalable aus 100 angelegten Euro tatsächlich nur rund 44,5 Cent Nettoumsatz generiert. Mit den 300 Mio. Euro multipliziert, macht das etwa 1,3 Mio. Euro Ertrag. Das deckt sich ziemlich genau mit den 1,2 Mio. Euro Einnahmen, von denen im 2017er-Abschluss die Rede ist (die Differenz müssten Pi mal Daumen den in unserer Rechnung ignorierten Mindererträgen bei den ING-Diba-Kunden geschuldet sein).
  • Aus den 2017er-Zahlen lassen sich nun auch die 2018er-Zahlen abschätzen, auch wenn die noch nicht veröffentlich sind und Scalable sich hier mit Indikationen zurückhält. Ende vergangenen Jahres dürften die Münchner bei gut 1,3 Mrd. Euro Assets under Management gewesen sein. Da sich das Wachstum gleichmäßiger als 2017 über das ganze Jahr verteilte (bzw.: im ersten Halbjahr dürften die Zuwächse sogar größer gewesen sein als in der zweiten Jahreshälfte), kann man diesmal von ziemlich genau 1 Mrd. Euro AuMs im Jahresschnitt ausgehen. Da die ING-Diba-Kunden jetzt aber schon 45-50% ausmachen dürften, rechnen wir nicht mehr mit 0,55% Gebühren, sondern besser nur noch mit 0,45%. Beziehungsweise, nach Abzug der Mehrwertsteuer: mit 36 Cent je 100 Euro verwaltetes Vermögen. Ergibt einen Nettoumsatz von 3,6 Mio. Euro. Darüber hat Scalable Capital im vergangenen Jahr seine ersten Kunden als Whitelabel-Anbieter gewonnen (z.B. die Santander-Bank). Allzu viel dürfte sich davon in den 2018er-Zahlen aber noch nicht zeigen. Runden wir trotzdem mal großzügig auf 4 Mio. Euro Umsatz auf.
  • Als die digitalen Vermögensverwalter vor ein paar Jahren in den Markt kamen, galt als Faustformel, dass ein Robo-Anbieter mit 1 Mrd. Euro Assets under Management bereits profitabel arbeiten können müsste. Scalable dürfte von der Gewinnschwelle allerdings noch ein gutes Stück entfernt sein. Bis Ende 2017 häufte das Fintech alles in allem gut 14 Mio. Euro Verluste an, wovon allein 6-7 Mio. Euro in 2017 selbst angefallen sein dürften. Aus den Ausblicken in den Geschäftsberichten ergibt sich, dass Scalable für 2018 von einem ähnlich hohen Cashburn ausging. Überraschend kommt das nicht, denn die Strategie ist klar auf Wachstum ausgerichtet – das Fintech unterhält also einen Apparat, der deutlich größer ist, als es die aktuell verwalteten Summen rechtfertigen würden.
  • Hinzu kommt: Bei der Lektüre der Abschlüsse zeigt sich schnell, dass die vermeintlich makellose Erfolgsgeschichte von Scalable Capital dann doch nicht ohne Kratzer ist. So setzt die UK-Tochter laut „Companies House“ (also dem britischen Handelsregister) 2017 lediglich 65.000 Euro um. Das lässt sich teilweise damit erklären, dass Scalable in Großbritannien später als in Deutschland an den Start ging und zudem die wirklich spannenden – weil steuerlich begünstigten – Produkte erst verzögert ins Angebot aufnahm. Und doch: Die im Vergleich zum Deutschland-Geschäft eher kümmerlichen Ertragszahlen dürften auch damit zu tun haben, dass sich Scalable gegen die starke heimische Konkurrenz (Nutmeg, Moneyfarm) deutlich schwerer tut, als bislang bekannt. Zumal: Auch 2018 soll das UK-Geschäft eher schleppend gelaufen sein.
  • Trotzdem dürfte die Zeit angesichts der starken Marktposition im Deutschland-Geschäft für und nicht gegen die Münchner spielen. Zwar lassen sich die Akquisekosten aus den veröffentlichten Abschlüssen nicht genau ermitteln – die Angaben, die Scalable uns gegenüber macht (unterm Strich rund 140 Euro je Kunde), klingen jedoch durchaus plausibel. Geht man davon aus, dass der durchschnittliche Kunde Ende 2018 rund 35.000 Euro von Scalable verwalten ließ und multipliziert diese Zahl mit den besagten 0,36% Gebühren, dann kommt man auf 126 Euro, die das Fintech pro Jahr mit einem Kunden verdient. Im Laufe des Folgejahres haben sich die Akquisekosten dann also schon rentiert. Und das alles vor dem Hintergrund, dass der Kundenbestand – bislang jedenfalls – relativ kontinuierlich wächst, Scalable also von Jahr zu Jahr von einem höheren Grundniveau aus startet.

Fazit: Das Wealth Management hat zwar seine Eigenarten und Schwierigkeiten (Korrelation zur Entwicklung der Aktienmärkte, nicht nur was die Performance betrifft, sondern auch die Frage, wie gut oder schlecht sich neue Kunden akquirieren). Zugleich handelt es sich jedoch um ein solides und skalierbares Geschäft, wenn die kritische Masse erreicht ist. Letzteres zeichnet sich bei Scalable Capital trotz der mauen zweiten Jahreshälfte 2018 ab.

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing