Exklusiv

Wachstum von Vorzeige-Fintech Finanzcheck geht nach Exit deutlich zurück

27. März 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Was passiert eigentlich, wenn eines der größten deutschen Finanz-Startups einen fetten Exit hinlegt – und plötzlich nicht mehr die wachstumgeilen Venture-Capital-Investoren die Richtung vorgeben … (sorry, haben wir „geil“ gesagt? Wir meinten natürlich: „hungrig“)? Sondern ein börsennotierter Konzern, dem es zwar ebenfalls ums Wachstum geht, der nebenher aber auch auf so unzeitgemäße KPIs wie „Kosten“, „Profitabilität“ oder „Cashburn“ zu achten hat? Wir glauben: Am Beispiel des Hamburger Kredit-Vergleichsportals Finanzcheck, das vergangenen Sommer für rund 275 Mio. Euro an Scout24 verkauft wurde, lässt sich die Frage beantworten. Denn die 2018er-Zahlen (die wir dem Scout24-Geschäftsbericht entnommen haben) scheinen dann doch nicht mehr ganz der „Wachstum geht über alles“-Prämisse des Vorjahre zu entsprechen. Aber sehen Sie selbst:

Zwei Hinweise vorweg:

1.) Smartphone beim Lesen des Textes am besten quer halten. Wir haben – was im Nachhinein betrachtet eine Schnapsidee war – den Text in drei Spalten gegliedert.

2.) Eingefür am 27. März, 10 Uhr: Scout24 ist mit unserer Analyse, was den Umsatz angeht, nicht einverstanden. Mehr hierzu weiter unten.

Umsatz Laut einer Präsentation, die Scout24 im Zuge der Übernahme seinen Investoren zeigte, explodierte der Umsatz von Finanzcheck 2017 um 37% auf 35,7 Mio. Euro. Im Jahr zuvor waren es bereits 34% gewesen, also auch immens viel. Für 2018 finden sich im Scout24-Abschluss drei Hinweise auf den Umsatz von Finanzcheck: 1.) in Q4 setzte das Kredit-Vergleichsportal 9 Mio. Euro um, aufs Jahr hochgerechnet also 36 Mio. Euro. 2.) Gerechnet ab dem 1. September (da wurde Finanzcheck in die Scout-Zahlen hineinkonsolidiert) erlösten die Hamburger 12,3 Mio. Euro, annualisiert also 36,9 Mio. Euro. 3.) Wäre Finanzcheck schon zum 1. Januar konsolidiert worden, hätte der Umsatzbeitrag 38,2 Mio. Euro betragen. Heißt: Finanzcheck ist im vergangenen Jahr nur noch um 7% gewachsen, und das Richtung Jahresende sogar mit mutmaßlich abnehmender Tendenz
Cashburn Zum 2017er-Verlust von Finanzcheck äußerte sich die Präsentation nicht. Im Bundesanzeiger ist allerdings mitterweile der 2016er-Abschluss einsehbar. Daraus geht hervor, dass der Jahresfehlbetrag in dem Jahr bei 9,9 Mio. Euro lag. Der Wert für 2016 entspricht ziemlich exakt dem Beitrag, den Finanzcheck (wäre schon zum 1. Januar konsolidiert worden) zum 2018er-Nachsteuerergebnis von Scout beigetragen hätte, nämlich minus 9,7 Mio. Euro. Wir würden ganz stark vermuten, dass der meiste Cash in 2017 verbrannt wurde.
Marketing Mangels 2017er-Zahlen schauen wir wieder in den 2016er-Abschluss. Da betrugen die Marketingaufwendungen 20,5 Mio. Euro, nach 17 Mio. Euro in 2015. Dagegen wendete Finanzcheck seit der Konsolidierung (also seit dem 1. September 2018) nur noch 4,9 Mio. Euro für Marketing auf, macht hochgerechnet aufs Gesamtjahr gerade mal 14,7 Mio. Euro. Wir würden auf dieser Basis vermuten, dass die Werbeausgaben 2016 und 2017 ihren Höhepunkt erreichten, 2018 aber allenfalls auf dem Niveau von 2015 lagen (eher sogar ein Stück drunter)

Eingefügt am 27. März, 10 Uhr: Scout24 ist mit unserer Analyse, was den Umsatz angeht, nicht einverstanden. Begründung: Die konsolidierten 2018er-Zahlen für Finanzcheck aus dem Scout24-Geschäftsbericht seien nicht direkt mit den früheren Stand-alone-Zahlen des Fintechs vergleichbar. Folgt man einer Präsentation von Scout24 (hier das PDF, siehe Seite 22), so ist das Wachstum 2018 i.d.T. lediglich von 38% auf 22% zurückgegangen und nicht, wie wir geschlussfolgert hatten, von 37% auf 7%. (Anm.: Wir hatten am Dienstagnachmittag gegen 17 Uhr versucht, unsere Berechnungen mit der PR-Abteilung von Scout24 zu diskutieren, haben aber telefonisch niemanden mehr erreicht.)

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