Aus der Szene

Warum N26 vom Grover-CFO des „Diebstahls“ bezichtigt wurde

27. August 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Irgendwann im Laufe des vergangenen Donnerstags ist Thomas Antonioli dann der Kragen geplatzt.

Was man dazu wissen muss: Antonioli ist Absolvent der Insead Business School. Er ist ein früherer „Assistant Vice President“ der Commerzbank. Er ist zudem früherer „Vice President Corporate Finance“ von Kreditech. Und aktuell firmiert er als Finanzchef des bekannten Berliner Startups Grover. Man darf sich Antonioli also als jemanden vorstellen, der seine Worte zu wägen weiß.

Jedenfalls: Von den vier Sprachen, die Antoniolo nach eigenen Angaben beherrscht, wählt er die englische und haut bei Linkedin am vergangenen Donnerstag folgenden öffentlichen Rant gegen die Berliner Smartphone-Bank N26 raus:

„Dear N26,

that your employees are misreading a positive for a negative account balance is in itself already surprising for a bank. That on this basis you close the account without warning, keep the positive balance, hand over the (non-existent) claim to a Debt Collection agency and then stop answering any emails is outright theft and the worst user experience one can have with a bank. I really want to support you as one of the biggest German startup success stories, but this is definitely unacceptable treatment. Please sort it out.“

Uff. „Outright theft“, regelrechter Diebstahl also.

Da schluckt man erstmal. Schließlich ist es kein alltäglicher Vorgang, dass ein Topmanager eines Berliner Startups ein anderes Berliner Startup (und noch dazu das prominenteste der Stadt) eines Verbrechens bezichtigt.

Doch trotz dieses fast schon maximalen Vorwurfs kommt von N26: vier Tage lang keinerlei Reaktion.

Dafür reagieren viele andere. Übers Wochenende bekommt Antoniolis Linkedin-Beitrag mehr als 200 hochgereckte Daumen, unter anderem von zwei Raisin-Managern und vom Friday-CEO Christoph Samwer (was insofern bemerkenswert ist, als sich manche Fintech-Jungs den Daumen eher absägen lassen würden, als ihn unter einen N26-kritischen Post zu platzieren).

Es werden allerdings nicht nur Daumen hochgereckt. Es werden auch die ersten Kommentare abgesetzt. Ein „Software Developer“ von SAP zum Beispiel empfiehlt Antonioli, sich an die Bafin zu wenden. Er hoffe aufrichtig, dass das nicht nötig sein werde, antwortet der Grover-CFO.

Eine junge Dame erkundigt sich „aus purem Interesse“, ob Antonioli irgendein Feedback seitens N26 auf seinen Beitrag erhalten erhalten. „Nope“, gibt Antonioli zurück, dasselbe gelte für die fünf E-Mails, die er in den zurückliegenden 14 Tagen an die Digitalbank geschrieben habe.

„Es wäre beinah witzig, wenn es nicht so traurig wäre“, kommentiert eine andere junge Frau. Gäbe es bei Linkedin neben der „Thumbs up“- auch eine „Big Hug“-Funktion, Antonioli wäre in den vergangenen Tagen ziemlich oft virtuell in den Arm genommen worden.

Indes, nicht jeder, der mit Antonioli fühlt, will gleich den Stab über N26 brechen. Der Coindex-Manager Kai Kuljurgis schreibt:

„Well, guys I get all your thoughts and I really feel for Thomas Antonioli (I would be really pissed if my account was closed w/o notice with funds held back!) – BUT I do not get how people use events like this to rant about successful companies like N26 Group. For me the fact that more issues like this are being reported is in close correlation to the fact that their users are way more digital and online than the ones of e.g. Commerzbank AG (who had even more and more serious issues, while offering a worse product and UX). […]“

Weil N26 erfolgreich ist, soll man sich mit Kritik zurückhalten? Interessante Sicht der Dinge. Aber sei’s drum. Kuljurgis‘ Umarmung jedenfalls ist so allumfassend, dass sie gleich für beide reicht, für den Grover-CFO und für die Digitalbank.

Unterdessen wird die Kommentar-Spalte unter Antoniolis Beitrag immer länger. Nun schlägt die Stunde der Lösungsorientierten, die versuchen, diverse N26-Manager per „Tag“ auf Antoniolis Problem aufmerksam zu machen.

„Martin Schilling, surely this can be sorted“, schreibt ein Nutzer, der sich selber ohne falsche Bescheidenheit als „astute, experienced and decisive business leader“ charakteristiert.

Martin Schilling, das zur Erläuterung, ist der COO von N26. Doch der COO reagiert nicht. N26 ist zwar eine digitale Bank, aber mit Linkedin, so scheint es, haben ihre Manager eher wenig am Hut.

Noch ein Versuch: „Let see if the INSEAD network works“, schreibt ein mutmaßlicher Insead-Absolvent und taggt Will Sorby an, der auch ein Insead-Alumni ist, vor allem aber UK-Chef von N26. Doch auch hier: Keine Reaktion.

Erste Fintech-Promis versuchen, ihre Kontakte spielen zu lassen. Sven Weizenegger, Mitgründer von Perseus, schreibt: „Gerrit Glass. Can you help?“ Gerrit Glass, bei N26 für die internationale Expansion zuständig, rührt sich nicht. René Griemens, dem früheren Finanzchef von Kreditech, wird die Sache jetzt zu bunt. Er will die Dinge offenbar regeln, wie man sie früher geregelt hat, von Mann zu Mann, von C-Level zu C-Level, auf dem kurzen Dienstweg.  Also schreibt er einfach nur: „Valentin S.“ Doch auch der auf diese Weise getaggte Valentin Stalf, Gründer und CEO von N26, reagiert nicht.

Verflixt.

Der Freitag vergeht. Der Samstag vergeht. Der Sonntag vergeht. Der Montag geht auf Mitternacht zu. Und plötzlich meldet sich: Georg Hauer, der neue N26-General-Manager für den deutschen Markt. Offenbar gibt es bei der Berliner Digitalbank also wenigstens einen Großkopferten, der mitbekommt, dass bei Linkedin zu diesem Zeitpunkt seit rund 100 Stunden über N26 abgelästert wird.

 could you please send me a PM? I do not know the context or why this happened but our team will be happy to look into it.“

Nun sei mal dahingestellt, wie „happy“ das Team wirklich ist. Jedenfalls passiert der Linkedin-Timeline zufolge nach dem Hauer-Kommentar rund neun Stunden lang nichts (mag sein, dass der Grover-CFO ein Mann mit einem gesegneten Schlaf ist) – bis Thomas Antonioli schließlich antwortet: „Thanks Georg, PM‘d you.“

Daumen hoch!, kann man da nur sagen.

Und jetzt noch, wie es zu alldem gekommen ist.

Also: Nach Recherchen von Finanz-Szene.de soll Antonioli tatsächlich im Dispo gewesen sein, kommt ja mal vor, zumal bei einem N26-Konto. Ein Kundenbetreuer bat ihn daraufhin, den Dispo auszugleichen, nannte in der entsprechenden E-Mail aber eine viel zu niedrige Summe (offenbar ein Vertipper). Antonioli jedenfalls überwies den Betrag, den ihm N26 genannt hatte, und sogar noch ein bisschen mehr. Damit wähnte er das Konto (aus seiner Sicht: zurecht …) wieder im Plus, in Wahrheit war es aber weiterhin im Minus, wenn auch nicht mehr so stark.

Danach müssen die Dinge irgendwie eskaliert sein: N26 kündigte schließlich das Konto, Antonioli beschwerte sich, kam damit aber offenbar nicht durch, und irgendwann sah er keinen anderen Ausweg mehr, als seinen Rant bei Linkedin abzusetzen. Den Rest, liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie. Ach nein, das Ende kennen Sie noch nicht. Antonioli und N26 haben sich ausgesprochen, der Grover-CFO bleibt Kunde bzw. wird wieder Kunde, Big Hug.

Was zurückbleibt, ist die Frage: Mal angenommen, Herr Antonioli wäre nicht Herr Antonioli, sondern irgendein x-beliebiger Kunde, der nicht in der Lage ist, die halbe Berliner Startup-Community sowie das Insead-Netzwerk aufzuscheuchen … Wie wäre der Fall dann ausgegangen?

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