Savedroid-Saga, Teil IV

Was aus den 40 Mio. Euro aus dem Savedroid-ICO wurde

23. September 2019

Von Thomas Borgwerth

Wir hatten Sie vorgewarnt – und nun machen wir unsere Drohung wahr: Dem gestrigen dritten Teil unserer „Savedroid-Saga“ lassen wir heute auch noch den vierten und hoffentlich letzten folgen. Weil: Unsere gestrige News (also, dass Savedroid im kompletten Geschäftsjahr 2018 lediglich Provisionserträge in Höhe von 65,42 Euro erzielt hat) war zwar aus journalistischer Sicht ganz nett …

… viel wichtiger allerdings (gerade aus Sicht der angeblich rund 35.000 Anleger) ist die Frage, was denn mit den angeblichen 40 Mio. Euro passiert ist, die Savedroid im vergangenen Jahr bei seinem Krypto-Börsengang angeblich eingenommen hat. Was also hat der 2018-Jahresabschluss über diese 40 Mio. Euro (und die Frage ihrer Existenz) zu sagen? Voilà:

Der ICO

Über ein Initial Coin Offering (ICO) hatte Savedroid im Frühjahr 2018 von rund 35.000 Anlegern rund 40 Mio. Euro eingenommen. So stand es jedenfalls in allen für die Startup-Branche relevanten Medien (etwa hier) zu lesen. Auf explizite Nachfrage von Finanz-Szene.de betonte Gründer Yassin Hankir Ende Juni 2018 nochmals, dass der Savedroid-Token von rund 35.000 Käufern gezeichnet worden sei.

Die Bilanzierung des ICOs (I)

In der Tat:  Im Lagebericht zum 2018er Abschluss findet sich eine Auflistung, die auf ein Bruttovolumen des ICOs in Höhe von rund 40 Mio. Euro schließen läst … (Angaben in Mio. Euro)

Bareinnahmen 6,1
Krypto-Währungseinnahmen 11,1
Token-Swaps 15,9
Freiausgabe von SVD 0,8
Ausgabe gegen Dienstleistungen 3,5
Referral-Programm 0,7
Sonstige Fremdleistungen 1,6
Bruttovolumen 39,7

Wie zur Bestätigung schließt der ICO-Abschnitt mit folgender Bemerkung: „Mit den Einnahmen des ICO kann Savedroid den langfristigen Geschäftsaufbau sicherstellen und konnte bereits einige wichtige strategische Entscheidungen umsetzen.“

Die Bilanzierung des ICOs (II)

Bei Einnahmen in Höhe von rund 40 Mio. Euro sollte die Kasse zum Jahresende eigentlich prall gefüllt gewesen sein. Indes, hier wartet der Jahresabschluss plötzlich mit einer faustdicken Überraschung auf.  Die Summe aller Aktiva belief sich zum 31- Dezember 2018 gerade einmal auf 7,5 Mio. Euro, als Barreserven waren sogar nur 3,8 Mio. Euro vorhanden. Wie ist das möglich, wenn doch der Krypto-Börsengang 40 Mio. Euro Einnahmen in das Unternehmen gespült haben soll?

Einen ersten Hinweis, dass die Tabelle im Lagebereicht vielleicht „interpretationsfähig“ ist, liefert eine Fußnote: „Token-Swaps wurden nicht bilanziell in 2018 berücksichtigt“, steht da. Mit anderen Worten: Von den 39,7 Mio. Euro Einnahmen wurden 15,9 Mio. Euro (als rund 40%) bei der Bilanzierung weggelassen. Hä? Warum das denn?

In einem separaten Abschnitt mit der lapidaren Überschrift „Nicht in der Bilanz erscheinende Geschäfte“ werden nun Token-Swap-Vereinbarungen mit fünf Token-Swap-Partnern aufgelistet. Der Wert dieser Geschäfte soll sich auf besagte 15,9 Mio. Euro summieren. Indes: Irgendwie scheinen die Vereinbarungen, salopp formuliert, nicht richtig zustande gekommen zu sein. Denn sonst hätten sie ja bilanziert werden müssen. Oder?

Auf Anfrage von Finanz-Szene.de nimmt Savedroid-Gründer Yassin Hankir zu diesem Komplex wie folgt Stellung:

„Richtig ist, dass nur ein Teil des Bruttovolumens bilanziell in 2018 berücksichtigt wurde und dass Token-Swaps nicht bilanziell in 2018 berücksichtigt wurden.“  […] „Bitte vergleichen Sie hierzu im Anhang des Jahresabschlusses 2018 den Abschnitt ‚Nicht in der Bilanz erscheinende Geschäfte‘, dort werden alle relevanten Details erläutert.“

Die übrigen Erlöse aus dem ICO

Wie steht es nun um die übrigen Einnahmen aus dem Token-Verkauf? Hier unsere Interpretationen:

  • Freiausgaben von SVD (also Savedroid-Token) in Höhe von 0,8 Mio. Euro)? Klingt nicht so, als wäre hier Cash in die Kasse von Savedroid geflossen.
  • Ausgaben gegen Dienstleistungen in Höhe von 3,5 Mio. Euro? Mmmmhhh …
  • Ein Referral-Programm in Höhe von 0,7 Mio. Euro. Klingt so, als wären hiermit die Gratis-Token gemeint, die Fintech-Influencer erhielten, die für den ICO trommelten. Spricht: auch kein Cash.
  • Sonstige Dienstleistungen in Höhe 1,6 Mio. Euro? Siehe das „Mmmmhhh“ weiter oben …

Damit verbleiben unserer Interpretation zufolge:

  • die Einnahmen gegen Bar in Höhe 6,1 Mio. Euro (hier scheint es sich um echtes Geld zu handeln) …
  • und die Einnahmen gegen Krypto-Währungen in Höhe von 11,1 Mio. Euro (also nicht ganz so echtes Geld, dass sich auf irgendwelchen Krypto-Börsen allerdings gegen echtes Geld tauschen lassen müsste).

Auch hierzu haben wir Savedroid konfrontiert. Unsere Frage lautete:

„Was vom Brutto-Volumen des ICOs ist wirlklich als ‚Cash‘ in der Kasse gelandet?“

Hierauf antwortete Hankir:

„Diejenigen Positionen des Bruttovolumens, die bilanziell in 2018 berücksichtigt wurden.“

Mit anderen Worten: Hankir widerspricht unserer Interpretation, wonach „Freiausgaben“, „Dienstleistungen“,  „Referral-Programm“ und „Sonstige Dienstleistungen“ kein „Cash“ in die Kasse gespült haben. Wir nehmen das so zur Kenntnis.

Umso bemerkenswerter, dass Ende 2018 nur noch besagte 3,8 Mio. Euro in der Kasse waren. Zumal eine Kapitalerhöhung zusätzliche Barmittel in Höhe von 1,5 Mio. Euro hereingespült hatte.

Die Gewinn- und Verlustrechnung

In der Gewinn- und Verlust-Rechnung verbirgt sich nun ein selbst für den gewieften Bilanzleser kaum zu entschlüsselndes Mysterium in Höhe von 15,9 Mio. Euro – wobei diese 15,9 Mio. Euro übrigens mit den Token-Swap-Vereinbarungen in Höhe von 15,9 Mio. Euro nichts zu tun haben. Zufälle gibt’s …

Jedenfalls: Diese 15,9 Mio. Euro finden sich in der Zeile „sonstige betriebliche Erträge“. Im Anhang heißt es hierzu: „Ertrag aus der Übertragung von Verbindlichkeiten und Rückstellungen an die Savedroid FL GmbH, als Saldo aus dem Abgang von Verbindlichkeiten/Rückstellungen und dem Zugang der zugehörigen Verbindlichkeiten, EUR 15.954.277,35.“ Bei der Savedroid FL GmbH handelt es sich übrigens um die neu gegründete Liechtensteiner Tochtergesellschaft, über die savedroid zukünftig das Geschäft mit Kryptowährungen abwickeln will.

Da sich unter den sonstigen Verbindlichkeiten zum 31. Dezember 2018 tatsächlich eine Schuld gegenüber der savedroid FL GmbH in Höhe von 4,3 Mio. Euro findet, lassen sich folgende Buchungen hieraus ableiten: Savedroid hatte vor der Übertragung Verbindlichkeiten und Rückstellungen in Höhe von 15,9 (bzw. korrekt gerundet: 16,0) Mio Euro plus 4,3 Mio. Euro macht 20,3 Mio. Euro in den Büchern stehen.

Diese 20,3 Mio. Euro wurden gegen eine neue, sehr viel niedrigere Verbindlichkeit gegenüber der neu gegründeten Tochter Savedroid FL ausgebucht und der nicht mehr existierende Anteil der Schuld als Ertrag in die GuV geschrieben. Da wir mit diesen Buchungen völlig überfordert waren, haben wir Savedroid auch hierzu befragt…

Die Bitte an Hankir, ob er hier für ein bisschen Aufklärung sorgen könne, mündete in der Antwort:

„Bitte vergleichen Sie hierzu auch Kapitel 2.3.1 Absatz 1 des Lageberichts im hinterlegten Jahresabschluss 2018.“

Nun denn.

Das operative Geschäft

Abseits des ICO’s: Was macht Savedroid eigentlich noch mal? Und wie läuft es operativ? Ach, stimmt, das hatten wir Ihnen ja gestern im dritten Teil unserer Savedroid-Saga ja schon erzählt, brauchen’s heute also nicht nochmal zu tun …

Der Token

Der Wert des Savedoid-Token (SVD) wird auf Etherscan aktuell mit einem Wert von 0,2 Milli-Dollar (0,0002 USD) angegeben.

Der Wirtschaftsprüfer

Geprüft und testiert wurde der Abschluss von einem mit allen akademischen Weihen (Prof. Dr.) ausgezeichnetem Wirtschaftsprüfer der Prüfungsgesellschaft Rödl & Partner.

Wir gehen hoffnungsvoll davon aus, dass dieser Herr selbstverständlich all das verstanden hat, was wir nicht verstanden haben.

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