Analyse

Huch. Numbrs soll ein Fintech-Unicorn sein. Echt jetzt?

23. August 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Echt jetzt? Numbrs soll das neue N26 sein?  Krass.

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Denn eigentlich hätte man bis gestern auch meinen können, das schweizerisch-deutsche Fintech sei ein Multibanking-Anbieter unter vielen da draußen. Vergleichbar mit Finanzguru (gerade mit lumpigen 4 Mio. Euro gefunded). Vergleichbar mit Outbank (2017 pleitegegangen, dann von Verivox aufgefangen). Vergleichbar mit Finanzblick (eine App des mäßig aufregenden Finanzsoftware-Herstellers Buhl).

Seit spätestens gestern allerdings weiß die Welt: Numbrs (Sitz in der Schweiz, genauer: Zürich, tätig am deutschen Markt) spielt in einer ganz, ganz anderen Liga als seine Wettbewerber. Jedenfalls bezogen aufs Funding. Und jedenfalls laut eigenen Angaben. 40 Mio. Dollar soll Numbrs von namentlich nicht genannten Investoren erhalten haben. Wodurch das Gesamtfunding nun bei 200 Mio. Euro liege. Und die Bewertung (halten Sie sich bitte fest …) bei mehr als 1 Mrd. Euro. Ein Fintech-Unicorn also! Und zwar erst das zweite in der DACH-Region nach N26.

Mit Verlaub: Wie war das möglich? Ein FAQ:

Wer ist Numbrs?

Ein am deutschen Markt aktives Schweizer Fintech, hinter dem der Selfmade-Millionär Martin Saidler steht. Auf der Unternehmens-Website wird das Gründungsjahr mit 1999 angegeben, wobei es uns eher so zu scheint, dass die heutige Numbrs erst viele Jahre später entstand. Dafür spricht, dass zwei der drei Gründer (nämlich Dennis Just und Julien Arnold) bei Linkedin ihre Numbrs-Zeit im Jahr 2012 beginnen lassen; und so steht es auch auf einer alten Fintech-Event-Website, auf der auch der mutmaßlich dritte Gründer aufgeführt wird, nämlich Johannes Hübner. Ohne es genau recherchiert zu haben, würden wir tippen, dass sich die Dinge ungefähr so zugetragen haben: Just, Arnold und Hübner haben Numbrs 2012 unter dem Dach der Saidlerschen Firmenimperiums aufgebaut, das Projekt aber bald danach verlassen. Und seitdem verantwortet Saidler de facto auch das operative Geschäft (jedenfalls meistens, zwischendurch gab es auch mal einen Kurzzeit-CEO namens Oivynd Oanes)

Was macht Numbrs?

Das Unternehmen betreibt eine gleichnamige Multibanking-App, über die Nutzer ihre Bankkonten aggregieren können. Erträge generiert das Unternehmen über Produktpartner, von denen es mindestens 30 geben soll, darunter die Axa und die Allianz.

Wie wurde Numbrs zum Unicorn?

Gute Frage. Mal aus der Erinnerung heraus zusammengefasst: Als 2012/2013 der Fintech-Trend begann, da war Numbrs eines der Startups, die medial besonders stark gecovered wurden. Zwischenzeitlich wurde es eher ruhig um das Fintech, bevor dann 2017 plötzlich von einer rund 50 Mio. Dollar schweren Finanzierungsrunde die Rede war (wobei einigen der Zeitungsberichte aus 2017 dann auch zu entnehmen war, dass es ein Jahr zuvor bereits eine noch größere Funding-Runde gegeben haben soll). Trotz der üppigen Finanzierungen berichteten diverse Medien (-> Gründerszene, -> Finews) im Juni 2017 dann unvermittelt von „Massenentlassungen“ bei Numbrs.

Wer sind die Investoren?

Auch eine gute Frage. Die 2017er-Runde wurde angeführt vom Staatsfonds aus Dubai. Auch der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann soll zu den Geldgebern gehören. In der Pressemitteilung zur gestrigen Finanzierungsrunde ist lediglich davon die Rede, dass sich „sowohl bestehende als auch neue Kapitalgeber beteiligt“ hätten. Namen werden keine genannt.

Was weiß man über die Zahlen von Numbrs?

Weniger, als man gerne wissen würde. Das Unternehmen äußert sich weder zu Geschäftszahlen noch zu Nutzerzahlen.

Welche Erfolgskennziffern werden überhaupt preisgegeben?

Diese drei hier:

  • Anzahl der Downloads der App: aktuell 2,2 Mio.
  • Anzahl der in die App eingebundenen Konten: aktuell 1,7 Mio.
  • Summe der über die App verwalteten Gelder: aktuell 11 Mrd. Euro

Wie sind diese Zahlen einzuordnen?

Laut  Pitch Deck (aus dem Finanz-Szene.de und Gründerszene im Juni exklusiv zitierten) kam der Konkurrent Finanzguru per Frühjahr 2019 auf gut 700.000 Downloads. Geht man naheliegenderweise davon aus, dass Finanzguru seitdem noch ein bisschen gewachsen ist, dann wäre Numbrs gemessen an den Downloads heute etwa zweieinhalb mal so groß wie Finanzguru (wobei Finanzguru deutlich später gestartet ist).

Nun sind Download-Zahlen allerdings nicht die entscheidende Kennziffer (Outbank zum Beispiel sprach schon 2017 von 4 Mio. Downloads) – letztlich kommt es darauf an, wie viele Menschen die App nach dem Download auch wirklich nutzen. Hier sagt Numbrs nichts. Bei Finanzguru waren es laut Pitch Deck per Frühjahr 420.000, was eine imposante Conversion Rate von rund 60% wäre. Wir behaupten einfach mal: Wäre die Conversion bei Numbrs genauso hoch – dann gäbe es keinen Grund, die Nutzerzahlen zu verschweigen.

Wirklich überprüfbar sind von außen freilich weder die Download- noch die Nutzerzahlen. Laut Schätzungen des Analysetools Priori Data kam Numbrs per Juni auf gut 1 Mio. Downloads. Das wären nur rund halb so viele wie die offiziell verkündete Zahl. Allerdings, wie gesagt: Solche Tools geben allenfalls Schätzwerte wieder, über deren Verlässlichkeit man geteilter Meinung sein kann.

Noch ein Satz zu den 1,7 Mio. in die Apps eingebundenen Konten: Schon Anfang 2017 war von 1,5 Mio. Konten die Rede. Gemessen daran, dass Performance-Kennziffern bei Startups ja eigentlich stark wachsen sollten, haben wir es hier mit nichts anderem als einer Stagnation zu tun. In einem Handelsblatt-Artikel, der auf einem Gespräch mit Martin Saidler beruhte, wurde die Stagnation vor einigen Monaten damit erklärt, dass Numbrs  „zwischenzeitlich auf Marketing verzichtet“ habe und sich „ganz auf die technische Weiterentwicklung der App“ konzentriert habe.

Was kann Numbrs?

Da wir die App nicht nutzen, können wir zu deren Qualität keine Angaben machen. Erinnerlich ist uns allerdings ein Zitat Martin Saidlers aus besagtem „HB“-Artikel, dass da lautete: „Wir haben keine Zeile Programmcode von außen eingekauft.“ Das klang für uns nach einem technologisch fundierten „From the scratch“-Fintech allererster Güte.

Nicht ganz passen zu diesem Selbstbild will aus unserer Sicht allerdings, dass Numbrs bei einigen seiner Kerntätigkeiten auf die Hilfe des deutschen API-Spezialisten FintecSystems angewiesen zu sein scheint. So lautet gleich der zweite Satz der Numbrs-AGBs (Fettungen im Original):

„Gewisse Dienstleistungen innerhalb der Numbrs App erbringt FinTecSystems GmbH, Gottfried-Keller-Str. 33, 81245 München, Deutschland, soweit es sich um die beschriebenen Kontoinformationsdienste („KID”) und Zahlungsauslösedienste („ZAD”) handelt (siehe §3 unten).“

Weiter unten steht dann:

„Die Numbrs App ermöglicht es Ihnen, Konten, welche nicht als Zahlungskonto unter der Definition der europäischen Zahlungsdiensterichtlinie 2  […] gelten, einzusehen. Numbrs nutzt die technischen Dienstleistungen von dem KIDL / ZADL […], um solche Konten zu aggregieren. Der KIDL / ZADL erbringt zusätzlich die beschriebenen KID und ZAD für Zahlungskonten unter der Definition von PSD2.“

In der Tat ist es so, dass Numbrs bislang noch über keine eigene PSD2-Lizenz (so die landläufige Bezeichnung für die KIDL bzw. die ZADL) verfügt. Gegenüber dem „Handelsblatt“ hatte Saidler Mitte Mai gesagt: „Die Regulierung hat uns zwei Millionen Euro gekostet.“ Allerdings stehe die „finale Zustimmung“ der Aufseher [Anm. d. Red.: die PSD2-Lizenz betreffend] noch aus.

Drei Monate später gibt das Unternehmen auf Anfrage von Finanz-Szene.de nun  zu Protokoll:

„Numbrs hat im Rahmen der PSD2-Umsetzung die Lizenz als Zahlungsauslösedienst (ZAD) in Luxemburg beantragt, erfüllt alle Voraussetzungen und erwartet in Kürze die Zulassung.“

Befragt nach Art und Umfang der Dienstleistungen, die Fintecsystems für Numbrs erbringt, heißt es:

„Es bestehen auf verschiedenen Ebenen Kontakte zwischen Numbrs und FinTech-Systems, u.a. wie aus den AGB ersichtlich, auch im Bereich der Kontoinformations- und Zahlungsauslösedienste. Numbrs hat dadurch (eine Zulassung als ZAD in Luxemburg vorausgesetzt) ab 14. September tatsächlich zwei Zugänge zum deutschen Markt, direkt über den eigenen europäischen Pass und indirekt über Fintechsystems. Da dieser Zugang für Numbrs von großer Bedeutung ist, hat sich Numbrs bewusst für eine Redundanz entschieden. Die Aussage von Herrn Saidler „Wir haben keine Zeile Programmcode von außen eingekauft“ ist damit weiterhin valide.“

Was passiert jetzt mit dem frischen Geld?

Laut Pressemitteilung sind der „Ausbau von Versicherungskooperationen in Deutschland“ sowie die „breite Markteinführung der Numbrs-App in Großbritannien“ geplant.

Gerade das UK-Thema scheint dabei von sehr langer Hand vorbereitet worden zu sein. So sagte der Numbrs-Marketingchef schon 2014 in einem Interview mit „Gründerszene“:

„Die Schweiz ist für uns als Unternehmen ein fantastischer Standort, aber als Markt momentan nicht interessant. Die Komplexität ist hier nicht zuletzt wegen der vier Landessprachen hoch, weshalb wir größere Märkte, wie zum Beispiel England oder die USA, zuerst näher ins Auge fassen. […] In London verfügen wir bereits über ein Büro und sind vor Ort in Gesprächen mit britischen Banken. In den USA ist es uns bereits gelungen, die ersten Banken an Centralway Numbrs anzuschließen. Wann genau wir hier mit der Numbrs-App starten, möchten wir ganz klar davon abhängig machen, dass wir unserem und dem Anspruch unserer Kunden kompromisslos gerecht werden können.“

So wie wir es verstehen ist Numbrs in den USA bislang allerdings noch nicht gestartet.

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