Kommentar

Wer wird denn jetzt neuer Fintech-Beauftragter? Oder wird das niemand?

17. Oktober 2018

Von Heinz-Roger Dohms

Über Jens Spahn mochte man denken, wie man wollte – die deutschen Fintechs jedenfalls waren froh, dass sie ihn hatten. Schließlich ist es für eine junge Branche ja nicht das Schlechteste, wenn einer der kraftvollsten Politiker des Landes ebendiese Branche plötzlich als persönliche Spielwiese entdeckt und damit Türen öffnet, die zuvor verschlossen waren. Da war es der Szene auch egal, dass Jens Spahn gern von „Fintäschs“ sprach, wenn er „Fintechs“ meinte. Das sich hieraus ergebende Dilemma, den CDU-Mann entweder indirekt zu korrigueren oder ihn womöglich zu imitieren, wurde in gemeinsamen Runden – so hört man – elegant umschifft, indem die Branchenvertreter weder das Wort „Fintech“ noch das Wort „Fintäsch“ in den Mund nahmen. Sie sprachen dann von „Finanztechnologiefirmen“ oder von der „Finanztechnologiebranche.“

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Jedenfalls: Das durchaus ernst gemeinte Küddelchen* der deutschen Fintech-Branche mit dem selbsternannten „deutschen Fintech-Beauftragten“ musste traurigerweise enden, als Jens Spahn nach dem Regierungswechsel vom Finanz-Staatssekretär zum Gesundheitsminister aufstieg. Und nun? Bzw.: Und seitdem?

Kann es sein, dass die Fintech-Branche vom politischen Radar schon wieder zu verschwunden droht?

Die  meisten Fintech-Menschen, zumindest unter jenen, die Lobbyismus als Teil des Geschäfts verstehen, gingen, nachdem klar war, dass das Finanzministerium an die SPD fallen würde, davon aus, dass sie schon bald einen neuen „Fintech-Beauftragten“ bekommen würden. Als sozusagen natürlicher Kandidat wurde Jörg Kukies gehandelt, früherer Deutschland-Chef von Goldman Sachs, der Anfang des Jahres als Staatssekretär ins Finanzministerium gewechselt war. Kukies‘ Affinität zum Thema Fintech geht weit über die anderer Banker hinaus, ihn fasziniert die junge Branche so sehr, dass er in seiner Goldman-Zeit in einige Startups (Scalable Capital, Fincompare …) persönliche investierte. Man dachte: Okay, aus Gründen der politischen Hygiene muss er diese Beteiligungen natürlich erst mal loswerden. Aber dann kann es losgehen. Inzwischen allerdings ist seit der Bundestagswahl gut ein Jahr und seit der Regierungsbildung gut ein halbes Jahr vergangen. Und bislang ist Kukies in Sachen Fintechs nicht in Erscheinung getreten.

Damit stellt sich auch die Frage nach dem „Fintech-Rat“, also dem von Jens Spahn ins Leben gerufenen Gremium, in dem – unter Führung des Finanzministeriums – neben diversen Fintech-CEOs auch Vertreter von Banken und Bankenverbänden sitzen. Dieser Zirkel kam unter Spahn nicht nur regelmäßig zusammen, er durfte auch den ein oder anderen Erfolg für sich verbuchen. So plädierte das Gremium  dafür, die Eignungsvoraussetzungen für Bankvorstände zu reformieren, damit es mehr Digitalexperte in die oberste Führungsebene schaffen. Die Bafin kam dem Ende letzten Jahres (Stichwort „Lex Techie“) schließlich nach.

Seit dem Regierungswechsel tagt der „Fintech-Rat“ zwar weiterhin, ist zu hören. Geleitet werden die Sitzungen allerdings, anders als zu Spahns Zeiten, nicht mehr von einem Staatssekretär, sondern von Levin Holle, dem – freilich renommierten – Abteilungsleiter Finanzmarktpolitik. Eigentlich läge damit die Vermutung nahe, dass also Holle (der auch schon der ein oder anderen Branchen-Veranstaltung beiwohnte) jetzt für die Fintechs zuständig ist, man sich den Titel „Fintech-Beauftragter“ aber sparen will. Hierfür gibt es allerdings keine Bestätigung seitens des BMF, das sich zu der ganzen Causa nicht äußern will.

Das wiederum liegt, so hört man, auch daran, dass dem Chef des Hauses, also Finanzminister Olaf Scholz, das Thema Fintech noch ein bisschen, nun ja: fremd ist. Das BMF müsse sich da erst mal ordnen, der neue Minister ein bisschen aufgeschlaut werden, sagt ein Eingeweihter. Als Scholz neulich bei der „Banken im Umbruch“-Tagung gefragt wurde, ob er Online-Banking oder gar Mobile-Banking betreibe, antwortete er zweimal mit entwaffender Ehrlichkeit: „Nein“. Wobei: Auch in einer Filiale scheint er schon länger nicht mehr gewesen zu sein (hier der entspechende Videoschnipsel). Gleichwohl, für die größeren Zusammenhänge soll Scholz dann doch ein gesteigertes Interesse mitbringen, was machen Apple und Google in Sachen Payment, was passiert da gerade im Bereich „Identity“, solche Sachen. Aus einem Fintech heißt es, Scholz verfolge durchaus eine klare Agenda. Ob das wirklich so ist, wird sich zeigen.

Während die Schnittmenge aus Fintech und Finanzministerium früher Jens Spahn hieß, könnte das momentane Vakuum dazu führen, dass sich neue Zugangswege ergeben, vielleicht ja gar zum Minister selber. Nach der Sommerpause sollte es eigentlich ein Treffen zwischen Scholz und bekannten Vertretern der Fintech-Community geben – interessanterweise außerhalb der Strukturen des Fintech-Rats (und auch in anderer personeller Zusammensetzung). Dieser Termin allerdings platzte, angeblich wird das Ganze im November nachgeholt. Unterdessen erzählt ein hohes Fintech-Tier, dass sich zwei andere hohe Fintech-Tiere am Rande der „Banken im Umbruch“ mit Scholz zu einem Exklusiv-Meeting zurückgezogen hätten. Das allerdings dementieren die beiden anderen hohen Fintech-Tiere. Stattdessen findet sich bei Twitter ein eher tristes Foto, das Scholz am Tag der „Banken im Umbruch“ bei einem allenfalls semiexklusiv anmutenden Treffen mit ein paar Fintech-Köpfen im im Frankfurter Techquartier zeigt.

So bleibt letztlich die Erkenntnis: Was auch immer wird – so schön wie mit Jens Spahn wird’s nimmer mehr.

*Küddelchen ist Aachener Mundart und lässt sich ganz grob mit Affäre übersetzen, wobei Küddelchen deutlich harmloser (allerdings nicht im Sinne von asexuell) und auch ein klein bisschen positiver konnotiert ist.

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