Exklusiv

Wir zerlegen den Fintech-Deal des Jahres in seine Einzelteile

15. Oktober 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Was wissen wir wirklich über unsere Fintechs? Um ehrlich zu sein: nicht viel. Denn: So mitteilsam sie sind, wenn’s ihnen in den Kram passt, so verschlossen geben sie sich (nachvollziehbarerweise), wenn’s wirklich mal ans Eingemachte geht.

Beispiel: Der „Fintech-Deal des Jahres“, also die Fusion von Figo und Finreach unter dem Dach der Berliner Fintech-Schmiede Finleap. Über welche Dimensionen bezogen auf die Erträge reden wir da eigentlich? Handelte es sich wirklich um eine Fusion unter Gleichen, oder hat einer den anderen oder Finleap gleich beide aufgefangen? Wie viel Geld ist im Zuge der Transaktion eigentlich geflossen? Und von wem an wen? Und: Wem gehört jetzt wie viel an der an dem neuen Unternehmen, wessen Anteile sind zusammengeschrumpft, wer hat eingecasht?

Wie gesagt: Auf die meisten dieser Fragen bekommt man normalerweise keine Antwort. Im konkreten Fall hatte Finanz-Szene.de aber das Glück, auf eine ganze Reihe hochspannender Dokumente zu stoßen – vom Verschmelzungsvertrag über Geschäftsberichte bis hin zu aktuellen Gesellschafterlisten. Auf dieser Basis war es uns möglich, den „Fintech-Deal des Jahres“ detailliert nachzuzeichnen. Voilà:

1.) Die Ausgangslage

  • Figo war lange Zeit eines der meist beachteten deutschen B2B-Fintechs. Das lag zum an seinem langjährigen CEO André Bajorat, der als Blogger, Podcaster und Lobbyist weit über die Community hinaus ausstrahlte. Zum anderen lag es an einer Funding-Runde Ende 2016. Seinerzeit investierte die Deutsche Börse 6,8 Mio. Euro in den Hamburger Schnittstellen-Spezialisten. Die Post-Money-Bewertung lag damals (wie sich auf Basis des Konzernabschlusses der Börse hochrechnen lässt) bei 36 Mio. Euro. Fast schon spektakulär für damalige B2B-Verhältnisse.
  • Finreach war eines der Vorzeige-Startups aus der Berliner Fintech-Schmiede Finleap. Auf den Kontowechsel-Service des 2015 gestarteten Fintechs setzten bald verschiedenste Banken hierzulande, darunter die Deutsche Bank und die DKB. Zu Finreachs frühem Erfolg trug unter anderem das Zahlungskonten-Gesetz bei. Das trat im Herbst 2016 in Kraft und verlangte von den Banken, abwanderungswilligen Kunden den Wechsel zu einem anderen Institut zu erleichtern.
  • Anfang dieses Jahres berichtete Finanz-Szene.de exklusiv, dass Finreach und Figo unter dem Dach von Finleap fusioniert werden. Im Sommer wurde dann bekannt, dass dieser Zusammenschluss nur der Anfang weitreichender Umbaumaßnahmen bei Finleap war: So sind die Berliner aktuell dabei, um den Nukleus Finreach/Figo herum eine neue B2B-Fintech-Plattform namens „Finleap Connect“ aufzusetzen.

2.) Die Kennzahlen

Im Zuge der beschriebenen Maßnahmen hat Finreach in den vergangenen Wochen weitreichende Geschäftszahlen ins Handelsregister eingestellt. Wir vermuten dahinter regulatorische Notwendigkeiten.

Beginnen wir mit der GuV (alle Beträge in TEUR)

  2016 2017 2018
       
Umsatzerlöse 1.134 1.517 2.056
sonstige betriebliche Erträge 1 42 108
Materialaufwand 208 354 453
Personalaufwand 926 1.480 2.047
Abschreibungen 9 16 19
sonstige betriebliche Aufwendungen 615 1.054 1.248
Zinsen und ähnliche Aufwendungen 41 63 266
Jahresfehlbetrag 664 1.409 1.687

Zwei Dinge fallen auf:

  1. Obwohl erst 2015 gestartet, erwirtschaftete Finreach im Jahr darauf schon siebenstellige Umsatzerlöse. Das ist mehr als beachtlich, zumal in Anbetracht des zugleich überschaubaren Aufwands. Es sieht so aus, als hätten die Berliner mit dem Kontowechsel nicht nur aufs richtige Produkt gesetzt, sondern als hätten sie auch die „Execution“ (wie das in Startup-Kreisen genannt wird) im Griff gehabt.
  2. Gleichwohl wuchsen die Erlöse in 2017 (34%) und 2018 (36%) eher gemächlich. Zum Vergleich: Der Solarisbank (die ebenfalls zu Finleap gehört und die ebenfalls auf B2B setzt) gelang es 2018, ihren Umsatz zu vervierfachen, und zwar von einem vergleichbaren Niveau ausgehend. Denkbar, dass der erste große Umbau bei Finreach Mitte 2018 auf die überschaubare Wachstumsdynamik zurückzuführen ist.

Anders als bei Finreach liegt uns zu Figo keine GuV vor. Wir vermuten allerdings (ohne es zu wissen), dass sich die Erlöse in ähnlichen Dimensionen bewegt haben und bewegen wie bei Finreach. Trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Startups:  Während Finreach lange Zeit stark auf sein Kernprodukt „Kontowechsel“ setze, investierte das API-Fintech Figo jenseits seiner angestammten Schnittstellen-Dienstleistungen deutlich stärker in neue Initiativen (siehe -> RegShield, siehe -> erstes Fintech mit PSD2-Lizenz). Dadurch waren die Hamburger mit mehr Fantasie unterwegs, allerdings auch mit mehr Risiken.

3.) Die finanzielle Lage

Dass Figo ein deutlich größeres Rad drehte als Finreach, zeigt sich beim Vergleich der bilanziellen Passivseiten.

Einmal Finreach (alle Beträge in TEUR) …

  2016 2017 2018
       
A. Eigenkapital      
I. Gezeichnetes Kapital 25 25 25
II. Kapitalrücklage 0 0 496
III. Verlustvortrag 722 1.385 2.794
IV. Jahresfehlbetrag 664 1.409 1.687
nicht gedeckter Fehlbetrag 1.360 2.769 3.960
B. zur Durchführung der Kapitalerhöhung geleistete Einlage 0 0 704
C. Rückstellungen 95 103 160
D. Verbindlichkeiten 2.203 3.446 5.110
[davon ggü. Verbundenen Unternehmen] [1.431] [2.341] [3.355]
  2.298 3.549 5.110

… und einmal Figo (alle Beträge in TEUR):

  2016 2017 2018
       
A. Eigenkapital 6.491 2.007 ?
I. Gezeichnetes Kapital 75 75 ?
II. Kapitalrücklage 9.576 9.576 ?
III. Verlustvortrag 993 3.160 ?
IV. Jahresfehlbetrag 2.166 4.484 ?
B. Rückstellungen 239 279 ?
C. Verbindlichkeiten 45 318 ?
Summe 6.789 2.604 ?

Man sieht: Nach der für ein damaliges B2B-Fintech üppigen 2016er-Finanzierungsrunde verfügte Figo über ein scheinbar kommodes Kapitalpolster. Allerdings lag der (allein aufs jeweilige Jahr bezogene) Cashburn in 2016 bei 2,2 Mio. Euro (Faktor 3,3 im Vergleich zu Finreach). In 2017 waren es dann sogar 4,5 Mio. Euro (Faktor 3,2 im Vergleich zu Finreach). Das sind beträchtliche Werte für einen B2B-Anbieter und eine Folge u.a. des nicht billigen Bafin-Lizenzierungsverfahrens.

Zwar besitzen wir keine Zahlen für 2018. Allerdings findet sich im 2017er-Abschluss unter der Überschrift „Vorgänge von besonderer Bedeutung nach Geschäftsjahresende“ der folgende Hinweis:
„Es wurde ein Wandeldarlehen i.H.v. T€ 2.000 im Mai / Juni 2018 mit Gesellschaftern abgeschlossen.“ Heißt: Schon knapp zwei Jahre nach dem 2016er-Funding war bei Figo das Geld bereits wieder knapp. Zu einer erneuten Finanzierungsrunde kam es allerdings nicht. Sondern lediglich zu einer Brückenfinanzierung.

Selbst ohne Kenntnis der 2018er-Zahlen scheint klar:  Spätestens im Laufe des Jahres 2019 wäre es für die Figo-Gesellschafter zum Schwur gekommen. Denn nach allem, was sich von außen plausiblerweise sagen lässt, hätten die Hanseaten für die Stand-alone-Fortsetzung ihrer Wachstumsambitionen frisches Kapital benötigt. Ob die bestehenden Gesellschafter hierzu bereit gewesen wären, weiß man nicht (oder jedenfalls wissen wir es nicht). Bei der Deutschen Börse allerdings fällt auf, dass Sie ihren Figo-Anteil im 2018er-Konzernbericht nur noch mit 3,3 Mio. Euro veranschlagte, während es 2016 noch 6,8 Mio. Euro gewesen waren.

4.) Der Deal

Finanz-Szene.de hatte den Deal bislang immer so gedeutet, dass Figo von Finleap überommen und dann unter dem Finleap-Dach mit Finreach verschmolzen wird (und zwar zur neuen Finleap Connect). De facto ist dies unseren Recherchen zufolge tatsächlich so. De jure allerdings scheint uns der Deal komplexer zu sein.

Denn: Weil nur Figo über die wertvolle „PSD2-Lizenz“ (korrekt ausgedrückt handelt es sich um eine Bafin-Zulassung als Kontoinformation- und Zahlungsauslösedienst) verfügt, musste erst einmal Finreach auf Figo verschmolzen werden – nicht umgekehrt. Streng genommen ist die neue Finleap Connect also die alte Figo. Das ändert aber nichts daran, dass die treibende Kraft hinter dem Zusammenschluss nicht etwa die Figo-Gesellschafter (wie die Deutsche Börse), sondern die hinter Finreach stehende Finleap ist. Nach allem, was unsere Recherchen zeigen, stemmt Finleap die finanzielle Last des Deals (weitgehend) allein – während sich z.B. die Deutsche Börse einen eher schlanken Fuß gemacht zu haben scheint.

Wie viel Geld lässt sich Finleap die faktische Übernahme von Figo und seine Vision von der „Finleap Connect“ nun konkret kosten?

  • Wie dem Anhang des 2018er-Abschlusses von Finreach zu entnehmen ist, hat Finleap noch im selben Jahr gut 700.000 Euro Kapital bereitgestellt (dabei dürfte es sich um die „zur Durchführung der Kapitalerhöhung geleistete Einlage“ handeln, die – siehe weiter oben – auch auf der Passivseite der Finreach-Bilanz auftaucht)
  • Im März folgte dann eine „Zuzahlung in die Kapitalrücklage“ in Höhe von 3,7 Mio. Euro
  • Parallel wurde die „die Wandlung der Wandeldarlehen der Gesellschafterin“ – also Finleaps – in Höhe von 3,2  Mio. Euro beschlossen (wie Sie der Bilanz weiter oben entnehmen können, erfolgte der Aufbau von Finreach weitgehend fremkapitalfinanziert. Bei den 3,2 Mio. Euro dürfte es sich um den größten Teil der „Verbindlichkeiten ggü. Gesellschaftern handeln“, die Ende 2018 mit knapp 3,4 Mio. Euro bilanziert worden waren.)
  • Schließlich wurde im März 2019 noch eine weitere Kapitalerhöhung von 2,8 Mio. Euro beschlossen, die im Laufe dieses Jahres umgesetzt werden sollte oder schon umgesetzt ist.

Alles in allem hat Finleap inklusive des Darlehen-Swaps also schon gut 10 Mio. Euro in den Deal gesteckt.

Inwieweit sich die Figo-Gesellschafter vielleicht doch engagiert haben, lässt sich den uns vorliegenden Unterlagen nicht mit letzter Sicherheit entnehmen. Wir würden davon ausgehen, dass das 2 Mio. Euro schwere Wandeldarlehen aus 2018 mittlerweile geswappt ist, dass die Altgesellschafter darüber hinaus aber keine nennenswerten Summen mehr zur Verfügung gestellt haben. Vielmehr würden wir es für plausibel halten, dass Finleap auch bei Figo ein wenig die Kapitalpolster aufgefüllt hat.

5. Das Endergebnis

Im 137-seitigen, auf den 30. August datierten Vertrag über die Verschmelzung von Finreach und Figo findet sich nun folgende neue Gesellschafterstruktur:

Finleap 70,0%
Deutsche Börse 8,7%
André Bajorat 4,1%
Gimacom UG 0,2%
Jörg Heilig 5,9%
Hightech Gründerfonds 4,4%
Nirvage GmbH 3,0%
Gurleon GmbH 0,8%
Berliner Volksbank 3,0%

Unsere Deutung: Finreach und Figo haben etwa auf Augenhöhe fusioniert, durch Finleaps finanzielles Engagement sind die Eigentums- und damit Machtverhältniss allerdings im Verhältnis von 70:30 auf die Seite der Berliner gekippt (zur Erläuterung: bei allen anderen Gesellschaftern in der Liste handelt es sich um frühere Figo- Eigentümer, wobei einige Eigner wie Ex-Finanzchef Heike Rahlfs ihre Anteile anscheinend veräußert haben).

Ob dieses „Cap Table“ tatsächlich schon das finale „Cap-Table“ der neuen „Finleap Connect“ ist, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Weil: Zum einen ist unklar, ob hier auch schon die vierte der vier Finleap-Kapitalspritzen berücksichtigt wurde (also die über 2,8 Mio. Euro).  Und zum zweiten wollte Finleap in die „Finleap Connect“ ja noch weitere Aktivitäten einbringen. Beides könnte dazu führen, dass der Anteil der Berliner an der neuen Gesellschaft noch steigt.

6. Resümee

Zerlegt man den „Fintech-Deal des Jahres“ in seine Einzelteile, dann bleibt hängen:

  • Die Fusion von Finreach und Figo war nicht der Zusammenschluss zweier Kraftprotze, sondern wohl eher der Zusammenschluss zweier Halbstarker (siehe das bescheidene Umsatzwachstum bei Finreach oder auch der hohe Cashburn bei Figo)
  • Das ändert freilich nichts daran, dass durch den Merger ein maßgeblicher B2B-Fintech-Player mit reichlich Knowhow und Potenzial entstanden ist
  • Ob dieses Potenzial gehoben werden kann, wird sich zeigen. Klar ist jedenfalls, dass die auf der Finreach/Figo-Fusion basierende neue „Finleap Connect“ de facto eine reine Finleap-Veranstaltung ist. Die Deutsche Börse hingegen hat ihre Ambitionen merklich zurückgefahren

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