Dokumentation

Das sind die sechs Vorwürfe, die die „Financial Times“ gegenüber Wirecard erhebt

8. Februar 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Liebe Leser*Innen , sind wir eigentlich die einzigen, die unfassbar finden, was da draußen gerade passiert? Denn: Die „Financial Times“ hat ihre Vorwürfe gegen Wirecard gestern bekräftigt, konkretisiert und deutlich erweitert. Zudem spricht sie jetzt offen von einem „Accounting scandal“. Und wie hat der Dax-Konzern reagiert? Mit der Feststellung, „nichts an dem heute veröffentlichen Artikel ist wahr“. Einmal angenommen, das stimmt so: Welchen Rechtsrisiken muss die „FT“ dann mittlerweile ausgesetzt sein? Oder umgekehrt gedacht: Was, wenn der Artikel oder einiges daran doch wahr ist? Jedenfalls: Die Einsätze steigen und steigen. Daher: Bemerkenswert, dass die Investoren gestern fast schon die Ruhe bewahrt haben. Denn ein Minus von 15 Prozent geht inzwischen ja als die übliche Tagesschwankung durch.

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Was wir als kleiner Fluffi-Buffi-Newsletter jetzt noch tun können? Einmal kurz zusammenfassen, welche sechs Dinge gegen Wirecard die „FT“ gestern konkret aufgebracht hat, versehen mit dem ganz klaren Rezepthinweis, dass dem Dax-Konzern zufolge, wie gesagt, nichts von alledem stimmt:

  1. Vor rund einem Jahr soll der Chef-Buchhalter von Wirecard in der Region „Asien-Pazifik“ ein halbes Dutzend Kollegen in einen Konferenzraum in Singapur einbestellt und ihnen dort erklärt haben, wie man – so die „FT“ wörtlich – „die Bücher manipuliert“
  2. Konkret sei in dem Meeting ein als „Round tripping“ bekanntes Vorgehen skizziert worden, das von der „FT“ wie folgt beschrieben wird: Von einem Konto der Wirecard-Bank in Deutschland geht Geld auf die Bilanz einer stillgelegten Tochtergesellschaft in Hongkong, wandert von dort in die Bücher eines externen „Kunden“, reist dann zurück zu Wirecard in Indien, wo es für einen örtlichen Rechnungsprüfer wie ein normaler Umsatz aussehe
  3. Die „FT“ äußert den Verdacht, dass es sich womöglich nicht nur um das Vorgehen eines einzelnen – quasi irregeleiteten – Mitarbeiters gehandelt habe, sondern dass es ein Muster an Bilanztricksereien quer durch Wirecards asiatische Einheiten gegeben haben könnte
  4. Die „FT“ schreibt, es scheine so zu sein, dass besagter Mitarbeiter zusammen mit zwei Kollegen Rechnungen und Verträge angefertigt habe, um eine Spur an Dokumenten zu erzeugen, die man dann den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young hätten zeigen können
  5. Wie die „FT“ bereits letzte Woche geschrieben hatte, soll ein „vorläufiger Bericht“ einer „renommierten“ asiatischen Anwaltskanzlei (Rajah & Tann) zu den angeblichen Vorkommnissen vorliegen. Wirecard hatte die Anwaltskanzlei selbst beauftragt, nachdem es intern zu Vorwürfen gekommen war. Nun zitiert die „FT“ aus einer angeblichen E-Mail des für die Untersuchung zuständigen Wirecard-Finanzvorstands. Darin habe dieser den Anwälten nicht nur für deren Arbeit gedankt, sondern auch angekündigt, dass ein weiterer Vorstand von Wirecard in die Untersuchungen eingebunden werde. Die Anwälte in Asien jedoch hätten davon wegen eines möglichen Interessenkonflikts abgeraten, da dieser Vorstand bei mehreren Projekten eng mit dem verdächtigen Chef-Buchhalter aus Singapur zusammengearbeitet habe.
  6. Neben den beiden Vorständen kommen in dem „FT“-Artikel zwei weitere hiesige Wirecard-Manager vor. Es heißt, ein angeblicher E-Mail-Verkehr lege nahe, dass diese beiden Manager zumindest vor einer der inkriminierten Transaktionen des Chef-Buchhalters in Asien gewusst hätten.

Wie lautet nun die Stellungnahme von Wirecard zu dem Artikel?

„Wirecard weist die Medienberichterstattung der FT entschieden zurück. Wir bestätigen noch einmal unsere Stellungnahme von Montag, den 04. Februar 2019. Weder hat unser internes Compliance-Team, das eine entsprechende Untersuchung durchgeführt hat, irgendeine Bestätigung für die erhobenen Vorwürfe gefunden, auch hat die mit einer unabhängigen Untersuchung beauftragte und auf Compliance-Recht spezialisierte Anwaltskanzlei Rajah & Tann keine schlüssigen Feststellungen für ein strafbares Fehlverhalten von Mitarbeitern oder Führungskräften von Wirecard gefunden. Wir werden das Ergebnis der externen Untersuchung der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und bitten, die Persönlichkeitsrechte unserer Mitarbeiter strikt zu berücksichtigen. Nichts an dem heute veröffentlichten Artikel ist wahr.“

Was ist sonst noch zu sagen?

  • Auch wenn die „FT“ über die bisherige Berichterstattung noch einmal deutlich hinaus geht – die Quellenlage scheint zumindest teilweise die zu sein, die bereits den beiden Artikeln vorige Woche zugrunde lag. So beruft sich die Zeitung erneut auf jenen „vorläufigen Bericht“, von dem Wirecard sagt, offizielle Ermittlungen der gleichen Anwaltskanzlei hätten bislang keinerlei Bestätigung dafür gefunden, dass der Inhalt wirklich zutrifft.
  • Der gestrige Artikel geht auf die mehr als 300 Mio. Euro teure Übernahme des indischen Unternehmens GI Retail durch Wirecard im Herbst 2015 ein. Die Transaktion hatte damals für Aufsehen und Skepsis gesorgt, weil über die Firma kaum etwas bekannt war. Der Wirtschaftsprüfer von Wirecard, also Ernst & Young, habe sich speziell diese Transaktion ein Jahr später genau angeschaut und schließlich einen „Clean Audit“ erteilt, also bestätigt, dass alles in Ordnung sei. Zumindest in diesem – relevanten! – Punkt entlastet der Artikel Wirecard also.
  • Im gestrigen Börsenhandel fiel die Kurserholung vom Tagestief, wie sie im Zuge bisheriger Kursstürze zu beobachten war, erstaunlich schwach aus. Gerade einmal vier Prozent oberhalb des Tiefstkurs schloss die Wirecard-Aktie – und das ganze bei dem mit Abstand höchsten Handelsvolumen aller Dax-Werte.

Jedenfalls: Wie wir gestern erst sehr spät am Abend bei der Lektüre der „Süddeutschen“ entdeckt haben,will Wirecard die „FT“ tatsächlich verklagen. In dem Artikel (den Sie hier im Original lesen können) heißt es:

„Wir werden gegen die ‚Financial Times‘ rechtlich vorgehen“, sagte eine Sprecherin der SZ. Dem Vernehmen nach geht es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten von Mitarbeitern, die in den Berichten namentlich genannt wurden.

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