Analyse

Das ultimative FAQ: Was genau ist gestern in Sachen Wirecard eigentlich passiert?

27. März 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Was für ein denkwürdiger Tag, wieder einmal: Wirecard veröffentlicht zwei Ad-hoc-Meldungen, die Aktie steigt um bis zu 32% – und maßgebliche Medien wie „Reuters“ oder das „Handelsblatt“ erklären die Affäre rund um den bayerischen Zahlungsdienstleister faktisch für beendet („Anwälte finden bei Wirecard nur wenig Verdächtiges“;„Anwaltskanzlei findet keine Anhaltspunkte für größere Verfehlungen“). Aber ist es wirklich so einfach? (Anmerkung in eigener Sache: Wir wünschten, es wäre so einfach, denn dann könnten wir uns endlich wieder anderen Themen zuwenden). Zu den Erkenntnissen des gestrigen Tages gehört jedenfalls auch: Wirecard hat mal eben die Veröffentlichung seines 2018er-Abschlusses um drei Wochen auf den 25. April verschoben, ein höchst ungewöhnlicher Vorgang für einen Dax-Konzern. Eine andere Erkenntnis: Wirecard räumt plötzlich ein, es könnte in Singapur durchaus zu strafbaren Handlungen gekommen sein. Und dann noch ein Punkt: Der angekündigte externe Untersuchungsbericht der Kanzlei Rajah & Tann ist gestern gar nicht veröffentlicht worden. Ebensowenig wie die Wirecard offenbar vorliegende Zusammenfassung dieses Berichts. Was also ist wirklich Sache? Ein FAQ:

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Was ist gestern (vordergründig) passiert?

Wirecard hat zwei Ad-hoc-Meldungen veröffentlicht, nämlich zunächst eine eher kurze um 13.59 Uhr und dann eine deutlich ausführlichere um 14.14 Uhr. Die Grundaussage beider Meldungen ist identisch: „Externe Untersuchung stellt keine wesentlichen Auswirkungen auf die Abschlüsse von Wirecard fest.“ Auf Basis dieser beiden Ad-hocs explodierte die Aktie binnen kürzester Zeit um 32% und notierte zum Handelsschluss immer noch mit 26% im Plus bei 125 Euro. Damit hat die Aktie rund die Hälfte des im Zuge der Affäre erlittenen Maximalverlusts wieder wettgemacht.

Was genau steht in den Ad-hoc-Meldungen drin?

Der Tenor lautet: Ein paar kleinere Ungereimtheiten habe es zwar gegeben – aber nichts, was wirklich von Belang sei. Charakteristisch für die Ausführungen ist beispielsweise folgende Passage:

„Im Geschäftsjahr 2017 wurde ein Umsatz von 2,5 Mio. EUR fälschlicherweise verbucht, was im Rahmen des Konzernabschlusses 2018 rückwirkend für 2017 korrigiert wird und durch andere identifizierte positive Korrekturen kompensiert wird. Weiterhin, wurde während des Geschäftsjahres 2018 ein Vermögensgegenstand von 3 Mio. EUR für einen Zeitraum von einer Woche fälschlicherweise bilanziert, was sich aber nicht im Jahresabschluss 2018 auswirkt. Zudem wurden Entwürfe von Verträgen vorbereitet und im Namen der Gesellschaft unterschrieben, jedoch nicht abgeschlossen.“

Explizit zurückgewiesen wird der von der „Financial Times“ geäußerte Verdacht, es sei zu sogenanntem „Round Tripping“ gekommen, also zur Bilanzierung von Scheinumsätzen. In einer der beiden Ad-hocs heißt es wörtlich (und in der anderen steht es so ähnlich):

„Die unabhängige Untersuchung hat zu keinen Feststellungen betreffend sog. ‚round-tripping‘ oder Korruption geführt.“

Ein weiterer zentraler Punkt: Wirecard betont, dass sich „aus den Untersuchungen […] keine Erkenntnisse über eine strafrechtliche Verantwortung in Bezug auf die Konzernzentrale von Wirecard in München/Aschheim ergeben“ hätten. „Einzelne lokale Angestellte in Singapur können sich jedoch möglicherweise nach lokalem Recht strafbar gemacht haben.“ Gestern Nachmittag fragte „Finanz-Szene.de“ bei Wirecard nach, ob der letzte Punkt auch für einen hiesigen Wirecard-Topmanager gilt, der laut Website als „Director“ einer Wirecard-Gesellschaft in Singapur geführt wird. Der Dax-Konzern ging hierauf nicht ein.

Lassen sich die Ausführungen in den Ad-hoc-Meldungen anhand des Originalberichts überprüfen?

Bislang nein. Die längere der beiden Ad-hocs beginnt mit dem Satz: „Wirecard gibt Einblick in die heute erhaltene Zusammenfassung der detaillierten Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung der Wirecard-Transaktionen und -Vorgänge zu Behauptungen, die von Rajah & Tann Singapore LLP (R&T) im Mai 2018 aufgenommen wurden“. Das heißt, es muss einen Originalbericht von Rajah & Tann geben und eine Zusammenfassung dieses Berichts. Keines der beiden Dokumente wurde gestern veröffentlicht. „Finanz-Szene.de“ fragte nach, ob und wenn ja, wann dies  geschehen werde, erhielt aber keine konkrete Antwort.

Warum hat Wirecard keines der beiden Originaldokumente veröffentlicht?

Das wissen wir nicht. Allerdings muss man in die Nicht-Veröffentlichung nicht zwingend etwas hineingeheimnissen. Vielleicht hatte es zeitliche Gründe, vielleicht rechtliche – wir können es nicht sagen.

Das heißt, die Öffentlichkeit kennt nur die beiden Ad-hocs?

Nicht ganz. Wirecard hat gestern auf seiner Website ein weiteres Dokument veröffentlicht, und zwar in englischer Sprache. Dabei handelt es sich, wenn wir es richtig verstehen, um Wirecards eigene Zusammenfassung der Zusammenfassung von Rajah & Tann.

Was steht in diesem Dokument drin?

Die meisten Ausführungen in der „Zusammenfassung der Zusammenfassung“ entsprechen mehr oder weniger den Aussagen in der längeren der beiden Ad-hoc-Meldungen – allerdings mit einer Ausnahme: Die zentrale Aussage, derzufolge „die unabhängige Untersuchung zu keinen Feststellungen betreffend sog. ‚round-tripping‘ oder Korruption geführt hat“, fehlt in dem englischsprachigen Dokument. Warum – das wissen wir nicht (und es ist uns auch erst aufgefallen, als er schon zu spät war, um noch nachzufragen). Allerdings gilt auch hier, dass man nicht zwingend was hineingeheimnissen muss. Vielleicht war es eine Unachtsamkeit. Vielleicht war es der knappen Zeit geschuldet.

Hat sich Rajah & Tann direkt geäußert?

Nicht in dem Sinne, dass sich die Anwaltskanzlei selbst an die Öffentlichkeit gewandt hätte – aber schon in dem Sinne, dass Wirecard eine Stellungnahme seitens R&T veröffentlich hat. Dabei handelt es sich um einen Zweizeiler, der dem englischsprachigen Dokument (also dem ohne den „Round Tripping“-Hinweis) vorangestellt ist und bei dem es sich offenbar um eine Art Beglaubingung handelt. Wörtlich steht dort:

1. We refer to our Summary of Updated Findings.
2. We have seen Wirecard AG’s summary of the above, as attached. We have no comments.

Das kann man sicherlich so lesen, das Rajah & Tann nichts einzuwenden hat gegen die Zusammenfassung vonseiten Wirecards.

Lassen die gestern veröffentlichten Dokumente Fragen offen?

Aus unserer Sicht ja. So heißt es in der längeren der beiden Ad-hocs beispielsweise:

Die Ergebnisse beschränken sich auf bestimmte Transaktionen, die einzelne Wirecard-Tochtergesellschaften in Asien betreffen, und basieren auf den R&T zur Verfügung gestellten Dokumenten, einschließlich einer Buchhaltungsprüfung bestimmter von R&T identifizierter Transaktionen, die durch ein Forensik-Team eines renommierten, weltweit unabhängigen Beratungsunternehmens durchgeführt wurde.

Uns hätte da zum Beispiel interessiert, ob der Gegenstand der Untersuchung eingeschränkt wurde ist im Vergleich zum (laut „Financial Times“ tendenziell inkriminierenden) „Preliminary Report“, der ja ebenfalls von Rajah & Tann erstellt worden war. Auch fänden wir es interessant zu erfahren, wer denn das „renommierte, weltweit unabhängige Beratungsunternehmen“ ist, das mit der Buchhaltungsprüfung beauftragt wurde. Allerdings hat Wirecard gestern unmissverständlich klargemacht, dass man nicht gewillt ist, auf solche Detailfragen einzugehen. Der Fragenkatalog von „Finanz-Szene.de“ wurde wie folgt beantwortet:

„Alle Findings aus dem Reporting sind nun veröffentlicht und wir können sicherstellen, dass es hier keine buchhalterischen Auswirkungen gibt. […]  Letztlich ist uns wichtig, dass wir uns ab jetzt vollumfänglich auf das operative Geschäft konzentrieren können und würden Sie deshalb auch bitten nachzuvollziehen, dass wir zu den unten genannten Detailfragen nicht weiter Stellung nehmen.“

Warum wird die Veröffentlichung des Abschlusses verschoben?

Das wüssten wir ehrlich gesagt auch gern. Denn wenn es einerseits „keine wesentlichen Auswirkungen auf die Abschlüsse“ gibt – warum kommt es dann zu diesem ja doch üppigen Verzug? (liebe Wirtschaftsprüfer*Innen unter unseren Leser*Innen, wenn sie diese unsere Sicht auf die Dinge für dumm halten, dann geben Sie uns bitte Bescheid).

In der längeren der beiden Ad-hocs heißt es:

Um die Ergebnisse der Untersuchung von Rajah & Tann im Rahmen der laufenden Erstellung und Prüfung des Jahresabschlusses und des Jahresfinanzberichts für das Geschäftsjahr 2018 berücksichtigen zu können, hat der Vorstand heute beschlossen, die Veröffentlichung des Jahresabschlusses und der Bilanzpressekonferenz (bisher 4. April 2019) auf den 25. April 2019 zu verschieben.

Eine unserer Detailfragen lautete, wie sich denn der Wirtschaftsprüfer (also Ernst & Young) zu dieser Entscheidung des Vorstands verhalten habe. Aber, siehe oben: Solche Detailfragen wurden gestern nicht beantwortet.

Interessant in diesem Zusammenhang übrigens: Laut „Spiegel“ liegt der komplette Untersuchungsbericht von Rajah & Tann nur Ernst & Young vor, nicht aber dem Wirecard-Vorstand. Wenn dem wirklich so sein sollte, fänden wir das bemerkenswert – auch wenn wir keine Ahnung haben, wie dies dann zu interpretieren wäre.

Vorletzte Frage: Warum ist die Aktie gestern so abgegangen?
  1. Weil die allgemeine mediale Deutung, wonach Wirecard gestern entscheidend entlastet worden ist, ganz klar auch die Marktmeinung zu sein scheint (wobei es da natürlich Wechselwirkungen gibt)
  2. Weil das durch die Bafin verhängte Leerverkaufsverbot nach wie vor in Kraft ist. Solange die Aufsicht von zwei Marktmeinungen nur eine für legitim erachtet, lassen sich Kurseruptionen an Tagen wie gestern kaum vermeiden
Letzte Frage: Wie geht es weiter?

Unsere Ansicht bei „Finanz-Szene.de“ lautet seit Wochen: Deadline ist der Jahresabschluss. Nur, dass diese Deadline jetzt nicht mehr der 4. April ist, sondern der 25. April. Schöne Bescherung.

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