Exklusiv

Deutsche Kreditwirtschaft werkelt an – nun ja – „neuem Paydirekt“?

22. März 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Es ist nur ein verschwommenes Bild. Doch dieses Bild, fotografiert  während eines Vortrags bei der Payment-Konferenz „ProfitCard 19“ diese Woche in Berlin, hat es in sich. Denn auf dem Bild ist unzweideutig zu lesen: „Girocard digital in-App“. Was hat das zu bedeuten? In a nutshell: Die deutschen Banken planen – dies wurde „Finanz-Szene.de“ gestern aus Kreisen der Kreditwirtschaft auch explizit so bestätigt – eine weitere Online-Bezahllösung. Das Pikante hieran: Eigentlich war es das Ziel der deutschen Kreditwirtschaft, den ursprünglich für das klassische Online-Shopping entwickelten Bezahldienst Paydirekt auch als in-App-Lösung für das Smartphone auszurollen. Wenn nun aber eine in-App-Variante für die Girocard gebaut wird – ist das dann ein Misstrauens-Votum gegenüber Paydirekt? Zudem stellen sich weitere Fragen: Sind die Pläne ein Angriff auf oder ein Angebot an Apple Pay? Was sagen die Händler? Und, ganz schlicht: Wie weit ist das Projekt überhaupt gediehen? Hier alle Fragen und Antworten:

Was genau ist eine in-App-Bezahllösung?

Beispielhaft: Wer mit dem Smartphone in der Shopping-App von Zalando unterwegs ist, kann dort mit der in-App-Lösung von Paypal bezahlen.

Aber kann ich das mit der digitalen Girocard nicht auch tun?

Nein. Die digitale Girocard, auf der zum Beispiel die „VR Banking App“ oder die „Mobiles Bezahlen“-App der Sparkassen basieren, funktioniert nur am Point of Sale, nicht aber beim mobilen Shopping. Das wird erst mit der Erweiterung zur in-App-Girocard möglich sein. Im Grunde gibt es in Zukunft dann vier Varianten der Girocard: a) die klassische Variante für den POS; b) die NFC-Variante für den POS; c) die digitale Variante für Mobile Payment am POS; und d) die in-App-Variante für Smartphone-Shopping.

Exklusiv: Nur 40.000 Transaktionen monatlich – was wird jetzt aus Paydirekt?

Das heißt, im klassischen Online-Shopping kann ich die Girocard auch zukünftig nicht einsetzen?

Technisch denkbar ist vieles. Aber vom Prinzip her: Nein.

Gibt es überhaupt Bedarf für eine in-App-Girocard?

Die Nachfrage aus der Händlerschaft sei immens, heißt es aus Kreisen der deutschen Kreditwirtschaft. Ob das wirklich stimmt, wissen wir nicht – was aber unbestritten ist: In ihren bisherigen Varianten ist die Girocard ein stark wachsendes Produkt, aller Konkurrenz durch beispielsweise die Kreditkarten-Schemes zum Trotz (siehe hierzu jüngst vom BVR vorgelegte 2018er-Zahlen zur Girocard). Und: Nach unserem Verständnis müsste die gesetzliche Gebührengrenze von maximal 0,2% der Einkaufssumme auch für die in-App-Girocard gelten. Damit wäre  das Angebot für die Händler deutlich billiger als Paypal (und auch billiger als Paydirekt)

Was man aber auch sagen muss: Trotz großer Ambitionen schaffen es die Banken seit Jahren nicht, eine ausreichende Zahl von Online-Händlern dazu zu bewegen, ihre Mobile-Payment-Lösung Paydirekt in ihre Shops zu integrieren (weil die Konkurrenz durch Paypal bzw. vor allem die Akzeptanz von Paypal beim Kunden zu stark ist). Ob das mit der in-App-Girocard anders sein wird bleibt abzuwarten.

Ist die in-App-Girocard eine Ergänzung oder eine Konkurrenz zu Paydirekt?

Naja, zumindest lassen sich die Pläne dahingehend deuten, dass sich Paydirekt als in-App-Lösung nicht durchgesetzt hat (wer ganz böse ist, wird sagen: … sogar noch weniger durchgesetzt hat als im klassischen Online-Shopping).

Ist die in-App-Girocard das „neue Paydirekt“?

Auf Produktebene: Ja, kann man so sagen. Schließlich ist es ein weiterer Versuch der deutschen Banken, mit einem Online-Bezahlverfahren gegen Paypal anzustinken. Allerdings: Anders als das bei Paydirekt der Fall war, gehen wir nicht davon aus, dass für die in-App-Girocard eine neue Unternehmung gegründet wird. Vielmehr dürfte das neue Produkt (wie die übrigen Girocard-Varianten auch) über die bereits  bestehende Banken-Tochter „Euro Kartensysteme GmbH“ vermarktet werden.

https://www.finanz-szene.de/payments/fuenf-gruende-warum-sich-die-sparkassen-so-schwer-mit-apple-tun/

Steht die in-App-Girocard in Konkurrenz zu Apple Pay?

Schwer zu sagen. Unsere Lesart (bzw. Spekulation) ist eher: Das Ziel der Volksbanken und Sparkassen war es immer, Apple Pay nicht (nur) auf Kreditkarten-Basis, sondern (auch) auf Girocard-Basis einzuführen. Nun zeigen allerdings die anfänglichen Erfolge, die zum Beispiel die Deutsche Bank mit Apple Pay gefeiert hat: Womöglich ist die Sogkraft von Apple Pay ja so stark, dass die Amerikaner auch gegenüber Sparkassen und Volksbanken auf eine reine Kreditkarten-Lösung drängen. Und womöglich wäre die in-App-Girocard dann ja eine Möglichkeit, den Amerikanern zu signalisieren: Wir haben hier eine technische Lösung, über die sich Apple Pay und die Girocard miteinander verknüpfen lassen. Doch wie gesagt, das ist nur eine Spekulation unsererseits.

Wann geht die in-App-Girocard an den Start?

Im Best-Case-Szenario, so ist zu hören, wollen zumindest die Volks- und Raiffeisenbanken schon in Q4 mit der in-App-Girocard starten. Wobei: Die Fiducias dieser Welt haben ja bekanntlich alle Hände voll zu tun momentan. Insofern sind Verzögerungen nicht ausgeschlossen.

https://www.finanz-szene.de/payments/zum-start-von-apple-pay-der-lange-weg-von-mobile-payment-in-deutschland/

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