Analyse

Facebook-Coin: Das große FAQ zum Angriff auf die Bankenwelt

17. Juni 2019

Von Christian Kirchner

Okay, okay: Wenn wirklich stimmt, was das „Wall Street Journal“ schreibt – dass sich nämlich an Facebooks Digitalwährungs-Projekt „Libra“ (in manchen Zeitungsartikeln auch „Globalcoin“ oder „Stablecoin“ genannt) Payment-Giganten wie Visa, Mastercard und Paypal beteiligen: Dann bekommt das Vorhaben nochmal einen ganz anderen Härtegrad als bislang vermutet. Drum hier: Alle Fragen und Antworten rund um Facebooks großen Angriff auf das Finanzsystem:

Worum geht es beim Projekt Libra?

Der Technologiekonzern will unter dem Projektnamen „Libra“ eine eigene Krypto-Währung herausgeben. Mit „Libra“ betritt ein Konzern mit weltweit 2,4 Milliarden aktiven Nutzern den Markt für Payments (geschätzter Jahresumsatz 2018: knapp 2000 Milliarden Dollar) und greift Facebook in die Geschäftsmodelle der Welt der Banken und Payment-Dienstleister wie Paypal und Co. ein.

  • Von gängigen Payment-Lösungen wie Paypal soll Libra sich dadurch unterscheiden, dass es sich tatsächlich um eine eigene (elektronische) Währung handelt – die also auch ohne hinterlegtes Referenzkonto funktioniert.
  • Was Libra vom Bitcoin (und anderen Krypto-Währungen) abhebt, ist wiederum Folgendes: Der Wert soll mutmaßlich an einen Korb bekannter Währungen gebunden sein – und also keinen (größeren) Schwankungen unterliegen. Darauf deutet u.a. der von Facebook laut übereinstimmenden Medienberichten gewählt Begriff „Stablecoin“ hin.

Warum ist in den letzten Tagen plötzlich Tempo in das Thema gekommen?

Weil Facebook zum einen hat durchblicken lassen (und mittels verhängter Nachrichtembargos indirekt bestätigt hat), dass es die Eckdaten des Projekts an diesem Dienstag mit einem so genannten „White Paper“ präzisieren will. Und weil zum anderen das „Wall Street Journal“ am Freitag (Paywall) eine vorläufige Liste der Unternehmen veröffentlicht hat, die an dem Projekt beteiligt sein sollen. Zu den von Beginn an involvierten Konzernen, die je 10 Mio. US-Dollar investieren sollen, zählen demnach mit Visa, Mastercard, Paypal, Ebay und Uber gleich mehrere Schwergewichte der Payment- und Technologiebranche. Die breite Basis an prominenten Partnern verleiht dem Projekt Glaubwürdigkeit und Schlagkraft.

Auf welchen Markt zielt Libra?

Es gibt zwei naheliegende Einsatzmöglichkeiten: Erstens ist gerade in Volkswirtschaften mit geringer Verbreitung klassischer Bankkonten der Bedarf an simpel zu bedienenden Bezahl- und Geldaufbewahrungs-Möglichkeiten groß. Hierzu zwei Zahlen:

  • Vier von fünf Menschen auf den Philippinen haben kein Konto – aber jeder zweite verfügt über einen Facebook- und/oder Whatsapp-Account.
  • Rund ein Drittel der 2,4 Mrd. aktiven Nutzer von Facebooks ist in Afrika bzw. Lateinamerika beheimatet.

Zweitens ist das Geschäft mit grenzüberschreitenden Zahlungen – gerade zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern – ein riesiger und überdies lukrativer Markt mit hohen Margen. 2018 maß die Weltbank Überweisungen in Höhe von rund  500 Mrd. Euro aus entwickelten in weniger entwickelte Länder – das war mehr als die entsprechenden Direktinvestitionen in diese Länder. Die durchschnittlichen Kosten für eine Überweisung von 200 US-Dollar betrugen dabei knapp 7%. Hier verfügt „Libra“ über massives Disruptions-Potenzial (nicht ohne Grund ist das Londoner Überweisungs-Fintech Transferwise eines der höchstbewerteten Finanz-Startup Europas).

Und was ist mit den Industrieländern? Hier würde „Libra“ zwar keinen unmittelbar erkennbaren Bedarf stillen – als Alternative zu den gängigen Bezahlsystemen, Kryptowährungen und auch zur klassischen Geldaufbewahrung bei Banken ist der „Stablecoin“ dennoch denkbar.

Wer muss vor „Libra“ Angst haben?

Viele.

  • Die Anbieter von Geldtransfersystemen (etwa Western Union, Moneygram und Co.)
  • Banken, die in Volkswirtschaften mit geringer Banken- und Kontendichte wachsen wollen und an simplen Einlagen, aber auch an Transfers verdienen.
  • Notenbanken, die womöglich die Kontrolle über das Geldsystem verlieren könnten – klingt übertrieben? Parallelwährungen sind jedoch der Horror jedes Notenbänkers, da sie die eigene Geldpolitik wirkungslos machen können
  • Fintechs wie Transferwise

Dabei ist übrigens alles andere als sicher, dass die etablierten Player auf politische Unterstützung zählen dürfen. Die Vereinten Nationen zum Beispiel gehören zu den denkbaren Unterstützern des „Libra“-Projekts – schließlich zählt die Senkung der Transaktionskosten bei länderübergreifenden Überweisungen in weniger entwickelte Länder zu den erklärten UN-Nachhaltigkeitszielen.

Was sind „Libras“ Vorteile im Vergleich zu den etablierten Anbietern?

Naheliegenderweise die immense Reichweite von Facebook und Whatsapp (allein in Deutschland hat Facebook gut 30 Mio.  aktive Nutzer). Daneben könnte auch die Usability für „Libra“ sprechen. „Wenn Facebook es ermöglicht, dass einem die Großmutter Bibelverse schickt, dann wird vermutlich auch die Kryptowährung nutzerfreundlich genug sein, dass die Großmutter Krypto-Transaktionen tätigen kann“, urteilt ein Nutzer auf Medium.

Was könnte die „Killer-Applikation“ von Libra werden?

Es gibt einen weiteren potenziellen Vorteil gegenüber klassischen Konten- und Bezahlsystemen: Facebook erwägt laut übereinstimmenden Medienberichten, „Stablecoin“-Guthaben zu verzinsen – mithin also Nutzer an jenen Zinsen partizipieren zu lassen, die Facebook selbst kassiert, falls es die Summe an ausgegebenen „Libra“-Coins mit der entsprechenden Menge an Geld hinterlegen müsste.

Das wäre ein klassischer „Einbruch“ ins Geschäft von Banken und (nebst deren Angst, im Transaktionsgeschäft an Erträgen zu verlieren) ein denkbarer Grund, warum sich die Kreditwirtschaft laut vorläufigen Teilnehmerlisten nicht an „Libra“ beteiligen. Denn: Banken verdienen bekanntlich sehr gut daran, dass sich Kunden simpler Sichteinlagenkonten eher selten um die Verzinsung scheren.

Eine kleine Rechnung: Rund 60% der globalen Währungsreserven sind im US-Dollar angelegt. Daher ist naheliegend, dass der Dollar auch die höchste Gewichtung im Währungskorb hat, an den der „Stablecoin“ gekoppelt werden  dürfte. In den USA liegen die kurzfristigen Einlagenzinsen momentan bei rund 2%. Es dürfte also darstellbar sein, auf den „Stablecoin“ aktuell einen Guthabenzins in der Größenordnung von 0,5-1,0% zu zahlen und ihn dennoch über verschiedene Währungen zu diversifizieren.

Wo liegen die Risiken?

So charmant die Idee einer Facebook-Währung in der Theorie klingt – in der Praxis ist mit Widerständen zu rechnen.

  • Vertrauen die Nutzer auf den „Stablecoin“? Immerhin hat Facebook ja eine Historie von Datenpannen und exzessiver Nutzung von Kundendaten.
  • Und was ist mit Regulierern und Notenbanken? Diese äußern sich seit Jahren kritisch über Kryptowährungen wie den Bitcoin. Weil: Sobald eine gewisse Zahl von Menschen einer Alternativwährung mehr vertraut als dem Euro oder dem Dollar, droht die offizielle Geldpolitik ins Leere zu laufen – was umgekehrt natürlich eines der stärksten Argument von Krypto-Fans für Bitcoin und Co. ist:  dass man digitales Geld eben nicht beliebig vermehren und damit entwerten kann.

Als „Stablecoin“, das an einen Korb bestehender Währungen gebunden ist, würde Faceboook zwar die exzessive Volatilität des Werts unterbinden. Auch behielten die Notenbanken und Aufseher indirekt die Kontrolle, da sie ja für die Basis des Korbes verantwortlich sind. Allerdings ist die Gefahr einer „Flucht“ in Alternativwährungen, die gängige Währungen destabilisieren könnte, trotzdem evident.

Was sind die stärksten Argumente der Kritiker?

Hier zeichnen sich vor allem die Themen Geldwäsche und Steuerflucht ab. Mitte Mai erklärte eine Vertreterin des US-Finanzministerium, einer typischer Geldtransfer, der sich mit Terrorfinanzierung in Verbindung bringen lasse, liege bei gerade einmal 600 US-Dollar. Daher sei es von enormer Bedeutung, auch neue Bezahltechnolgien streng zu regulieren, da alle ihre „Features“ (Geschwindigkeit, schnelle Abwicklung, Anonymität, globale Einsatzmöglichkeit) große Opportunitäten für Betrüger; Terroristen und Regimes unter Sanktionen böten.

Was sind die wichtigsten offenen Fragen?

  1. Wie viel Kontrolle ist Facebook bereit abzugeben? Dass der US-Konzern zum Beispiel in Datenfragen zu Konzessionen bereit sein könnte, zeigt sich daran, dass die „Libra Networks LLC“ im Mai nicht in den USA, sondern in Genf in der Schweiz registriert wurde.
  2. Welche Lösungen hat Facebook für die klassischen Probleme jeder Krypto-Währung (physisch begrenzten Zahl von Transaktionen; Verlust der Währung oder seiner „Schlüssel“)?
  3. Wie rüstet sich Facebook für mögliche Attacken, etwa dem Stehlen von Geld von außen oder dem Einspielen von Millionen sinnloser Mini-Transaktionen mit dem Ziel, das Netzwerk lahmzulegen?
  4. Versucht Facebook sein Projekt auch gegen Widerstände durchzupeitschen (im Vertrauen darauf, dass Regulierer und Notenbanken sich nicht trauen, gegen den „Stablecoin“ vorzugehen)? Oder werden die Amerikaner den Dialog suchen? Diese „Konfliktlinien“ zeichneten am Wochenende unter anderem die „FT“ (Paywall), aber auch (in Sachen Timing gewiss nicht ganz zufällig) der Chef der Superzentralbank BIZ in einem Gastbeitrag für die „FAZ“ nach. Und: Den aufgenommenen Dialog mit der US-Börsenaufsicht und die Verpflichtung eines Lobbyisten vom Rivalen Standard Chartered für das Projekt deuten eher auf die „Verhandlungslinie“ hin

Was sollte man sonst zu dem Thema sonst noch lesen?

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