Reportage

Hypo-Vereinsbank, ING Diba und Santander ziehen sich zurück. War’s das mit Paydirekt?

15. Januar 2019

Von Heinz-Roger Dohms

War’s das mit Paydirekt? Wie „Finanz-Szene.de“ gestern Nachmittag zunächst exklusiv berichtete (inzwischen steht’s überall …), haben die Hypo-Vereinsbank, die ING Deutschland (geb. Diba), die deutsche Santander und weitere private Banken ihre Anteile an Paydirekt zum 31. Dezember dieses Jahres gekündigt. Offiziell ist davon die Rede, dass sich die ausstiegswilligen Institute an der komplexen Governance-Struktur des deutschen Paypal-Klons gestört hätten. In Wirklichkeit fehlt allerdings wohl eher die Bereitschaft, sich an der anstehenden Funding-Runde in mutmaßlich dreistelliger Millionenhöhe zu beteiligen.

Die Frage ist nun, was mit den Anteilen (zusammen geht es um 11,1%) passiert. Die naheliegendste Lösung wäre, dass Deutsche Bank und Commerzbank (die jeweils alleine 11,1% halten) den Stake gemeinsam übernehmen – denn nur so wäre die Drittel-Parität zwischen privaten Banken, Genosektor und Sparkassen weiterhin gewährleistet. Nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ gab es auch schon entsprechende Gespräche, die dann jedoch ins Stocken gerieten. Dem Vernehmen nach ist bei Deutscher Bank und Commerzbank der Ärger über die einstigen Mitstreiter groß. Schließlich galt Paydirekt bislang de facto als Gemeinschaftsprojekt der deutschen Kreditwirtschaft – nun bleiben die beiden Frankfurter Großbanken aufseiten der BdB-Banken plötzlich allein zurück (die übrigen 67% verteilen sich bekanntlich zum einen auf die genossenschaftliche DZ Bank und zum andern auf ein Sparkassen-Landesbanken-Konsortium).

ING Diba und weitere Banken kündigen Anteile an Paydirekt

Das Grundproblem: Im alltäglichen Geschäft kommt Paydirekt – eine Art Klon des US-Riesen Paypal – seit Jahren kaum vom Fleck. Ende Oktober hatte „Finanz-Szene.de“ das Geheimnis um die Nutzerzahlen des Banken-Startups gelüftet Demnach kam Paydirekt zum damaligen Zeitpunkt angeblich gerade mal auf rund 40.000 Bezahlvorgänge pro Monat. Zum Vergleich: Paypal gibt für Deutschland zwar keine Transaktionsdaten bekannt, kam jedoch weltweit in Q3 2018 auf 2,5 Mrd. Transaktionen. Auf Deutschland runtergebrochen ergeben sich hieraus bei grober Kalkulation 30 bis 35 Mio. Bezahlvorgänge pro Monat. Das wären etwa 800-mal so viele wie bei Paydirekt.

Schon 2017 hatte „Finanz-Szene.de“ über Pläne für eine große Kapitalerhöhung bei Paydirekt berichtet – damals war von bis zu 300 Mio. Euro die Rede. Anfang September 2018 positionierte sich der zuständige DZ-Bank-Vorstand Thomas Ulrich dann erstmals öffentlich zu dem Thema: Er gehe davon aus, dass die Finanzierung (auch wenn diese bei deutlich weniger als 300 Mio. Euro liege) bis Jahresende stehe. Dieser Ankündigung ist allerdings bis heute keine Vollzugsmeldung gefolgt, wohl auch, weil die HVB, die ING Diba und mehrere weitere Privatbanken sich querstellten, wie man nun weiß.

Nur 40.000 Transaktionen monatlich – was wird jetzt aus Paydirekt?

Manche in der Banken- und Payment-Branche sehen nun schon das Ende für Paydirekt kommen. Auszuschließen ist dies nicht. Als wahrscheinlicher darf aber ein Szenario gelten, wonach sich Deutsche Bank, Commerzbank, Sparkassen und DZ Bank letzten Endes doch zusammenraufen – und die nötige Kapitalerhöhung aus eigener Kraft stemmen. Denn: Ein Scheitern von Paydirekt wäre mit einem erheblichen Imageverlust verbunden (ein langjähriges Dahinsiechen freilich genauso …). Was immerhin als positives Zeichen gelten darf: Die meisten der ausstiegswilligen Banken wollen ihren Kunden offenbar weiterhin Paydirekt anbieten, auch wenn sie sich als Gesellschafter verabschieden.

Wirklich überraschend kommt der Rückzug der sogenannten Poolbanken (die sich so nennen, weil sie ihre Anteile an Paydirekt über ein gemeinsames Beteiligungs-Vehikel gepoolt haben) nicht. Die Hypo-Vereinsbank hatte sich zuletzt bereits aus mehreren Fintech-Engagements hierzulande zurückgezogen; bei der ING Diba war schon Ende 2017 eine erste zarte Distanzierung von Paydirekt zu beobachten. Damals kündigte nämlich Payconiq, eine Art Benelux-Variante von Paydirekt, den Gang nach Deutschland an. Gesellschafter auch dort: die ING.

Überhaupt fällt auf, dass es vor allem die Deutschland-Töchter großer ausländischer Banken sind, die sich nun bei Paydirekt zurückziehen. Dies könnte ein Zeichen sein, dass die Einheit der hiesigen Kreditwirtschaft den in letzter Konsequenz Verantwortlichen in Mailand (hier sitzt die HVB-Mutter Unicredit), Paris (Targobank-Mutter Crédit Mutuel), Santander und Amsterdam (Sitz der ING Groep) kein allzu wichtiges Anliegen ist.

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