Analyse

Wie die neuen Vorwürfe gegen Wirecard einzuordnen sind

25. April 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Einen Tag vor der Bilanz-PK hat die „Financial Times“ den Münchner Zahlungsdienstleister Wirecard erneut attackiert. Was genau wirft die britische Zeitung dem Dax-Konzern diesmal vor. Und wie ist der neue Bericht (Paywall) einzuordnen? Unsere Analyse:

Anzeige

1.) Die „FT“ behauptet unter Berufung auf nicht näher spezifizierte „Dokumente“, rund die Hälfte der Umsätze (und ein Großteil der Gewinne), die Wirecard in zurückliegenden Jahren erwirtschaftet hat, kämen von lediglich drei „opaken“ (also: undurchsichtigen) Partnerfirmen. Verboten wäre das freilich nicht. Und: Schon im März hatte die „FT“ berichtet, rund die Hälfte des Wirecard-Geschäfts komme von „Drittfirmen“ („third-party payments processors“). Der Dax-Konzern hatte diesen Umstand damals gar nicht erst bestritten, sondern erklärt, es handele sich um einen normalen Aspekt des Zahlungsverkehrsgeschäfts. Allerdings war seinerzeit von mehr als 100 Partnerfirmen die Rede – und nicht nur von dreien.

2.) Ein beträchtlicher Teil der Gewinne, so schreibt die „FT“ weiter, seien 2016 und 2017 in Wirecards angeblich größter Einzelgesellschaft verbucht worden, der in Dubai ansässigen CardSystems Middle East – wobei sich die Zeitung auf die Aussagen von „Whistleblowern“ stützt. (Auch das wäre freilich nicht verboten)

3.) Der mit Abstand schärfste Vorwurf, den die „FT“ formuliert, ist nun folgender: Die Bücher der CardSystems seien in den genannten Jahren (also 2016 und 2017) von keinem Wirtschaftsprüfer untersucht worden. Wenn das nun stimmen sollte, wäre das (entschuldigen Sie bitte die volkstümliche Formulierung) ein starkes Stück. Zumal: Dann würde sich ja auch die Frage stellen, wie Ernst & Young (also der Wirtschaftsprüfer auf Konzernebene) damit umgegangen ist. Wobei wichtig ist zu betonen: Speziell zu diesem Punkt hat sich Wirecard gestern gegenüber der „FT“ geäußert. Im Artikel heißt es, der Payment-Konzern habe mitgeteilt, dass seine Tochtergesellschaft – und also auch die CardSystems – „den regulären Wirtschaftsprüfungsprozessen unterliegen, inklusive der vierteljährlichen und jährlichen Prüfungen und darüber hinausgehend“.

4.) Einen Vorwurf konstruiert die „FT“ zudem daraus, dass Wirecard seinen Investoren gegenüber die Bedeutung der CardSystems und der drei Partnerfirmen bis heute verschweige, obwohl der Dax-Konzern dazu eigentlich verpflichtet sei. Hierzu ist nun zu sagen, dass Wirecard-Kenner sehr wohl wissen, dass ein erheblicher Teil der Wirecard-Gewinne aus nur zwei Gesellschaften stammt, nämlich besagter CardSystems in Dubai und einer in Irland ansässigen Wirecard-Tochter (so stand es 2017 in der „Manager Magazin“-Geschichte „Das 250-Mio.-Euro-Rätsel des Börsenwunders Wirecard“; der Autor des damaligen Artikels ist Ihnen möglicherweise ein Begriff …). Zu den drei Partnerfirmen ist nun zu sagen: Zwei der Gesellschaften (nämlich PayEasy Solutions von den Philippinen und Senjo aus Singapur) geisterten in den letzten Wochen schon durch den ein oder anderen Wirecard-Artikel. Der Name des dritten und angeblich größten Partners – eine Firma namens Al Alam – dagegen war bis gestern auch intimen Wirecard-Kennern kein Begriff.

5.) Ein letzter Punkt, der uns wiedergabepflichtig erscheint: Die „FT“ versucht in ihrem Artikel Zweifel an der materiellen Substanz des (angeblichen) Wirecard-Partners Al Alam zu streuen. So schreiben die britischen Kollegen genüsslich, bei drei Vor-Ort-Besuchen des Al-Alam-Büros in Dubai sei das Büro beim ersten Mal „leer“ und beim zweiten Mal mit „zwei Leuten besetzt“ gewesen. Bei der dritten Visite am Dienstagnachmittag dieser Woche habe man einen einsamen IT-Mitarbeiter angetroffen, der ausgerichtet habe, seine Vorgesetzten seien nächste Woche wieder da.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing