Exklusiv

Wie Paydirekt eine Studie erst finanzierte – und dann gewann

18. Juli 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Die „ibi Research an der Universität Regensburg GmbH“ gehört zu den angesehensten und einflussreichsten Forschungseinrichtungen innerhalb der deutschen Payment- und Bankenbranche. Laut Selbstbeschreibung folgt das Unternehmen dabei einer „Vision“. Und die lautet: „Unser Innovationsansatz macht Finanzdienstleistungen und den Handel messbar erfolgreicher!“ Offenbar wird diese Vision von ziemlich vielen Unternehmen geteilt. Denn das sogenannte ibi-Partnernetzwerk gleicht einem „Who is Who“. Die Allianz gehört dem Kreis ebenso an wie Arvato, die Commerzbank genauso wie die Consorsbank, die Datev genauso wie der Deutsche Sparkassenverlag und die Fiducia genauso wie die IT-Finanzinformatik, Paydirekt  oder Paypal.

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Die Folge dieses Renommees: Veröffentlicht das „ibi Research“ eine Studie (was relativ häufig geschieht), wird diese in den einschlägigen Medien für Handel und Zahlungsverkehr meist breit gecovered. So auch Anfang Juli, als die Regensburger Forscher eine 61-seitige Untersuchung veröffentlichten, die sich mit den Kosten befasst, die Online-Händlern bei unterschiedlichen Bezahlverfahren entstehen. „Händler schätzen Payment-Kosten falsch ein“, war daraufhin bei „Internet World“ (4. Juli) zu lesen, „Kostenfalle Bezahlverfahren?“, fragte „IT-Zoom“ (4.Juli), „Online-Händler unterschätzen laut ibi Research Kosten der Zahlungsverfahren deutlich“, schrieb das „IT-Finanzmagazin“  (5. Juli).

Indes: Nicht nur Medien berichteten über die Studie. Sondern auch die Pressestelle von Paydirekt, dem Online-Bezahlverfahren der deutschen Kreditwirtschaft. Was auch nicht weiter verwunderte. Denn: Paydirekt hatte bei der Studie sozusagen gewonnen.

Laut eigener Darstellung hatten die ibi-Forscher drei Szenarien kalkuliert. 1.) Die Gesamtkosten im Fall eines großen Bekleidungsversenders; 2.) Die Gesamtkosten im Fall eines kleinen Geschenkartikelversenders; 3.) Die Gesamtkosten im Fall eines Elektronikversenders.

Die Unterschiede zwischen Paydirekt und konkurrierenden Bezahlverfahren waren dabei teilweise frappierend. Im „Szenario 2“ zum Beispiel lagen die „Gesamtkosten in % des Warenkorbs“ bei Paydirekt gerade mal bei 1,69%. Bei Sofortüberweisung hingegen kamen die Forscher auf 2,51%, bei Paypal gar auf 5,75%, bei Zahlung auf Rechnung auf 6,81%.

Und so erschien auf der Website von Paydirekt am 10. Juli ein Interview mit Holger Seidenschwarz, dem Studienleiter bei ibi Research, der sich unter anderem wie folgt äußerte:

  • „Im Vergleich zu anderen Zahlverfahren haben die indirekten Kostenfaktoren bei Paydirekt mit 26 Prozent den geringsten Anteil an den Gesamtkosten.“
  • „Im sogenannten Basisfall der Studie, der den ‚Durchschnitts-Händler‘ der Umfrageteilnehmer darstellt, schnitt Paydirekt daher am besten ab. Das liegt wohl hauptsächlich an der Art und Weise, wie das Verfahren abgewickelt wird: durch die Zahlungsgarantie fallen zum Beispiel die Kosten für Risiko- und Debitorenmanagement relativ gering aus.“
  • „Die Ergebnisse unserer Studie können daher sicher auch als Anreiz dienen, Händlern die Vorteile von Paydirekt nahe zu bringen.“

Was Studienleiter Seidenschwarz hingegen nicht sagte, das war, wer die Studie gesponsert hatte. Dabei hätte diese Auskunft durchaus in das Interview gepasst. Denn Sponsor war Recherchen von Finanz-Szene.de zufolge: ebenfalls Paydirekt.

Zum ersten Mal hatte sich „Finanz-Szene.de“ in der Angelegenheit am 5. Juli an das „ibi Research“ gewandt. Unsere Frage lautete eher allgemein:

„[…] Würden Sie mir noch kurz sagen, wer der Sponsor [der Studie] war – oder gab es da keinen und das war komplett eigenfinanziert Ihrerseits?“

Worauf „ibi Research“ antwortete:

„Wir finanzieren das ibi und unsere Studien im Kern über drei Wege: 1. einige über den Verkauf nach Durchführung der Studie, die meisten über 2. das ibi-Partnernetzwerk (grundständige nicht-themenbezogene Finanzierung, die uns erlaubt, ohne konkretes „Projekt“ an Themen zu forschen) oder 3. über themenbezogene Finanzierung/Sponsoring. Dabei kann der Sponsor wählen, ob er nach außen erscheinen möchte oder nicht. In jedem Fall sind die Ergebnisse unserer Forschung neutral und unabhängig, ohne Einfluss der Financiers auf die Studienergebnisse und deren Veröffentlichung. Dazu sind wir natürlich als An-Institut der Uni Regensburg per Satzung verpflichtet, das entspricht aber auch unserem Selbstverständnis als neutrale Plattform. Zu unseren Partnern und Financiers zählen viele Zahlungsdienstleister sowie diverse Anbieter rund um die Rechnung, vgl. www.ibi.de/netzwerk/partner.“

Am 9. Juli hakte „Finanz-Szene.de“ nach:

„Natürlich gehen wir davon aus, dass alle Studien unabhängig durchgeführt und ausgewertet werden. Allerdings meinte ich von anderen ibi-Studien zu wissen, dass es eben den Fall des themenbezogenen Sponsorings (wie Sie es als 3. Fall dann ja auch aufführen) gibt. Und wenn das in diesem Fall so war, würden wird das gern so zusammen mit den Studienergebnissen berichten, um da Transparenz walten zu lassen. Daher die Frage, ob die besagte Studie gesponsert wurde und wenn ja, von wem?“

Antwort „ibi Research“:

„Ja, die Studie wurde von externen Sponsoren mitfinanziert. Wir können aber die Financiers nicht nennen, weil wir vertraglich Stillschweigen vereinbart haben. Ich bitte um Ihr Verständnis. Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, möchten wir kurz klarstellen, dass die Unterstützer nie Zugriff auf die Daten (vor und nach Qualitätssicherung) hatten und auch die Auswertung nicht beeinflusst haben.“

Schließlich fragte „Finanz-Szene.de“ direkt bei Paydirekt nach. Und bekam  die Antwort:

„Ja, die Studie ‚Gesamtkosten von Zahlungsverfahren im deutschen E-Commerce 2019′ wurde von der Paydirekt GmbH mitfinanziert. Als ’noch junges‘ Online-Bezahlverfahren der deutschen Banken und Sparkassen wurden wir noch nicht hinsichtlich der Gesamtkosten untersucht. Die letzten Studien zu den Gesamtkosten von Zahlungsverfahren liegen bereits mehrere Jahre zurück. Es ist uns deswegen ein Anliegen gewesen, ein unabhängiges Institut zu finden, welches erneut eine Studie zu dieser Forschungsthematik durchführt. Unsere Wahl ist auf das universitätsnahe Forschungsinstitut ibi research gefallen, zu welchem Paydirekt von Beginn an eine Partnerschaft unterhält. Über die Ergebnisse der unabhängigen Studie – welche uns durchaus positiv überrascht haben – freuen wir uns natürlich sehr.“

Die transparente Antwort gegenüber Finanz-Szene.de spricht für Paydirekt. Warum das „ibi Research“ und offenbar auch Paydirekt (siehe die Aussage, es sei „vertraglich Stillschweigen vereinbart“ worden) ebendiese Transparenz allerdings zuvor den Lesern der Studie verweigert hatten – das bleibt ein großes Rätsel.

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