Kommentar

Wirecard erklärt Kursbeben mit Kollegen-Fehde. Investoren zeigen sich beruhigt

5. Februar 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Kein Scherz: Das Kursbeben bei Wirecard vergangene Woche soll in letzter Konsequenz das Resultat einer möglichen persönlichen Fehde zwischen zwei Angestellten sein. Wie der Dax-Konzern gestern mitteilte, habe ein in Singapur ansässiger Mitarbeiter gegenüber der dortigen Compliance-Abteilung Bedenken „wegen angeblicher Handlungen“ eines Kollegen geäußert. Auf Basis dieses Vorgangs sollen dann – so deuten wir es jedenfalls – jene inkriminierenden Dokumente angefertigt worden sein, aus denen vorige Woche die „Financial Times“ zitierte, was dann zum Einbruch der Aktie führte. „Wir gehen davon aus, dass es sich um persönliche Motive handelt, nicht um Fragen des Accountings oder der Compliance“, sagte CEO Markus Braun in einem Conference Call. Die Mehrzahl der Investoren hält diese Darstellung offenbar für plausibel. Die Aktie stieg um knapp 14% auf 123,40 Euro.

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Hier eine Chronologie, wie sich die Dinge auf Basis der Darstellung Wirecards nach unserem Verständnis zugetragen haben sollen:

  • Die Compliance-Abteilung nahm die Bedenken auf und leitete Ermittlungen ein. In der Stellungnahme von Wirecard heißt es wörtlich: „Diese interne Untersuchung hat zu Nachweisen geführt, dass die Vorwürfe unbegründet waren. Darüber hinaus gab es Hinweise darauf, dass die Vorwürfe auch mit persönlichen Feindseligkeiten zwischen den beteiligten Mitarbeitern zusammenhängen könnten.“
  • Trotz des erbrachten Nachweises schaltete Wirecard als nächsten Schritt eine externe Anwaltskanzlei ein. In der Stellungnahme vom Morgen steht, man  habe sich „in Übereinstimmung mit unseren internen Compliance-Richtlinien“ für eine „unabhängige Untersuchung durch die renommierte in Singapur ansässige Compliance-Kanzlei Rajah & Tann entschieden“.
  • Setzt man voraus, dass die Dokumente, aus denen die „Financial Times“ vergangene Woche zitierte, authentisch sind, dann haben diese Vorgänge jeweils nicht viel Zeit in Anspruch genommen. Denn die angebliche internen Präsentation, über die die  Zeitung am Mittwoch berichtete, soll Anfang Mai entstanden sein haben. Und der „Preliminary Report“, aus dem die „FT“ am Freitag zitierte (und dessen Existenz Wirecard bestätigt), soll ja als Vorlage für ebenjene angebliche Präsentation gedient haben, müsste demnach also älter sein.
  • Laut „FT“ sollte die angebliche Präsentation am 8. Mai  vor dem Top-Manament (darunter CEO Braun) gehalten werden. Schon letzte Woche hatte Wirecard allerdings zurückgewiesen, dass der Vorstand die Präsentation an jenem Tag gesehen hat. Braun betonte in der Telco, dass er während Compliance-Prozessen immer erst informiert werde, wenn finale Ergebnisse vorlägen. Finanzvorstand Alexander von Knoop sagte, er habe Anfang Mai von den Vorgängen gehört. Daraufhin sei dann die offiziellen Untersuchung in Auftrag gegeben worden. 
  • Hier ist es Wirecard nun aus naheliegenden Gründen wichtig, das zwischen dieser offiziellen Untersuchung und dem „Preliminary Report“ unterscheiden wird. Gegenüber dem „Handelsblatt“ hatte der Zahlungsdienstleisters diesen Bericht am Wochenende als „Thesenpapier“ bezeichnet. In der Telefonkonferenz konkretisierte Braun noch einmal, die dort erhobenen Vorwürfe hätten ausschließlich die Schilderungen des Mitarbeiters wiedergegeben.
  • Die Stellungnahme Wirecards fasst diesen Ablauf wie folgt zusammen: „Basierend auf Interviews mit dem Mitarbeiter, der die Vorwürfe aufgebracht hatte, dokumentierte Rajah & Tann diese und sah die vorgelegten Dokumente ein. Anschließend wurde Rajah & Tann am 18. Mai 2018 beauftragt, eine vollständige Untersuchung durchzuführen.“
  • Obwohl seitdem fast ein dreiviertel Jahr ins Land gezogen ist, dauert die vollständige Untersuchung immer noch an. Braun zeigte sich gestern  aber sehr sicher, dass der Abschlussbericht die Vorwürfe des Mitarbeiters entkräften werde. Im offiziellen Statement heißt es: „Die Prüfung steht kurz vor dem Abschluss. Bisher haben weder die interne Compliance-Abteilung von Wirecard, noch Rajah & Tann schlüssige Feststellung für ein strafbares Fehlverhalten von Führungskräften oder Mitarbeitern des Unternehmens gefunden.“
  • Hierzu präsentierte Wirecard gestern auch ein mit „Rajah & Tann“ signiertes Schreiben, das von „Rajah & Tann“ stamme.
  • Dass die Untersuchungen so lange dauern, erklärte CFO von Knoop mit der Komplexität des Falls.

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