Exklusiv

Wirecard-Tochter in Dubai sorgt für 58% des Gewinns

30. Mai 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Beim Zahlungsdienstleister Wirecard hat eine einzige Tochter im vergangenen Jahr für weit mehr als die Hälfte des gesamten Jahresgewinns gesorgt. Das geht aus dem HGB-Einzelabschluss für 2018 hervor, den Finanz-Szene.de gestern im Bundesanzeiger entdeckt hat. Bei der Gesellschaft handelt es sich um die in Dubai ansässige „cardSystems Middle East“. Diese hatte in den letzten Jahren zwar auch schon entscheidend zum Wirecard-Ergebnis beigetragen – allerdings nicht in so krassem Umfang wie diesmal.

Konkret erwirtschafteten die 45 im Wirecard-Einzelabschluss aufgeführten Töchter ein aggregiertes Ergebnis in Höhe von 408,3 Mio. Euro. Davon entfielen 237,5 Mio. Euro auf die „cardSystems Middle East“, was einem Anteil von 58,2% entspricht. Überhaupt kamen nur drei Gesellschaften auf einen Jahresgewinn von mehr als 10 Mio. Euro, nämlich neben der Dubai-Tochter auch noch die Wirecard Technologies in Deutschland (129,5 Mio. Euro) und die Wirecard Payment Solutions in Dublin (62,5 Mio.). Etwas mehr als die Hälfte der Gesellschaften verlor Geld.

Die „cardSystems Middle East“ war Teil der umstrittenen „Financial Times“-Berichterstattung über Wirecard in den zurückliegenden Monaten. So hatte die Londoner Wirtschaftszeitung am 24. April geschrieben, ein großer Teil der Umsätze, die die Dubai-Gesellschaft erwirtschafte, komme von einer weitgehend unbekannten Partnerfirma namens Al Alam. Am 20. Mai legte die „FT“ nach und stützte sich dabei auch auf interne Dokumente. Zudem behauptete das Blatt, die Bilanzen der „cardSystems“ seien 2016 und 2017 von keinem Wirtschaftsprüfer geprüft worden – was Wirecard zurückwies (siehe unser eigene April-Stück „Wie die neuen Vorwürfe gegen Wirecard einzuordnen sind“). Gegenüber der „FT“ teile Wirecard mit, die Card Systems Middle East werde, wie die übrigen Tochterfirmen, im Zuge des konzernweiten Testats von Ernst & Young geprüft. 

Tatsächlich präsentierte der Dax-Konzern auch vor einem Monat einen testierten Konzernabschluss für 2018. Aus Sicht der meisten Investoren ist die sogenannte Wirecard-Affäre seither ausgestanden. Beleg: Zum gestrigen Handelsschluss notierte die Aktie bei rund 161 Euro, nachdem sie im Zuge der kritischen „FT“-Artikel zwischenzeitlich auf unter 100 Euro abgetaucht war.

Was die „cardSystems“ genau macht, bleibt unterdessen für Außenstehende  diffus. Im HGB-Einzelabschluss taucht die Firma überhaupt nur ein einziges Mal auf, nämlich in besagter Ergebnis-Tabelle. Im Konzernabschluss immerhin finden sich zwei – wenn auch karge – Informationen. So heißt es an einer Stelle …

„Der Konzern, insbesondere die Wirecard UK & Ireland Ltd. in Dublin (Irland), die Wirecard Brazil S.A. in Sao Paulo (Brasilien), die cardSystems Middle East FZ-LLC in Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) sowie viele der ostasiatischen Tochtergesellschaften, arbeiten international mit unterschiedlichen Banken und Finanzdienstleistern zusammen, um auch dort entsprechende Acquiring- bzw. Issuing-Dienstleistungen anbieten zu können, für die die Wirecard keine eigene Lizenz nutzen kann.“

… und weiter unten …

„In der geografischen Region „Asien und Pazifik“ werden die Gesellschaft CardSystems Middle East FZ-LLC, die Wirecard Processing FZ-LLC, die Wirecard Asia Holding [Anm.: Es folgt eine lange Aufzählung von Firmennamen] subsumiert.“

Über eine Webpräsenz verfügt die Firma ebenso wenig wie über einen öffentlich einsehbaren Jahresabschluss. Googelt man den komplett Namen  („CardSystems Middle East FZ-LLC“), so ist der oberste Treffer ein „Bloomberg“-Eintrag, in dem es heißt: „cardSystems Middle East FZ-LLC does not have any Key Executives recorded.“ Auf der Wirecard-Homepage wiederum waren gestern Abend unter dem Stichwort „Careers“ 232 Jobs ausgeschrieben, darunter allerdings keiner in Dubai.

Eine Sprecherin erklärte die geringe Sichtbarkeit der „cardSystems Middle East“ gegenüber Finanz-Szene.de damit, dass es – in unseren eigenen Worten ausgedrückt – auch nicht viel zu sehen gebe. Wirecard verfüge konzernweit über vier Abwicklungszentren, so die Sprecherin, nämlich in Deutschland, in UK/Irland, in den USA und eben in Dubai, wo „viele Transaktionen geroutet“ würden. Die Folge, wenn wir es richtig verstehen: Bei der „cardSystems“ fällt zwar viel Gewinn ab, sichtbares Kundengeschäft betreibt sie aber nicht.

Die Gewinne der einzelnen Wirecard-Gesellschaften auf einen Blick in Mio. Euro:

cardSystems Middle East FZ-LLC, Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) 237,5
Wirecard Technologies GmbH, Aschheim (Deutschland) 129,5
Wirecard Payment Solutions Holdings Ltd., Dublin (Irland) 62,5
Wirecard Acquiring & Issuing GmbH, Aschheim (Deutschland) 9,4
Wirecard North America Inc., Conshohocken (USA) ** 7,4
Wirecard Card Solutions Ltd., Newcastle (Großbritannien) 2,9
Hermes I Tickets Pte Ltd, Chennai (Indien) 2,5
Wirecard Romania S.A., Bukarest (Rumänien) 2,4
Wirecard Mexico S.A. De C.V, Mexico City (Mexico) 1,5
Wirecard Bank AG, Aschheim (Deutschland) 1,3
Wirecard Brazil S.A., Sao Paulo (Brasilien) 1
PT Aprisma Indonesia, Jakarta (Indonesien) 1
PT Prima Vista Solusi, Jakarta (Indonesien) 1
Wirecard Acceptance Technologies GmbH, Aschheim (Deutschland) 0,7
Wirecard Central Eastern Europe GmbH, Graz (Österreich) 0,6
MyGate Communications Pty Ltd., Kapstadt (Südafrika); 0,6
Wirecard Issuing Technologies GmbH, Aschheim (Deutschland) 0,4
Wirecard Africa Holding Proprietary Ltd., Kapstadt (Südafrika) 0,3
Wirecard Service Technologies GmbH, Aschheim (Deutschland) 0,3
Wirecard Slovakia s.r.o., Kosice (Slowakei) 0,2
American Payment Holding Inc., Toronto (Kanada) 0
Wirecard Poland Sp.Zo.o., Warschau (Polen) 0,2
Wirecard Luxembourg S.A., (Luxemburg) 0
Wirecard India Private Ltd., Chennai (Indien) 0
Wirecard (Gibraltar) Ltd. (Gibraltar) 0
Click2Pay GmbH, Aschheim (Deutschland) 0
Wirecard Myanmar Ltd., Yangon (Myanmar) -0,1
Wirecard Forx India Pte Ltd, Bangalore (Indien) -0,2
Wirecard LLC, Moskau (Russische Föderation) -0,3
Wirecard Retail Services GmbH, Aschheim (Deutschland) -0,3
Wirecard Ödeme ve Elektronik Para Hizmetleri A.Ş., Istanbul (Türkei) -0,3
Wirecard (Thailand) Co. Ltd., Bangkok (Thailand); (ab 25.04.2017) -0,4
Wirecard E-Money Philippines Inc., Manila (Philippinen) -0,5
GI Technology Pte. Ltd., Chennai (Indien) -0,6
Wirecard Communication Services GmbH, Leipzig (Deutschland) -0,7
Wirecard Global Sales GmbH, Aschheim (Deutschland) -0,8
Wirecard Payment Solutions Hong Kong (Hong Kong). -1
Wirecard Australia A&I Pte. Ltd., Melbourne (Australien) -1,4
Wirecard Hong Kong Ltd. (Hong Kong) -1,7
Wirecard Payment Solutions Malaysia SDN BHD, Kuala Lumpur (Malaysia) -2,1
Wirecard Singapore Pte. Ltd. (Singapur) -2,8
Wirecard NZ Ltd, Auckland (Neuseeland) -3,9
Wirecard Sales International Holding GmbH, Aschheim (Deutschland) -4,7
Wirecard Processing FZ LLC, Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) -12,2
Wirecard Asia Holding Pte. Ltd., (Singapur) -20,7

 

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