Analyse

Wozu braucht Wirecard 900 Millionen Euro?

25. April 2019

Von Christian Kirchner

Keine Frage: Selbst wir als notorische Wirecard-Skeptiker müssen jetzt mal anerkennen: Da hat der bayerische Zahlungsdienstleister gestern Früh einen zünftigen Coup gelandet. Da verkündete nämlich der Konzern – einen Tag vor Vorlage des Geschäftsberichts und der Bilanzpressekonferenz – dass der japanische Tech-Investor Softbank über eine Wandelanleihe 900 Millionen Euro in den Zahlungsdienstleister pumpen will.

Nun seien Sie, liebe Leser, versichert, dass wir es hier nicht zum Dogma erhoben haben, journalistisch stets schlapp und übellaunig herumzuschlurfen wie die Kinder ohne ihren Löffel Multi-Sanostol in der TV-Werbung in den 80ern. Und: strikt agnostisch gedacht spricht das gestrige Kursplus von in der Spitze 11% Bände (ehe dann eine neuerliche FT-Berichterstattung den Kurs wieder fallen ließ.)

Dennoch: es fehlen zwei wesentliche Informationen darüber, wie die Transaktion – formal nicht eine Beteiligung, sondern die Aufnahme neue Verbindlichkeiten, welche in fünf Jahren auch mit Aktien getilgt werden können – zu bewerten ist. Und auf die Wirecard heute im Tagesverlauf erst Antworten geben dürfte.

Erstens: wie verzinsen sich die Wandelanleihen, die Softbank von Wirecard erhalten soll? Die Laufzeit (5 Jahre) und den Wandlungspreis (130 Euro, das heißt: bei Kursen in fünf Jahren darüber wird Softbank vom Wandlungsrecht Gebrauch machen) hat Wirecard per Ad Hoc kommuniziert, nicht aber die Verzinsung.

Zweitens: wozu braucht Wirecard 900 Millionen Euro und was ist damit geplant? Schließlich stehen für einen klassischen „Einstieg“ als Großaktionär auch andere Wege zur Verfügung: ganz banal den Kauf der Aktien über den zuletzt hochliquiden Kapitalmarkt (was den Besitz von Altaktionären nicht verwässert und zuletzt, nun ja, „rabattiert“ gemessen an den vorherigen Höchstkursen möglich war). Oder über eine Kapitalerhöhung.

Es ist ausweislich der zuletzt vorgelegten Zahlen und kommunizierten Pläne Wirecards zudem nicht so, dass sich ein Bedarf nach mehr Eigen- oder Fremdkapital bei Wirecard aufdränge: laut den zuletzt vorgelegten Zahlen erwirtschaftete Wirecard in den ersten neun Monaten 2018 einen freien Cash Flow von knapp 260 Mio. Euro.

Die Eigenkapitalausstattung ist üppig (1,8 Mrd. Euro bei einer Bilanzsumme inkl. Schulden von 5,2 Mrd. Euro), vor allem aber wies Wirecard neben den bilanzierten Verbindlichkeiten zusätzliche freie Kreditlinien von Geschäftsbanken in Höhe von 580 Mio. Euro auf. Und: der Expansion über weitere Übernahmen erteilte Vorstandschef Markus Braun noch im Spätherbst eine Absage. „Wir haben stark expandiert und sind jetzt auf allen fünf Kontinenten vertreten. Heute investieren wir lieber in Forschung und Entwicklung“, erklärte er in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Capital“.

Hinzu kommt: Der Wandlungspreis der Aktien – 130 Euro, mithin also nur ein Schnäpsken mehr als der Wirecard-Schlusskurs am Tage vor der Verkündung (127,45 Euro) – ist für einen fünfjährigen Deal über Wandelanleihen sehr tief. Das ist vorteilhaft für Softbank als Investor, der nach unten über eine mögliche Tilgung in bar abgesichert ist und nach oben bei jedem Anstieg seine Beteiligung wandeln würden – und unterwegs Zinszahlungen in (noch) unbekannter Höhe erhält.

Der tiefe Wandlungspreis passt auch nicht ganz zu den Visionen von CEO Braun, der seinem Unternehmen noch im Herbst eine Verfünffachung des Börsenwerts und eine Vervielfachung des Umsatzes vorhersagte angesichts von Wachstumsraten von 35 bis 40 Prozent bei Umsatz und Gewinn pro Jahr. Softbank verkauft seinen Namen und seine Investition auf den ersten Blick geschickt und sehr teuer.

Klar ist aber auch: entwickeln sich Umsätze und Gewinne wie aktuell von Unternehmen und Analysten einhellig prognostiziert, wird der Aktienkurs in fünf Jahren tatsächlich bei einem Vielfachen notieren. In diesem Fall wird es Aktionären auch herzlich egal sein, dass ihr Anteil am Unternehmen etwas verwässert wird – und wird der Einstieg im Rückspiegel womöglich endgültig der Befreiungsschlag gewesen sein.

Man kann zudem davon ausgehen, dass Softbank bilanziell jeden Stein dreimal umdreht, ehe man 900 Mio. Euro investiert. Ferner geht es in dem Deal nicht nur um eine Beteiligung, sondern auch um eine Kooperation, in der Softbank Wirecard bei der „geografischen Expansion nach Japan und Südkorea unterstützen“ und „die Zusammenarbeit mit Portfoliounternehmen der Softbank ermöglichen soll“.  Und diese Liste der Beteiligungen liest sich illuster bei Softbank.

Kurz: Die Lage klingt nach Win-Win-Win: ein Vertrauensbeweis eines großen und prominenten Investors, eine knappe Milliarde Euro in der Kasse (was per se nicht schlecht sein kann) und überdies die Möglichkeit, in einem bislang noch sehr an Cash hängenden Region als Payment-Dienstleister zu expandieren. Sofern es Wirecard heute gelingt, die beiden zentralen offenen Fragen zur Zufriedenheit der Investoren zu beantworten.

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