Reportage

Zum Start von Apple Pay – Der lange Weg von Mobile Payment in Deutschland

10. Dezember 2018

Von Marcus W. Mosen*

Mobile Payment beschäftigt die Akteure im bargeldlosen Zahlungsverkehr seit mehr als zwei Jahrzehnten. Bereits Anfang der 90er Jahre gab es bei den damals aktuellen Mobilfunkunternehmen (u.a. Mannesmann-Mobilfunk oder ePlus) Überlegungen, Bezahldienste über ihre D- und E-Mobilfunknetze in Kombination mit dem „Handy“ anzubieten. Die Business Cases fußten jedoch im Wesentlichen auf den Einnahmen aus Sprachservices (Voice) und nicht auf Datendiensten.

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Das Internet und Datendienste spielten in dieser Zeit noch eine untergeordnete Rolle in den Unternehmensstrategien. Erst zum Millennium gab es erste Initiativen und sogar Start-Ups, die sich mit plausiblen Geschäftsmodellen, die das Bezahlen per Handy im Fokus hatten, beschäftigten. Leider gelangten jedoch alle diese Initiativen nicht zu einer Marktreife und breiten Marktakzeptanz, obwohl zum Teil sehr namhafte Unternehmen und Organisationen Mobile-Payment-Projekte unterstützten und diese teilweise mit zweistelligen Millionenbeträgen finanzierten.

Während Deutschland im Mobile Payment seither kaum aus seinen Kinderschuhen herausgewachsen ist, hat sich diese Form des bargeldlosen Bezahlens in anderen Ländern Europas und der Welt in den letzten Jahren rasant verbreitet und weiterentwickelt. So dominiert in einigen asiatischen Ländern inzwischen das digitale Bezahlen am Point of Sale (POS). Alipay hat heute bereits etwa 150 Millionen aktive Nutzer pro Monat und hält damit einen Marktanteil von über 50 % am chinesischen Mobile-Payment-Markt.

Die Verbreitung des Smartphones ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen und liegt in Europas bei über 90 %. Mehr als ein Drittel der Konsumenten weltweit geben an, dass sie ihr Mobiltelefon innerhalb der ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen prüfen, 20 % sagen, dass sie sogar mehr als 50 Mal am Tag ihr Gerät betätigen. Im Jahr 2018 werden in Deutschland voraussichtlich rund 57 Millionen Personen ein Smartphone besitzen, weltweit werden es bis 2020 ca. 2,9 Milliarden Personen sein. Mobile Endgeräte sind inzwischen das wichtigste Medium für den Internetzugang und dienen nicht notwendigerweise der Telefonie.

Für neue digitale Geschäftsmodelle, zu denen auch Mobile-Payment-Anwendungen gehören, ist das Smartphone heute Dreh- und Angelpunkt für Interaktionen und digitale Transaktionen. In diesem Jahr haben gleich drei Internetgiganten den deutschen Point of Sale im Handel als „Point of Transaction“ mit Smartphone-Bezahlapplikationen für sich entdeckt. Es ist daher naheliegend, dass das Smartphone die physische Kredit- oder Debitkarte sukzessive ablösen wird. Die Grundidee ist, Bezahlen auch am POS so einfach und reibungslos wie möglich zu gestalten.

I.) Wie alles anfing: Erste Gehversuche, verlorene Chancen

Bereits vor 20 Jahren wurden die Trends im E-Commerce und der Wandel hin zum M-Commerce intensiv diskutiert. Die durch die Telekomunternehmen aufgebauten Datennetze sollten dabei zunehmend eine bedeutende Rolle bei der Abwicklung von geschäftlichen Transaktionen einnehmen. Und es war eine allgemeine Erwartungshaltung, dass insbesondere der Mobile Commerce hier ein wesentlicher Treiber sein wird. Dazu die Einschätzung des Autors aus dem Jahr 2002: Der „E-Commerce wird zum handybasierten M-Commerce. Das Handy wird neben der mobilen Sprachkommunikation zum Medium für die Informationsbereitstellung und zur Abwicklung von Transaktionen aller Art. Geldgeschäfte und Einkäufe können mittels dieser Endgeräte künftig mit wenig Aufwand von jedem Ort der Welt zu jeder Zeit erledigt werden.“

Unter dem Begriff „Mobile Payment“ wurden damals sämtliche elektronischen Zahlungssysteme und -prozesse subsumiert, die sowohl Zahlvorgänge im mobilen Internet also auch am Point of Sale (POS) ermöglichen. Die Bedeutung des Mobile Payment wurde in dieser Zeit jedoch stärker als neue Form des Bezahlens im M-Commerce gesehen. Der POS, also der stationäre Handel, war nicht primär im Fokus. Dies hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert: das Bezahlen im Einzelhandel via Smartphone ist in den Vordergrund getreten.

Sehr konkrete Initiativen mit dem Ziel, Mobile Payment auch als Bezahllösung an den POS zu bringen, gab es auch bereits vor zwanzig Jahren. Die dominierenden Kartenorganisationen wie Mastercard und Visa entwickelten mit anderen Akteuren des bargeldlosen Zahlungsverkehrs (Banken und Dienstleister) und der Telekommunikationsbranche neue Regeln und Spezifikationen, um die physische Kredit- oder Debitkarte (Plastikkarte) in die virtuelle Welt zu übersetzen. Dabei setzte man auf eine SET Wallet Server Architektur (mit SET = Secure Electronic Transaction), die den Einsatz der Kreditkarte im M-Commerce in vier unterschiedlichen Szenarien vorsah:

  1. Shopping via Sprache, Bezahlung via SMS eines GSM-Mobiltelefons
  2. Shopping und Bezahlen via eines WAP-fähigen Handys
  3. Shopping über einen PC, Bezahlung durch eine internetbasierte
    Transaktion ausgelöst und abgeschlossen über ein SMS-fähiges GSM-Mobiltelefon
  4. Shopping über einen PC, Bezahlung ausgelöst und abgeschlossen mit Hilfe eines SMS-fähigen GSM-Mobiltelefons.

Die Szenarien zeigen, dass der damalige Fokus im Mobile Payment auf der
Bezahlung von Einkäufen im Internet lag, nicht jedoch auf der Bezahlung am POS. Schon damals wurde jedoch in Frage gestellt, ob sich der SET-Standard der Kartenorganisationen langfristig durchsetzen kann, da er auf der Karteninhaberseite nicht weit verbreitet war. Zudem wurde die Implementierung des SET-Verfahrens bei den beteiligten Zahlungsverkehrsdienstleistern und auch im Handel als sehr komplex und aufwendig betrachtet. Er setzte sich daher nie wirklich im Markt durch und wurde dann später durch das 3D-Secure-Verfahren von den Kartenorganisationen abgelöst.

Auch in der deutschen Kreditwirtschaft gab es vor beinahe zwanzig Jahren bereits Initiativen und sehr konkrete Projekte zum Thema Mobile Payment. So beteiligte sich die GZS (Gesellschaft für Zahlungssysteme mbH), die zum damaligen Zeitpunkt noch zu 100 % den deutschen Banken und Sparkassen gehörte, im Jahr 2000 an dem Start-Up Payitmobile AG mit Sitz in München. Das Unternehmen war ein Jahr zuvor von IT-Zahlungsverkehrsspezialisten in München gegründet worden. GZS agierte nach heutigem Verständnis wie ein „Inkubator“, mit dem Ziel, Mobile Payment in Deutschland über einen breiten Plattformansatz im Markt einzuführen.

In einem nächsten Schritt wurde die Bildung eines Konsortiums eingeleitet, an dem sich das Softwarehaus Materna sowie das Mobilfunkunternehmen E-Plus beteiligen wollten. Auf der Bankenseite sprach man mit dem DSGV und weiteren Privatbanken. Die Plattform „Payitmobile“ verstand sich als neutraler Paymentprovider zwischen Banken, Kreditkarten- und Mobilfunkunternehmen sowie Händlern. In den Folgejahren wurde jedoch immer deutlicher, dass einzelne GZS-Gesellschafter selbst im größten Kerngeschäft der GZS, dem Issuing-Processing, nicht wirklich loyal zum Unternehmen standen und daher solche Initiativen, die eine Ausweitung des Geschäftszwecks bedeutet hätten, nicht unterstützen wollten.

Die GZS war als Unternehmen dann selbst von Unsicherheiten bei der strategischen Ausrichtung betroffen und das Joint-Venture bekam keine Unterstützung mehr. Es wurde in 2002 „zu Grabe getragen“. Im Mai 2000 führte die Firma Paybox, an der die Deutsche Bank AGmit 50 % beteiligt war, mit großem Marketingaufwand eine handybasierte Payment-Lösung für E- und M-Commerce ein, die auch private Geldtransaktionen ermöglichte (P2P Payments). Zunächst stand die Deutsche Bank dem klassischen Start-Up als strategischer Partner zur Seite und unterstützte das Unternehmen sowohl in der operativen Umsetzung, als auch bei der Vermarktung. Das Telekommunikationsunternehmen Debitel hielt damals 4,3%, die restlichen Anteile lagen beim Gründerteam.

Nachdem die Deutsche Bank einige Zeit ohne Erfolg versucht hatte, auch andere deutsche Banken als Unterstützer zu gewinnen, wurde 2002 ein Verkauf von Paybox an First Data in Erwägung gezogen. First Data hatte damals gerade die M-Business-Division des deutschen Softwareunternehmens Brokat AG übernommen und bündelte neue M-Payment und M-Commerce Aktivitäten in ihrer globalen Tochtergesellschaft eOne Global. Die eOne Global war zu diesem Zeitpunkt bereits in fortgeschrittenen Gesprächen mit den großen Telekomgesellschaften Deutsche Telekom und Vodafone über eine Zusammenarbeit im Bereich Mobile Payment.

Die Gespräche zwischen der Deutschen Bank und First Data waren zunächst getrieben von weiteren Verkaufsabsichten von Payment-Assets der Deutschen Bank, da es zum damaligen Zeitpunkt eine klare Strategie gab, sich von sämtlichen Beteiligungen im kartenbasierten Zahlungsverkehr zu trennen. Im Mittelpunkt stand im Sommer 2002 der Verkauf des Deutsche Bank Tochterunternehmens Easycash, welches damals schon einer der führenden POS Netzbetreiber für große Retailer war. Es gab jedoch das Junktim von Seiten der Deutschen Bank, dass der Erwerber der Easycash auch eine Lösung für Paybox anbieten musste. In diesem Bieterwettbewerb unterlag schließlich First Data der damaligen GZS (Gesellschaft für Zahlungssysteme mbH). Aber zur Überraschung des Marktes erwarb GZS damals nur die Easycash, und die Deutsche Bank gab ihre Anteile an Paybox an die Gründer ab.

In Deutschland war Paybox damit letztlich gescheitert, der Dienst wurde eingestellt. Nur in Österreich „lebt“ Paybox heute noch weiter – wenn auch auf einem eher überschaubaren Niveau. Die Gründer vermarkteten die Lösung jedoch erfolgreich in Afrika. Wenn First Data Paybox übernommen hätte, wäre das Unternehmen bankenneutraler aufgestellt worden. Hierzu gab es bereits konkrete Absichtserklärungen anderer Banken wie beispielsweise der Postbank, die dieses Szenario unterstützt hätte. Ein solcher „Zusammenschluss“ von führenden Banken und Telekommunikationsanbietern sowie einem global agierenden Paymentdienstleister für den Aufbau einer Mobile-Payment-Plattform hatte nicht nur großen Charme, sondern war eine der sehr wenigen Chancen im deutschen Markt, einen eigenen Paymentstandard zu einem Zeitpunkt zu schaffen, als dies noch in nationalen Strukturen möglich gewesen wäre.

Aber letztlich zeigt sich bei beiden Projekten die systemimmanent hohe Hemmschwelle der deutschen Kreditinstitute, bei neuen Paymentinitiativen an einem Strang zu ziehen. Dies wäre aber letztlich eine der wesentlichen Kernvoraussetzungen gewesen, um eine rasche Akzeptanz dieser neuen Form des Bezahlens sowohl beim Endkunden, als auch beim Händler zu erreichen. Beim kartenbasierten Zahlungsverkehr stand jedoch eindeutig die EC-Karte (heute Girocard) bei den Akteuren im Vordergrund. Eine Stärkung von Mastercard- oder Visa-gebrandeten Karten durch eine Mobile-Payment-Plattform war letztlich wohl für viele Stakeholder keine strategisch gewünschte Option. Beide Projekte – Payitmobile und Paybox – hätten bei einer breiten Unterstützung sicherlich eine große Chance gehabt, einen nationalen Standard für innovatives Payment zu schaffen, der später hätte internationalisiert und skaliert werden können.

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II.)  Wie die Telkos mit ihren Wallets scheiteren

Seit Payitmobile und Paybox haben verschiedenste Akteure im deutschen Markt viele Millionen Euro in Projekte mit der Überschrift „Mobile Payment“ investiert und teilweise später auch wieder abgeschrieben. Sowohl die großen „Telkos“ mit ihren „Wallets“, als auch die großen Retailer, wie die Otto-Gruppe mit dem Produkt „Yapital“, haben sich allesamt erfolglos die Zähne an diesem Thema ausgebissen. Neben diesen in der Öffentlichkeit bekannteren Projekten gab und gibt es eine Vielzahl von Start-Ups, die ebenfalls Applikationen entwickelt haben, die Mobile Payment als zentrales Funktionsmerkmal beinhalteten.

Die Deutsche Telekom brachte 2014 ihr Produkt „MyWallet“ in den Markt. Ziel war es, eine digitale Brieftasche für die Girocard, die Kreditkarte, Coupons, Tickets, Kundenkarten etc. zu schaffen. Es gab die Restriktion, dass die dafür notwendige App nur im Google Play Store für Android-Smartphones zur Verfügung stand, also nicht für das iPhone von Apple. Einzelne Banken hatten dann auch angekündigt, dass sie dieses Wallet für ihre Bankkarten einsetzen werden. Ende 2016 kam dann schon das „Aus“. Auch hier waren mehrere Gründe ausschlaggebend: zum einen war der strategische Vorstoß der Deutschen Telekom in das Geschäftsfeld des Payments insgesamt nicht von Erfolg gekrönt.

Mit dem Kern-Asset „Clickandbuy“ wollte die Deutsche Telekom ab 2010 groß in das Geschäftsfeld „Paymentservices“ einsteigen. Dieses Vorhaben wurde aber bereits fünf Jahre später wieder fallengelassen und damit machte es auch keinen Sinn mehr, das Wallet weiter zu betreiben, zumal die virtuelle Debitkarte der Deutschen Telekom über die Infrastruktur der ClickandBuy abgewickelt wurde. Zum anderen waren zwischenzeitlich starke Bedenken aufgekommen, ob sich eine SIM-basierte Lösung als Standard für Mobile Payment überhaupt durchsetzen kann. Auch hier gab es dann auf Bankenseite kein einheitliches Bild.

Die Vodafon-Wallet-Lösung ereilte zwei Jahre später das gleiche Schicksal. Im Juni 2018 – zwei Jahre nachdem die Deutsche Telekom sich aus dem Walletgeschäft verabschiedet hatte – stellte auch Vodafone seine digitale Geldbörse mit der Kerndienstleistung Mobile Payment ein. Ein anderer, sehr prominenter Versuch, Mobile Payment in Deutschland und sogar europaweit zu etablieren, wurde 2011 von der Otto-Gruppe gestartet. Unter dem Brand „Yapital“ sollte das Ziel verfolgt werden, PayPal Konkurrenz zu machen, auch wenn es sich anders positionierte. Yapital sollte als Multichannel-Bezahlverfahren eingesetzt werden.

Anders als bei den heutigen NFC-basierten Lösungen von Google Pay oder Apple Pay, setzte Yapital auf das Scannen eines QR-Codes am POS durch die Yapital-App auf dem Smartphone. Auch Rechnungen sollten so bezahlt werden. Mit großem finanziellen Aufwand ist Yapital auf alle im Markt relevanten Payment-Service-Provider und POS-Netzbetreiber zugegangen, damit diese neue Payment- Methode sowohl im Checkout-Prozess als auch in der technischen Umsetzung in die Front- und Backend-Systeme umgesetzt wird. Erst als man der Meinung war, dass man eine ausreichende Anzahl an Akquirern für diese Payment- Methode an Bord hat, wollte man mit der Vermarktung auf der Endkundenseite beginnen.

Aber auch hier zeigte sich, dass wesentliche Merkmale und Eigenschaften für erfolgreiches Mobile Payment fehlten. Es gab zu wenig Akzeptanzstellen, die das Produkt schon technisch abbilden konnten, das Onboarding der Endkunden entpuppte sich als komplizierter Know Your Customer (KYC)-Prozess und das Produkt bot nicht wirklich einen zusätzlichen Mehrwert zum Bezahlen. Auch bei Yapital gab es von Seiten des Initiators die Bestrebung einer Kooperation mit der deutschen Kreditwirtschaft. Da sich diese zu diesem Zeitpunkt (2014) jedoch bereits für eine eigene neue Plattform entschieden hatte (Paydirekt), kames auch hier nicht zu einer Zusammenarbeit.

Bei den jeweiligen Mobile-Payment-Initiativen in den letzten Jahrzehnten gab es zunehmend Konsens, dass Mobile Payment ein „Enabler“ für E-Commerce und M-Commerce ist. Wertschöpfung sollte daher bei den Inhalten des E-oder M-Commerce bzw. bei den neuen Geschäftsmodellen geschaffen werden und nicht mehr primär bei der Abwicklung der Zahlung. Damals wie heute gilt, dass sich nur die Anbieter von neuen Payment-Lösungen im Markt durchsetzen werden, die in der Lage sind, möglichst große Verarbeitungsvolumen auf ihren Plattformen zu konzentrieren, die rasch skalieren und Mehrwehrte mit der Payment-Funktion verbinden können. Dies ist nicht nur die Voraussetzung für eine entsprechende Stückkostendegression bei den Produktionskosten, sondern vor allem auch für die Innovationsfähigkeit bei der Weiterentwicklung dieser Plattformen – insbesondere im digitalen Zeitalter.

Bezogen auf den deutschen Markt werden mögliche Determinanten des Erfolgs von Mobile Payment oft im Kontext mit der Ablösung des Bargelds als präferierte Zahlungsmethode am POS oder das Erreichen eines definierten Zahlungsanteils von Debitkarten am POS wie der Girocard gesehen. Es sollte sich jedoch 2018 zeigen, dass diese Voraussetzungen
für die Entscheidung internationaler Plattformen letztlich wohl eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Für Google und Apple sind ihre mobilen Payment-Lösungen die Voraussetzung, Teile ihrer Angebotspalette zu monetarisieren. Daher ist für Google und Apple die globale Verbreitung ihrer eigenen Mobile Payment-Lösung einer der wichtigsten Parameter für den Erfolg ihrer Geschäftsmodelle.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Vernetzung von Geräten, Produkten und Services, welche durch das Internet of Things (IoT) ermöglicht wird, sind globale Payment-Plattformen de facto gegenüber rein auf nationale Grenzen beschränkten Payment-Lösungen klar im Vorteil. Der Konsument erwartet, dass er eine Mobile-Payment-Methode international nutzen kann. Alle vorgenannten, fehlgeschlagenen Initiativen haben dazu beigetragen, dass Mobile Payment in Deutschland von den Medien schlecht besprochen wurde. Es ist in den letzten Jahren der Eindruck entstanden, dass die Deutschen ihr Bargeld so sehr lieben, dass sie es niemals gegen eine smarte und mobile Payment-Lösung eintauschen würden. Zu dieser Wahrnehmung hat ebenfalls beigetragen, dass die etablierten Banken und Sparkassen bis vor kurzem allen Mobile-Payment-Initiativen eher skeptisch begegnet sind. Wenn in diesem Zusammenhang überhaupt Überlegungen angestellt wurden, dann immer mit dem Präjudiz, dass das Girocard-System die Basis für eine solche Lösung sein muss.

Das systemimmanente Dilemma der girocard ist jedoch, dass sie nur am POS einsetzbar ist, also nicht im E-Commerce. Dies ist die klare Positionierung seit Jahrzehnten und sie wurde durch die Schaffung des neuen Brands „Paydirekt“, das als reine E-Commerce Payment-Methode fungiert, nochmals verstärkt. Eine Weiterentwicklung des girocard-Systems zu einer Omnichannel-Lösung wird die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) wohl kaum noch glaubhaft angehen können. Hierzu gibt es neben dem Zeitfenster, das bereits geschlossen ist, weder eine Strategie, noch ausreichend Budgets und vor allem heute auch nicht mehr die Nachfrage von Markt- und Kundenseite.

Im heutigen digitalen Zeitalter und im digitalen Zahlungsverkehr besteht bei vielen Experten Konsens: Mobile Payment ist Kernbestandteil eines jeden Omnichannel-Geschäftsmodells, der Marktbedarf ist daher unstrittig. Mastercard und Visa haben dies bereits frühzeitig erkannt. Sie setzen bei der Vermarktung ihrer Kartenprodukte seit kurzem verstärkt auf neue Debitkarten-Lösungen, wie z.B. die Mastercard Debit, die am realen sowie im virtuellen POS akzeptiert wird und die als virtuelle Karte in ein Mobile Wallet integriert werden kann.

Dieses Kartenprodukt wurde als erstes von den sogenannten „Challenger-Banken“ angeboten. Diese Karte wird aus Konsumentensicht zunächst als eine Kreditkarte wahrgenommen, da sie im Internet und damit international einsetzbar ist. Allerdings wird der Verfügungsbetrag unmittelbar am Konto autorisiert, so dass die Karte de facto eine Debitkarte ist. Die Karte kann als Zahlmittel bei den globalen Mobile Payment-Wallets von Google und Apple hinterlegt werden, sofern die kartenherausgebende Bank mit diesen kooperiert. Da inzwischen immer weniger „Girocard-only“-POS-Terminals im Handel angetroffen werden, ist auch die flächendeckende Akzeptanz dieser internationalen Debitkarten dort kein relevantes Problem mehr.

III:) 2018 – Durchbruch für Mobile Payment in Deutschland

2020 werden wir wissen, ob 2018 tatsächlich den Durchbruch für mobiles Bezahlen, insbesondere auch am POS, gebracht hat. Die Vorzeichen dafür stehen gut, denn drei der vier großen amerikanischen Internetgiganten kündigten ihren Markteintritt für ihre mobilen Payment-Lösungen an, beziehungsweise sind strategische Kooperationen eingegangen, um ihr Brand auch an den POS zu bringen. Im Juni 2018, drei Jahre nach dem Start in den USA, ist Google Pay mit seiner Mobile Payment-App gestartet. Kunden in Deutschland mit einem Android Smartphone mit NFC-Chip können jetzt eine Kreditkarte bei Google Pay hinterlegen. Damit kann im Prinzip bei allen POS-Händlerterminals bezahlt werden, die den EMV-Kontaktlos-Standard unterstützen.

Die Kartenorganisationen hatten bereits im Mai 2014 frühzeitig gegenüber den Akquiring-Unternehmen, die für die Akzeptanz von Kredit- und Debitkarten am POS zuständig sind, die Vorgabe herausgegeben, nur noch POS-Terminals in den Markt zu bringen, die diesen Standard unterstützen. Darüber hinaus gab es die Zielsetzung, dass alle bestehenden POS-Terminals auf den Standard MCL 3.0 (dies ist der Standard für kontaktlose Zahlungen, der unter anderem Google Pay und Apple Pay am POS unterstützt) aufgerüstet werden oder gegebenenfalls auszutauschen sind. Mastercard hatte die Vorgabe gegenüber den Akquirer-Banken herausgegeben, dass bis zum Jahresbeginn 2018 alle Händler ein entsprechendes kontaktloses POS-Terminal im Einsatz haben müssen, bei Visa ist dieser Zieltermin der 31.12.2019.

Bei Nichtumsetzung drohen den Akquirern sogenannte „Penalties“ (Vertragsstrafen) in einer Größenordnung von 0,02 – 0,03 % vom Transaktionsumsatz. Mit diesem, zwischen den großen Kartenorganisationen vereinbarten Standard, war NFC technologisch als Standard für Mobile Payment gesetzt. Im Oktober 2018 kam eine Meldung über den Newsticker, den viele in ihrer Tragweite zunächst nicht greifen konnten. PayPal und Google Pay kündigten eine Zusammenarbeit an, die es dem Nutzer der Payment-App Google Pay ermöglichte, PayPal als Zahlungsmethode für kontaktloses Bezahlen im Google Wallet zu hinterlegen. Das brisante an diesem Angebot ist, dass die primär hinterlegte Zahlungsmethode im PayPal-Konto für das Mobile Payment keine Rolle spielt, denn PayPal legt automatisch eine virtuelle Mastercard Debit in der Google App an. Damit wird die Restriktion, dass die kontoführende Bank des Nutzers bestimmt, ob er Google Pay nutzen kann oder nicht, umgangen.

Bei rund 14 Millionen PayPal-Kunden in Deutschland, die über ein Android Smartphone verfügen, ist das Potential, Mobile Payment ohne die eigene Bank zu machen, enorm. Während insbesondere die Sparkassen und Genossenschaftsbanken bisher einer direkten Zusammenarbeit mit Google Pay und Apple Pay sehr skeptisch bis nahezu ablehnend gegenüber standen, war PayPal mit einem Schlag mit einer einfachen Mobile Payment-Lösung für den POS auch beim Endkunden angekommen. Und dies ohne jeglichen Kooperationszwang mit einer Genossenschaftsbank oder Sparkasse.

Die deutschen Banken und Sparkassen testeten bereits 2017 eigene Mobile-Payment-Lösungen. Diese wurden im August 2018 im Markt eingeführt. Bei beiden Bankengruppen ist diese Lösung aber eine in der mobilen Banking-App verankerte Funktion. Systemvoraussetzung ist hierbei ein Android-Smartphone mit neuerem Release-Stand, welches NFC unterstützt. Bei der Banking-App ist dann eine Girocard, Mastercard oder VISA-Karte hinterlegt. In den Payment- Diskussionsforen wird seitdem intensiv darüber diskutiert, wie lange es sich die etablierten Banken leisten können, einer direkten Zusammenarbeit mit Google Pay und Apple Pay aus dem Weg zu gehen. In der Wahrnehmung auf Kundenseite wirkt die Haltung dieser Bankengruppen eher befremdlich, da insbesondere Bankkunden mit einem Apple-Smartphone damit von ihrer Bank vom Mobile Payment ausgeschlossen sind.  Interessanterweise hat es sich in anderen Ländern wie z.B. in Australien oder der Schweiz gezeigt, dass Kunden bereit sind, in einer solchen Situation ihre Bank zu wechseln oder zumindest ein Zweitkonto bei einemKreditinstitut, das mit Apple kooperiert, zu eröffnen.

Am 31. Juli 2018 schließlich kündigte Apple-CEO Tim Cook im Rahmen der Bekanntgabe der Quartalsergebnisse an, dass Apple Pay noch in diesem Jahr in Deutschland an den Start gehen wird. Ein konkretes Datum nannte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Am 5. November schaltete Apple eine Website frei, die unter der Überschrift „Apple Pay is coming soon“ den
unmittelbar bevorstehenden Marktstart nochmals PR-mäßig wirksam vorbreitete. Zu diesem Zeitpunkt wurde transparent, welche Banken beim Marktstart dabei sein werden. Erwartungsgemäß waren dies unter anderem die „Challenger-Bank“ N26 sowie der Zahlungsdienstleister Wirecard. Aber auch bei den privaten Banken haben die Deutsche Bank, Comdirect und die HVB als größere Institute offensichtlich eine kommerzielle Einigung mit Apple erzielen können. Aus informierten Kreisen war zu erfahren, dass die teilnehmenden Banken zwischen ca. 0,05 % und 0,10 % der Interchange-Erträge an Apple weiterreichen. Die Höhe der Abgabe hängt davon ab, ob es sich um POS-Transaktionen (niedriger) oder E-Commerce Transaktionen handelt (höher).

Mit dem Eintritt von Apple Pay in den deutschen Markt endet damit gefühlt ein großes Vakuum im Kosmos des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in Deutschland. Jetzt ist klar, dass allen Smartphone-Nutzern eine Lösung zur Verfügung steht. Die Möglichkeit zum Mobile Payment ist damit in Deutschland flächendeckend angekommen – beim Konsumenten und im Handel.

IV.) Und nun?

Wie bereits ausgeführt sind seit Paybox viele Millionen Euro in Projekte mit der Überschrift „Mobile Payment“ erfolglos investiert worden. Es ist auch den großen Labels wie Telekom, Vodafone, Otto Gruppe etc. nicht gelungen, hier eine überzeugende Lösung für den Konsumenten in Deutschland anzubieten. Mit dem Markteintritt von A ple und Google in Kooperationmit PayPal haben 2018 nun drei große Internetplattformen das Mobile Payment auch für den POS in Deutschland auf ihre Fahnen geschrieben. Auch Amazon ist derzeit damit befasst, wie man Amazon Pay nicht nur als E-Commerce Payment-Lösung positionieren kann, sondern auch als Payment-Angebot für den realen POS.

Apple Pay gilt jedoch für viele als das Synonym schlechthin für ein modernes, innovatives und globales Mobile Payment. Es ist ein integraler Bestandteil der globalen Apple-Plattform, die – und das wird oft unterschlagen – nicht nur Hardware im modernen Design bietet, sondern auch viele andere Features in der Cloud oftmals kostenfrei offeriert. Natürlich spielen sich im digitalen Payment Google Pay und Apple Pay gegenseitig in Punkto Akzeptanz und User-Experience die Bälle zu. Beide Lösungen sind schlichtweg einfach und cool in der Anwendung. Das gilt für die User Experience beim Konsumenten und im Handel. Während Vertreter der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken 2017 noch die NFC-Funktionalität der deutschen Girocard priesen, die in kommunal begrenzten Feldversuchen über viele Monate hinweg getestet wurde, waren Google und Apple damit beschäftigt, einen Markteintritt in Deutschland vorzubereiten, der von der Öffentlichkeit durch umfangreiche
Berichterstattung in den Medien auch wahrgenommen wurde. Damit hat es insbesondere Apple Pay geschafft, alle anderen Angebote zu Mobile Payment sowohl funktional als auch medial in den Schatten zu stellen.

Wieder einmal haben es die wesentlichen deutschen Bankengruppen im Privatkundengeschäft verpasst, rechtzeitig die strategische Dimension zu erkennen, die sich öffnet, wenn globale Plattformen neue Standards definieren. Es wird nun ebenso transparent, dass neben betriebswirtschaftlichen Erwägungen auch technische Restriktionen in den Backend-Systemen der etablierten Banken dazu führen, dass sich eine agile Weiterentwicklung neuer Funktionen nicht zeitnah umsetzen lässt. Die Diskussionen um Sinnhaftigkeit, Kundennutzen, Marktbedarf oder die richtige Technologie bei Mobile Payment wurden in den letzten Jahren sehr intensiv und kontrovers geführt.

Eines ist zumindest bei den Marktforschern unbestritten: während die „Millennials“ (bzw. „Generation Y“), also die heute 20 bis 35-jährigen, noch als Technologie-affin bezeichnet werden, betrachtet man die nachfolgende „Generation Z“, also die heute 1 bis 20-jährigen, schon als Technologie-immanent. Für diese Generationen hat Bargeld sicherlich nicht mehr die Bedeutung, wie es beispielsweise bei der Generation der „Babyboomer“ noch der Fall ist. Das Smartphone spielt in diesen Generationen eine zentrale Rolle, es wird in nahezu jeder Lebenslage mit sich geführt. Die Zunahme des bargeldlosen Bezahlens am POS, der in den vergangenen Jahren in Deutschland kontinuierlich jedes Jahr um 4 -6%im Handel gestiegen ist, wird durch Mobile Payment nochmals deutlich beschleunigt werden.

Damit endet 2018 nicht nur die Irrfahrt des Mobile Payment im deutschen Markt, sondern es werden wesentliche Vorrausetzungen für mehr Kundenorientierung sowie mehr Innovation auch im stationären Handel geschaffen. Wird retrospektiv die Frage gestellt, ob die deutsche Finanzwirtschaft – mit und ohne Mitwirkung der Telekommunikationsbranche – in den vergangenen Jahren eine eigene Plattform für Mobile Payment hätte aufbauen können, um aus einer zentralen Marktstellung im Herzen Europas die Grundlage für ein eigenes Payment-Scheme zu legen, kommt der Autor gemäß seinem Erleben und Beobachten der deutschen Payment-Branche zu der nachfolgenden Schlussfolgerung:

In den vergangenen 20 Jahren wurde zunächst der rein kartenbasierte Zahlungsverkehr für den POS, der sich sukzessive mehr und mehr auch in die Strukturen des E-Commerce hineinbewegte, nie wirklich als strategisch wichtiges Kerngeschäft der Banken und Sparkassen erkannt. Das Kartengeschäft wird nicht selten einfach mit dem allgemeinen Zahlungsverkehr der Banken gleichgesetzt. In der Konsequenz hat sich in den letzten Jahren die deutsche Kreditwirtschaft aus allen marktrelevanten Unternehmungen, die Nukleus für ein solches Vorhaben hätten sein können, verabschiedet. Auch Chancen für strategische Neuaufstellungen zusammen mit erfahrenen Entwicklungspartnern wurden nicht nachhaltig verfolgt.

Insofern bleibt jetzt nur noch ein Weg: den der Zusammenarbeit mit den großen Internetplattformen. Hierbei ist notwendig, sich von den tradierten Bewertungskriterien im Kartengeschäft zu verabschieden. Ein Revenue Share, wie ihn Apple von seinen Partnerbanken erwartet, sollte vor dem Hintergrund der Erwartung des Apple-Bankkunden kein Kriterium für eine Kooperation sein. Solange jedoch die Interchange-Fee als wesentliches Bewertungskriterium für die Profitabilität eines Produktes herangezogen wird, ist das Kartenprodukt kein wirklicher Bestandteil einer ganzheitlichen Digitalstrategie. Nicht derjenige, der den Zahlungsverkehr kontrolliert, „besitzt“ den Kunden, sondern derjenige, der die damit einhergehenden Daten sammelt, aggregiert und auswerten kann. Daten, die auch aus mobilen Transaktionen generiert werden und einen „Rohstoff“ für neue Produkte hervorbringen, sind eine der wichtigsten Grundlagen für Kundengewinnung und -bindung im digitalen Zeitalter.

Einige Marktteilnehmer haben dies bereits frühzeitig erkannt und ihre
Geschäftsmodelle darauf ausgerichtet. Mobile Payment ist nun endlich auch in Deutschland angekommen.

*Marcus  W. Mosen ist einer der profiliertsten deutschsprachigen Experten für Zahlungsverkehr.

Sein Aufsatz entstammt dem Buch: Mobile Payment in Deutschland – das voraussichtliche Ende einer Odyssee. In: Hierl, Ludwig (Hg.): Mobile Payment – Nach zwei Dekaden endlich auch in Deutschland funktional. Verlag Books on demand Norderstedt. S. 103-117.

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