Analyse

Aus Zinskrise wird Zins-GAU: Und nun, Ihr lieben Banken?

12. Juni 2019

Von Christian Kirchner

Erinnern Sie sich noch an unsere Ausgabe vom 2. April? Unsere Aufmacher-Geschichte hieß damals: „Der Zinsschock – oder: Warum fusionieren Deutsche Bank und Commerzbank wirklich. Und die These lautete: Im Grunde gibt es nur ein Motiv, warum die beiden Frankfurter Großinstitute über einen Zusammenschluss nachdenken – weil sie sich angesichts des  Zinstiefs nämlich nicht mehr anders zu helfen wissen.

Und heute? Sind wir zehn Wochen weiter, und in den zehn Wochen ist eine ganze Menge passiert. Zum Beispiel: 1.) Deutsche und Commerzbank haben nicht fusioniert. 2.) Die Aktien  beider Institute befinden sich im freien Fall. 3.) ING, Unicredit und Co. haben beschlossen, bei der Coba das „Nur gucken, nicht anfassen“-Spiel zu spielen. Und warum das alles? Na: Weil die Zinsen nicht nur nicht steigen wollen. Sondern weil sie heute sogar noch einmal dramatisch tiefer sind, als sie das vor zehn Wochen ohnehin schon waren (während zugleich die Konjunktur einzuknicken droht).

Gestern auktionierte der Bund seine Anleihen zu einem neuen Rekordtief. Und die für die EZB-Geldpolitik wichtigen Inflations-Erwartungen sackten auf den niedrigsten Stand aller Zeiten von unter 1,2%. Klingt technisch – sollte Sie aber brennend interessieren, liebe Leser*innen. Denn die „Bazooka“ in Form von massiven Anleihenaufkäufen (um die Zinsen zu drücken) hatte EZB Chef Mario Draghi zuletzt bei Inflationserwartungen von 1,8% geladen – und dann bei 1,5% abgefeuert. Und nun, bei 1,2%?

Was plant Draghi als nächstes? Und was bedeutet das alles für die Deutsche, die Commerzbank und die übrigen Geldhäuser hierzulande? Hier unsere Analyse:

I.) Der Zustand der deutschen Bankenbranche ist eine Ableitung der Zinsentwicklung

Die Grafik zeigt einmal die Zinsdifferenz zwischen 10-jährigen und 3-monatige Bundesanleihen (schwarze Punkte) und zum zweiten den kumulierten Börsenwert von Deutscher Bank und Commerzbank in Mrd. Euro (blaue Balken). Erkenntnis: Steigen am langen Ende die Zinsen (geht als die Zinsschere tendenziell auseinander), dann wirkt das wie Doping auf die Kurse der beiden großen deutschen Geldinstitut. Das Problem: Seit April 2018 ist die Entwicklung gegenläufig.

Was natürlich nicht nur die Großbanken etwas angeht. Schließlich sind Sparkassen und Genos (gemessen am Anteil des Zinsergebnis am addierten Provisions- und Zinsergebnis) noch viel abhängiger vom Zinsgeschäft als Deutsche und Coba:

Sparkassen 73%
VR-Banken 76%
Deutsche Bank 53%
Commerzbank 56%

II.) Was macht die aktuelle Lage so dramatisch?

Der Bund bekam seine zehnjährigen Staatsanleihen gestern zum niedrigsten Zinssatz alles Zeiten los: minus 0,26% pro Jahr. Leicht auszudenken, was der für die Profitabilität der, sagen wir, Deutschen Bank bedeutet, die aktuell rund 270 Mrd. Euro Liquidität vor sich hinschiebt.

Und parallel? Sinken die Inflationserwartungen in einem Tempo und auf ein Niveau, dass der EZB keine andere Wahl bleiben dürfte, als bereits bekannte Maßnahmen (Anleihenaufkäufe) und heute noch unbekannte Maßnahmen zu ergreifen. Wer es nicht glaubt: Hier unsere entsprechende Grafik (die die jährliche Inflationserwartung in fünf Jahren für die nächsten fünf Jahre abbildet – eine Kenngröße, die nicht wir uns ausgedacht haben, sondern die EZB in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt hat):

Wer weiß, welch überragende Bedeutung die EZB den Inflationserwartungen (und also dem gerade gezeigten Chart) beimisst, der ahnt: Für die Banken wird’s in den nächsten Monaten (Jahren?) noch dicker kommen als eh schon. Denn was bis vor ein, zwei Jahren noch funktionierte (den Zinsaufwand schneller drücken, als die Zinserträge fielen), funktioniert inzwischen nicht mehr.

Siehe dazu auch diesen Chart hier, der die Entwicklung der kurzfristigen Zinsen (Euribor) abbildet …

… und jede Hoffnung, im Interbankenhandel lasse sich auf absehbare Zeit wieder Geld verdienen (oder wenigstens kein Geld verlieren) zunichte macht.

Hinzu kommt: Da die kurzfristigen Zinsen den Zustand dauerhafter Blutarmut erreicht haben, fehlt den Banken künftig das entscheidende Mittel, wie in den vergangenen Jahren ihre Zinsmargen zu verteidigen (was den Großbanken bislang gelungen ist) – nämlich die Einlagenzinsen zu senken. Es sei denn, sie wollen riskieren, auch von Privatkunden und auf kleinere Anlagesummen Strafzinsen zu verlangen.

III.) Das eigentliche Drama: Die Zinsdifferenz schrumpft weiter

Lassen Sie uns noch einmal zurückkehren zum Chart von ganz oben. Denn: Was die deutschen Banken noch viel stärker schmerzt als die niedrigen Kurzfristzinsen, das ist die drastische Veränderung der Zinskurve in den vergangenen Monaten. Lag die Differenz zwischen 10-jährigen und 3-monatigen Bundesanleihen vor fünf Jahren noch bei 2 Prozentpunkten und selbst vor einem guten Jahr immerhin noch bei 1,3 Punkten – so waren es im April nur noch 0,5 Punkte (da schrieben wir schon einmal von der Dramatik der Lage) und jetzt sogar nur noch 0,3 Punkte.

Heißt: Das Thema Fristentransformation ist bis auf Weiteres tot. Und für steigende Zinsen am langen Ende? Spricht ebensowenig, wenn nicht sogar noch weniger, als für steigende Zinsen am kurzen Ende.

Conclusio

Fasst man die Lage zusammen, sieht es für die deutschen Banken wie folgt aus:

  • Risikovorsorge? Ist auf einem historischen Tief
  • Die für Kreditausfälle und Kreditnachfrage wichtigen Konjunkturerwartungen? Trüben sich ein.
  • Das Provisionsgeschäft? Kommt nicht in Fahrt.
  • Und bei den Zinsen? Hat sich die Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage erledigt.

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