Analyse

Wie Deutschlands Banken in die Mischfonds-Falle tappten

25. September 2019

Von Christian Kirchner

Hieß es nicht mal, die Provisionen würden Deutschlands Banken retten? Ja, hieß es – vor ziemlich exakt zwei Jahren war das, als die Banken laut Niedrigzins-Umfrage von Bundesbank und Bafin eine kühne Prognose wagten: Ja, der Einbruch der Zinsüberschüsse kostet uns zwar die Hälfte unserer Gesamtrentabilität in den kommenden fünf Jahren ohne weitere Maßnahmen. Aber das machen wir mit steigenden Provisionsüberschüssen annähernd wieder wett!

Es ist anders gekommen, weiß man seit dieser Woche. Wie aus der am Montag veröffentlichten Buba-Ertragslagestatistik hervorgeht, ist das aggregierte Provisionsergebnis der deutschen Banken letztes Jahr um 3% auf nur noch 29,6 Mrd. Euro gesunken (und liegt damit nun wieder ungefähr auf dem Niveau von 2014). Vor allem aber: Besserung ist nicht in Sicht. So steht es zum einen im ebenfalls diese Woche veröffentlichten Buba/Bafin-Stresstest für kleine und mittelgroße Banken.

Und zum anderen? Zum anderen sieht es so aus, als stünden die deutschen Banken ausgerechnet bei einem ihrer provisionsträchtigsten Thema der letzten Jahre an der Kundenfront vor einem Desaster – bei den Mischfonds nämlich.

Können wir diese These belegen? Naja, zumindest haben wir ein paar Indizien gesammelt. Denn wussten Sie, …

  • … dass die durchschnittliche Performance in Deutschland vertriebener Mischfonds 2018 schlicht desaströs war?
  • … dass die langfristige Performance der Fonds real gen Null tendiert?
  • … dass laut einer Morningstar-Studie die Gebühren für Mischfonds die zweithöchsten der Welt sind?

Vor allem aber: Wussten Sie, dass der Mischfonds-Absatz hierzulande in den vergangenen Monaten (aufgrund der drei genannten Punkte?!?) regelrecht kollabiert ist?

Doch der Reihe nach:

Als die EZB 2012 („Whatever it takes“) begann, die Zinsen endgültig gen Null zu treiben, war das für die Banken eine Zäsur. Und zwar nicht nur im Einlagen- und Kreditgeschäft. Sondern auch im Wertpapiervertrieb. Die Losung lautete fortan: Wenn es da draußen keine risikolosen Zinsen mehr gibt, dann müssen die Kunden eben gewisse Risiken eingehen – aber natürlich nicht zu viele.

Der argumentative Überbau für die „Ära der Mischfonds“ war geschaffen.

Tatsächlich hatten die Produkte bis dahin im deutschen Fondsmarkt nur eine untergeordnete Rolle gespiegelt. 2011 und 2012 zusammen floss ihnen unter dem Strich nichts zu.

Nun aber zog der Markt plötzlich an. Und wie. 2013 betrug der Nettoabsatz in Mischfonds bereits 18 Mrd. Euro. Doch dies war nur die Ouvertüre. Denn danach kam das hier:

Mittelaufkommen (netto) in Mrd. Euro (gerundet)
Mischfonds Publikumsfonds insgesamt Anteil Mischfonds am Nettoabsatz
2014 23 33 69%
2015 39 72 54%
2016 12 6 180%
2017 30 73 41%
2018 22 22 99%
Summe 124 206 60%

Quelle: BVI

Als kleine Lesehilfe: In guten Jahren (2015 etwa) investierten Anleger netto mal eben fast 40 Mrd. Euro (!). Und in schwächeren Jahren (2016 etwa) reichte der Mischfonds-Vertrieb zumindest aus, um die Fondsbranche bei Publikumsfonds insgesamt vor einem Minusjahr zu bewahren. Und noch eine Einordnung: Die Nettozuflüsse in Mischfonds in den vergangen fünf Jahren waren in Deutschland 5x so hoch wie in die Super-Duper-Allzweckwaffe schlechthin: die ETFs, die ebenfalls in die Kategorie „Publikumsfonds“ fallen.

Und wer sorgte dafür, dass das Geschäft immer weiter brummte? Naja, die Berater in den Filialen. So sieht es zumindest aus. Denn jene vier Publikumsfonds-Anbieter, die kumuliert rund 75% Marktanteil auf sich vereinen (nämlich AGI, Union, Deka und DWS), sind zugleich diejenigen, die ihre Produkte vor allem über die klassische Filiale vertreiben.

Doch nun – scheint der vermeintlich immerwährende Boom jäh gestoppt. Denn trotz überaus stabiler Börse ist der Nettoabsatz von Mischfonds im ersten Halbjahr auf nur noch 0,3 Mrd. Euro netto eingebrochen. Siehe unsere Grafik mit den jeweiligen 6-Monatszahlen von 2015 bis 2019:

Quelle: BVI (Daten hier)

Fragt sich: Wie ist der Kollaps zu erklären? Bei doch starken Kapitalmärkten 2019? Hört man sich dieser Tage in der Branche um, werden einem verschiedene Erklärungen angeboten:

  • Die Vertriebspartner der Fondsbranche werben zwar für die langfristige Anlage, sind aber vor allem an kurzfristigen Vertriebserfolgen interessiert – und müssen dementsprechend immer neue Trendthemen entweder selber setzen oder zumindest bedienen. Zur Jahrtausendwende waren das die Technologie-, Medien- und Telekommunikationsfonds. Danach kamen die Garantiefonds. Hernach die „BRIC“-Fonds und die Rohstoff-Fonds. Und in der Post-Lehman-Ära schließlich die Mischfonds. Was die besonders attraktiv macht: Es sind die margenstärksten Publikumsfonds.
  • Die Gebühren sind viel zu hoch … nämlich bei Mischfonds  die zweithöchsten der Welt, getoppt nur noch von Kanada. Im Schnitt werden rund 1,80% Gebühren p.a. aufgerufen, bei Anleihenfonds (0,74%) und Aktienfonds (1,46%) fällt deutlich weniger an. Ein Bubenstück. Oder, wie die Fondsratingagentur Morningstar schreibt, die das errechnet hat: ein Mischfonds-Desaster. Bei manchen Produkten gibt es gar Hedge-Fonds-gleiche Gebührenstrukturen von „2% Fix, 25% vom Zugewinn oberhalb des risikolosen Zinses“
  • In Deutschland wehrt man sich im Vertrieb mit Klauen und Zähnen gegen ein Provisionsannahme-Verbot. Also wandert die Vergütung von Beratung und Vertrieb in die Gebühren. Genau diese hohen Gebühren machen eine überdurchschnittliche Performance schwierig bis unmöglich. Wichtig ist (dem Anleger), was unten herauskommt. Die durchschnittlichen Jahresrenditen von Mischfonds unterschiedlicher Risikokategorien lagen über die vergangenen fünf Jahre etwa laut der Fondsplattform fondsweb.de zwischen 1,6% und 2,7% pro Jahr. Klingt eigentlich nicht schlecht, auch wenn da real nach Abzug der Teuerung (vor der man ja laut Fondsmarketing fliehen soll mit den Fonds) nicht viel übrigbleibt. Allerdings waren die vergangenen fünf Jahre auch geradezu paradiesisch, Aktienmärkte legten um 5% p.a. (Dax) bzw. 7% p.a. (MSCI World) zu, Anleihen gewannen auch kräftig an Wert.
  • Am ersten echten Test (nämlich dem schwachen Börsenjahr 2018) ist die Mischfonds-Gattung krachend gescheitert.  Anleger holen sich – wenngleich umverpackt – auch mit Mischfonds ein Aktienmarktrisiko ins Depot. So verzeichnete der Durchschnittsfonds in der aggressiven Mischfondskategorie letztes Jahr eine negative Performance von 11,1%. Das war mehr, als ein 100%iges Aktienengagement über globale ETFs verloren hätte!  Selbst flexible Mischfonds büßten im Schnitt 9,7% ein, hat Morningstar analysiert. Ein Desaster.

Kann es also sein, dass viele deutsche Anleger von Mischfonds schlicht genug haben? Dass die Ära des Mischfonds also vorüber ist? Und das ausgerechnet jetzt, wo die Banken auf Provisionserträge dringender angewiesen sind denn je?

Für die deutsche Finanzbranche wäre das ein Schlag. Aber einer, den sie sich selber versetzt hätte.

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