Exklusiv

Russischer Milliardär kapert deutsche Kredit-Fintechs

31. Mai 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Der deutsche Markt für Konsumentenkredite ist nicht nur riesengroß (wir schätzen auf Basis unterschiedlicher Quellen mal ganz grob: 100 Mrd. Euro Neugeschäft jährlich) – er lockt auch die unterschiedlichsten Player an. Die Commerzbank zum Beispiel beackert das Feld mit ähnlichem Ehrgeiz wie die Volksbanken, die Autobanken sind hier genauso unterwegs wie die Auslandsbanken, und dann sind da natürlich die Smavas und Auxmoneys und ohnehin und sowieso: Check24.

Und dann: Ist da noch ein Name, der den meisten von  Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vermutlich nichts sagt – den Sie sich aber möglicherweise merken sollten: Oleg Boyko, russischer Multi-Investor, laut „Forbes“ 1,2 Mrd. Euro schwer und im globalen Reichen-Ranking zurzeit auf Position 1818 gelistet. Laut Recherchen von Finanz-Szene.de (unterstützt vom Internetportal „Startupdetector.de„) gehören Boyko über das mit seiner Familie verbundene* Investmentvehikel „Tirona Limited“ seit Kurzem rund 25% am Frankfurter Kredit-Fintech Cashcape.

Der 2017 gelaunchte Anbieter vergibt Minidarlehen an klamme Verbraucher – sei es, weil die sich einen Fernseher kaufen, die Miete zu bezahlen haben oder einen Kredit ablösen wollen. Das Ganze geschieht

  • per App,
  • bis zu einer Höhe von 2500 Euro,
  • nach eigenen Angaben ohne Schufa
  • und natürlich zu entsprechenden Zinsen.

„Pay-day loans“, nennt man so etwas traditionellerweise in der angelsächsischen Welt. Sprich: Kredite, die die Tage bis zum nächsten Gehaltscheck überbrücken sollen. Zurückzahlen müssen die Cashcape-Kunden das Geld – je nach Ausgestaltung des Kredits – innerhalb von 14 bis 90 Tagen. Auf Anfrage von Finanz-Szene.de bestätigte Cashcape-Gründer Jan Weitzel den Einstieg von Tirona.

Was das Investment so interessant macht: Zum Boyko-Imperium gehören diversen Medienberichten zufolge nicht nur die Tirona Limited, sondern auch die Finstar Gruppe, mit der wiederum das 2008 gegründete lettische Groß-Fintech 4Finance zu verbandelt sein scheint. 4Finance hatte schon 2017 das Berliner Fintech Vexcash übernommen, dessen Geschäftsmodell dem von Cashcape stark ähnelt. Und: Ein Jahr zuvor war Boyko laut damaligen Medienartikeln beim Berliner Kredit-Fintech Spotcap eingestiegen.

Auch wenn Spotcap, anders als Cashcape und Vexcash, bislang nicht auf dem deutschen Markt aktiv ist – es drängt sich die Frage auf: Ist es Boykos Ziel, den deutschen Markt für Mikrokredite unter seiner Führung zu konsolidieren?

An den Ambitionen des Milliardärs bestehen jedenfalls keine Zweifel. So schrieb die britische Branchen-Postille „Finextra“ vor rund einem Jahr in einem Artikel über europäische Fintech-Investoren:

„[…] One such company is the Finstar Financial Group, led by international investor Oleg Boyko. His company has recently committed $150 million to in-house research and investment in startup fintech companies (to a maximum of 20 such companies). Boyko plans to use this money to provide them with expert advice and the freedom to grow at their own pace, among the sectors – payment services, marketing, data processing and credit-risk management.“

Dazu passt, dass sich inzwischen auch im deutschen Handelsregister eine „4Finance GmbH“ findet. Deren Unternehmenszweck wird wie folgt definiert:

„Die Suche nach und Analyse von Start-up Unternehmen im FinTech Bereich sowie damit verbundene Technologien mit gutem Wachstumspotential in Deutschland und Europa, um im Konzern der 4finance Gruppe, Investitionsvorschläge zu unterbreiten.“

Als Geschäftsführer der in Frankfurt eingetragenen Gesellschaft firmiert ein gewisser André Achstätter. Der wiederum ist laut Impressum auch Vorstandschef von Vexcash – also jenem Berliner Kredit-Fintech, dass schon vollständig zum Boyko-Imperium gehört.

Wie groß der Mikrokreditmarkt ist (bei dem es sich ja nur um ein kleines  Subsegment des Konsumentenkreditmarkts handelt), lässt sich – jedenfalls für uns – nicht wirklich beziffern. Was allerdings auffällt: Es gibt mittlerweile zumindest eine Handvoll Fintechs, die das Geschäft hierzulande betreiben, darunter Cashpresso, Cashper und Ferratum. Und nicht zu vergessen: Auch das lange Zeit größte deutsche Fintech, nämlich das zuletzt schwer kriselnde Hamburger Startup Kreditech, vergibt Kurzzeit-Kredite an klamme Konsumenten – wenn auch nicht in Deutschand, sondern beispielsweise in Polen oder Spanien (Spanien gehört übrigens auch zu den fünf Märkten, die Spotcap bedient). So ganz unspannend scheint dieser Markt also nicht zu sein, auch wenn irgendwie nie ganz klar ist: Ist hier die Speerspitze der automatisierten Bonitätsanalyse unterwegs – oder geht’s um Wucher 4.0? Gut möglich jedenfalls, dass wir uns das Ganze demnächst nochmal ein bisschen genauer anschauen werden.

Für heute hätten wir dann nur noch einen letzten, auch nicht ganz unspannenden Punkt: Boykos Tirona Limited hat ausweislich des Handelsregisters nicht nur frisches Kapital in Cashcape gepumpt, sondern auch einigen Frühphasen-Investoren deren Alt-Anteile abgekauft.  Darunter zwei der bekanntesten deutschen Banking-Consultants, nämlich Bernd Rolfes und Stefan Kirmße – der eine Gründer, der andere Managing Director der großen Münsteraner Beratungsfirma ZEB.

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*In der ursprünglichen Fassung des Artikels hatten wir geschrieben, Boyko gehörten über sein Investmentvehikel „Tirona Limited“ seit Kurzem 25% an Cashcape.  Hierzu schrieb uns eine Sprecherin der mit Boyko verbundenen Finstar Financial Group: „Tirona Limited is not owned by Mr. Boyko but it is affiliated with Boyko family.“ Darum haben wir die Formulierung entsprechend geändert (Samstag, 1. Juni, 10.31 Uhr)

 

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