Analyse

Apple Pay hat gewonnen, die Sparkassen verloren

26. Juni 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Es klang wie die selbstverständlichste aller Meldungen: Die Sparkassen (und übrigens auch die Volks- und Raiffeisenbanken) bieten ihren Kunden von Herbst an Apple Pay an, wie gestern offiziell mitgeteilt wurde. Also alle Fragen beantwortet? Nicht ganz. Denn 1.) Hatten die Sparkassen nicht einst getönt, „Apple kommt an uns nicht vorbei„? Und 2. ) Hatte der DSGV vor einem halben Jahr nicht noch mit drohender Faust gefordert, Apple solle die NFC-Schnittstelle auf seinen iOS-Smartphones für die Payment-App der Sparkassen öffnen? Und 3.) Was ist denn jetzt eigentlich mit der Girocard?

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Eine Ad-hoc-Analyse:

Was ist jetzt Sache?

Sparkassen-Kunden, die ein Apple-Handy besitzen, können mit diesem Handy in Zukunft mobil bezahlen, allerdings einzig und allein via Apple Pay. Bei der hinterlegten Karte muss es sich um eine Kredit- oder Debitkarte handeln (also um eine Karte der großen Payment-Schemes Mastercard, Visa und Amex). Eine Girocard-Lösung gibt es noch nicht – was freilich bei anderen Banken genauso ist.

Für wen ist das gut

Je nach Geschmackssache: für den Kunden. In jedem Fall aber: für Apple. Denn zahlt ein Sparkassen-Kunden mit seiner Kreditkarte an der Ladenkasse, fließen bis zu 0,3% Interchange-Gebühr (gemessen an der Kaufsumme) an die Sparkasse. Zahlt derselbe Kunde künftig mit Apple Pay, muss die Sparkasse einen Teil dieser Gebühr an den US-Konzern abdrücken. Spekuliert wird über 0,1%. Genaues allerdings weiß man nicht.

Was ist mit der NFC-Schnittstelle?

Die bleibt dicht. Apple öffnet sein Handy-Betriebssystem also mitnichten für die Mobile-Payment-Lösungen anderer Anbieter (wie zum Beispiel der Sparkassen). Die kesse Ansage „Apple kommt an uns nicht vorbei“ hat sich also ins glatte Gegenteil verdreht. Letztlich sind die Sparkassen nicht an Apple vorbeigekommen.

Warum verzichten die Sparkassen dann nicht einfach auf Apple Pay?

Mag sein, dass es am (zumindest so empfundenen) Druck der Kunden lag. Mag sein, dass sich die Sparkassen schlicht der Macht des Faktischen unterwerfen. Hätten die Sparkassen sich Apple Pay verweigert, hätte jedenfalls die Gefahr bestanden, dass Apple-Nutzer unter den eigenen Kunden irgendwann die Bank gewechselt hätten – zumindest wenn Mobile Payment eines Tages tatsächlich die gängige Bezahlmethode werden sollte. Dass umgekehrt ein Apple-Kunden auf ein Android-Handy wechselt, weil er unbedingt bei der Sparkasse bleiben will – diese Gefahr hat man bei Apple offenbar eher gering eingeschätzt.

Was ist jetzt mit der Girocard (1)?

Das ist die große Frage. Die Apple-Managerin Jennifer Bailey wurde gestern sinngemäß so zitiert, eine Girocard-basierte Lösung werde in jedem Fall kommen Wörtlich sagte sie der dpa: „Wir befürworten eine Integration der Girocard, dazu muss aber noch Arbeit erledigt werden, auch beim Konsortium der Girocard“ (Anm. der Red.: Das Girocard-Konsortium ist quasi die deutsche Kreditwirtschaft). Die Sparkassen schreiben bei Twitter, die Integration der Girocard werde für 2020 „vorbereitet“.*

Was klar ist: Bei der Integration der Girocard in Apple Pay geht es nicht nur um wirtschaftliche bzw. politische Aspekte, sondern auch um technische. Bei der „Profitcard 2019“, einer Payment-Konferenz in Berlin, hatten Girocard-Vertreter zu Beginn dieses Jahres Pläne für eine sogenannte „in-App“-Lösung für die Girocard präsentiert. Damals ging das Gerücht um, diese technische Lösung könne dazu dienen, die Girocard mit Apple Pay kompatibel zu machen. Gestern hieß es nun aus, sagen wir mal, semi-gut informierten Kreisen, die „in-App“-Pläne würden momentan ruhen. Wirklich wissen tun wir es allerdings nicht. Ebenfalls war gestern zu hören, die technische Lösung für die Girocard hätte von Apple-Seite kommen sollen – doch nichts sei bislang passiert. Verifizieren ließ sich dieses Gerücht nicht.

Was ist jetzt mit der Girocard (2)?

Aus Sicht der Sparkassen (und anderer Banken) wäre es ja durchaus rational zu sagen: Die Apple-Klientel (und von der wiederum jene, die Mobile Payment betreibt) ist im Umgang mit der Kreditkarte geübt  – da brauchen wir nicht auch noch eine Girocard-basierte Lösung anzubieten. So gesehen ist dann doch bemerkenswert, wie offensich die Sparkassen und  Apple gestern zur Girocard geäußert hat.

Kann man wirklich sagen, dass die Sparkassen „verloren“ haben?

Naja, vielleicht ist das wieder eine dieser fragwürdigen Zuspitzungen unsererseits. Indes: Wie würden Sie’s denn formulieren, wenn Sie in unserer Position wären, liebe Leser*innen? Klar ist: Die Details der Vereinbarungen kennten wir nicht. Mag sein, dass Apple bei der Beteiligung an der Interchange-Gebühr ein bisschen konziliant war (glauben wir aber ehrlich gesagt nicht). Mag umgekehrt sein, dass die Sparkassen von Apple auch noch genötigt wurden, demnächst ein paar Kostenzuschüsse für das Bewerben von Apple Pay rüberwachsen zu lassen (können wir uns sehr gut vorstellen). Und: Ganz entscheidend bei der Einordnung ist Deals ist ja auch noch, was denn jetzt wirklich mit der Girocard war bzw. wird.

Jedenfalls: Gewonnen haben die Sparkassen ganz sicher nicht.

*Hinweis, 27. Juni, 8.37 Uhr:  Die Äußerung der Sparkassen zur Girocard hatten wir gestern übersehen und haben den Artikel heute Morgen entsprechend ergänzt.

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