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Der weite Weg von #DK zum europäischen Payment-Scheme

21. Juni 2019

Von Marcus Mosen*

Die „most disruptive news“ dieser Woche war für die Payment-Fans natürlich „Libra“. Dabei zog die neue Digitalwährung von Facebook derart viel Aufmerksamkeit auf sich, dass eine andere Neuigkeit fast unterging – nämlich der neue Monatsbericht der Bundesbank. Auf nicht weniger als 13 Seiten widmeten sich die Währungshüter den rasanten Veränderungen im globalen Zahlungsverkehr und kamen zu der Conclusio, „eine europäische Perspektive“ sei im Payment-Bereich „nicht nur eine Option, sondern ein Muss“.

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Keine Frage: Das las sich wie eine Anschubhilfe für jenes Projekt, das seit einigen Woche unter dem Namen #DK die Runde macht – also für den Versuch der deutschen Banken und Sparkassen, ihre bestehenden Plattformen im „Card present“-Geschäft (Girocard) und im „Card non present“-Geschäft (Paydirekt, Giroypay) in ein neues System einzubringen. Und zwar möglichst zusammen mit den französischen Banken, um den Plänen im besten Fall eine europäische Perspektive zu geben.

Interessant ist nun, das „Libra“- und das #DK-Projekt einfach mal nebeneinander zu legen und festzustellen:

  • Das eine Projekt ist global, das andere zunächst nur national
  • Das eine Projekt wird getrieben von einem der großen internationalen Internetkonzerne, das andere von deutschen Banken bzw. deren Verbänden
  • Das eine Projekt strotzt vor Verwegenheit, das andere wirkt wie eine Verteidigungsmaßnahme
  • Das eine Projekt hat Supporter, die sich wie das „Who is who“ der weltweiten Plattform- und Payment-Ökonomie lesen (Uber, Booking, Spotify, Visa, Mastercard, Paypal, Stripe …), bei dem anderen weiß man noch nicht so recht, wer eigentlich mitmachen will

Das wirft die Frage auf: Haben Pläne wie #DK in Zeiten von „Libra“ überhaupt noch eine Chance, oder sollten sich die deutschen Banken nicht lieber auf andere Themen fokussieren?

Fangen wir von vorne an – mit einem „outside in“- Blick. Die Bundesbank konstatiert in ihrem Monatsbericht einen Wettbewerbsdruck auf die hiesigen Banken, ausgelöst durch die GAFAs (also durch Techkonzerne wie Google, Apple, Facebook, Amazon). Wie eingangs erwähnt, fordern die Notenbanker nun den Aufbau eines europäischen Gegengewichts – wobei zugleich festgehalten wird, dass etablierte und akzeptierte nationale Bezahlverfahren in einem europäischen System nicht untergehen sollen. Hier stellt sich dann doch die Frage, wie man das Dilemma lösen will, Lösungen wie der Girocard einen wenigstens europäischen Wirkungsgrad zu geben, ohne dass man bereit ist, bestehende Strukturen in Frage zu stellen.

Lassen Sie mich das kurz ausführen: Es gibt innerhalb (!) unserer nationalen Grenzen mehrere (!) Plattformen, die sich z.B. mit dem Processing von Debitkarten beschäftigen – eine Fragmentierung, die eher nicht zur Skalierung bestehender Strukturen beiträgt. Dabei erkennt die Bundesbank, dass es bei der Entwicklung neuer Lösungen um „Effizienzgewinne“ und ein „verbesserter Nutzenerlebnis“ geht. Die entscheidende Frage für ein europäisches Payment-Scheme sollte daher eigentlich sein, ob und welcher Nutzengewinn für die Kunden angestrebt wird? Hierzu ist Erhellendes allerdings weder im Monatsbericht noch in den bisherigen Veröffentlichungen zum #DK-Projekt zu erfahren.

Weiter ist dem Bundesbank-Bericht zu entnehmen, dass Mobile Payment inzwischen als etabliert und akzeptiert betrachtet wird. NFC, Smartphone und in-App-Payment werden als Key-Treiber der zunehmenden Veränderungen im Zahlungsverkehr beschrieben. Das ist ein durchaus unerwarteter Perspektiv-Wechsel. Denn wir erinnern uns: Lange Zeit haben sich entscheidende Stakeholder dem mobilen Bezahlen weitgehend verweigert –  sonst gäbe es heute schon flächendeckend Mobile-Payment-Lösungen von Banken und Sparkassen für alle Smartphones. Und nun ist plötzlich von „Lock-in-Effekten“ die Rede, die durch bekannte Mobile-Payment-Lösungen (gemeint sind vermutlich Apple Pay oder Google Pay) entstehen sollen.

Zugleich kommt die Bundesbank dann aber zu der Ableitung, mobiles Bezahlen biete bislang keine Mehrwerte zu den klassischen Payment-Verfahren bietet – eine gefährliche Fehleinschätzung. Frage ich zum Beispiel meine beiden erwachsenen Töchter (22 und 19), wie sie sich bequemes Bezahlen vorstellen, dann ist „mit dem Smartphone“ die ganz natürliche Antwort. Nach den Flashmobs und der Mobilisierung zu den „Fridays For Future“-Demos sollten wir begreifen, dass die nachkommenden Generationen dem Smartphone eine vollkommen andere, nämlich weitaus größere Bedeutung beimisst als diejenigen, die noch mit einem Nokia-Handy aufgewachsen sind.

Zudem fehlen sowohl im Bundesbank- als auch in den Berichten, die bislang über die #DK zu lesen waren auffälligerweise zwei Namen – nämlich Mastercard und Visa. Im sogenannten internationalen „Vier-Parteien-System“ aus 1.) Banken, 2.) Acquirern, 3.) Karteninhabern und 4.) Händlern sind diese beiden global bekannten Marken und ihre etablierten Processing-Standards die Kernpfeiler des Erfolgs. Ausgerechnet diese beiden Player (die übrigens, siehe oben, bei „Libra“ ganz selbstverständlich mit an Bord sind) aus den Überlegungen auszuklammern, obwohl es sich um zwei traditionell wichtige Partner von Banken und Sparkassen handelt … nun ja, das ist zumindest mutig.

Was es ebenfalls zu beachten gilt: Auch auf Akzeptanzseite gibt es zahlreiche große Payment-Dienstleister mit zumindest europäischer Dimension – etwa Worldline, Nets oder Ingenico. Auch sie würden in einem neuen europäischen Zahlungssystem gebraucht. Wie werden diese Player in ein solches System eingebunden? Denn letztlich sind es diese Firmen, die den Zugang zum Handel sicherstellen – sowohl am physischen Point of Sale als auch im Internet.

Oder ist die Idee, dass man für ein Instant-Payment-basiertes Scheme diese Service-Provider nicht mehr benötigt? Diesen Irrglauben hat man bei der Markteinführung von Paydirekt bereits mit Lehrgeld bezahlt. Denn nachdem die Banken eine Zeitlang versucht hatten, die damals neue Payment-Lösung über Filialen zu vertreiben, mussten sie feststellen, dass der klassische „Electronic-Banking-Berater“ nicht unbedingt prädestiniert für diese Aufgabe ist. Sondern dass es im Vertrieb ohne die Payment Service Provider nicht geht.

Bliebe noch die Frage, wie der Handel ein neues, aus dem #DK-Projekt hervorgehendes Scheme aufnehmen würde. Nach meiner Erfahrung geht es den Einzelhändlern primär seit jeher um Kostenreduzierung, nicht um „nationale Identität“. Wäre der Handel denn bereit, einen Beitrag zu einem weiteren Scheme zu leisten?

Was auffällt: Es haben sich fast die gleichen Banken zusammengetan wie vor zehn Jahren im Monnet-Projekt, um Instant Payment europaweit nach vorne zu bringen. Gibt’s den festen Willen, z.B. einen gemeinsamen Brand zu schaffen, damit die Kunden in den jeweiligen Ländern nicht überfordert werden? Oder anders gefragt, ist man bereit, nationale Produkte mit ihren individuellen Preismodellen auf europäischer Ebene zu harmonisieren?

Der bisherige Eindruck – also outside in – ist der, dass überwiegend auf einer technischen Ebene gesprochen wird. Mit dem technischen Feature von Echtzeit-Nachrichten zwischen Banken wird man jedoch kaum eine Vision entwickeln können, die den Endkunden emotional erreicht. Ein Begriff, der in den bisherigen Diskussionen noch nicht wirklich aufgetaucht ist, ist jedenfalls der des Ökosystems – dabei wäre doch die Entstehung eines neuen Ökosystems die Voraussetzung dafür, dass innovative Mehrwerte für Endkunden entstehen, die über Rabatte hinausgehen und insbesondere ein Mehr an „Smart Data“-Nutzungsmöglichkeiten voraussetzen. In einem echten Ökosystem wäre Payment nur ein Additiv.

Wenn denn also eine europäische Paymentlösung angestrebt wird, dann müssen die handelnden Akteure auch bereit sein, ausgetreten Pfade in der Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu verlassen. Diese Bereitschaft wäre in einem sehr kurzen Zeitfenster mit allen Stakeholdern abzustimmen und umzusetzen. Doch wer koordiniert einen solchen Prozess? Wer orchestriert oder moderiert ihn? Damit am Ende mehr als ein“Letter of intent“ herauskommt, muss es einen klaren Prozess, Verantwortliche und Deadlines geben. Und zwar übergreifend zwischen den verschiedenen Initiativen.

Um in der Zwischenzeit nicht den Anschluss an die neuen Themen zu verliert, sollte man sich im Interesse der Kunden nicht gegenüber den etablierten Mobile-Payment-Lösungen verschließen. Denn manchmal kann es sinnvoller sein zuzulassen, dass sich Erträge kannibalisieren, um damit neue Erträge zu generieren. Und vielleicht finden sich – last, but not least – in der Deutschen Kreditwirtschaft (#DK) noch 10 Mio. Dollar, um bei der Libra Association und Herrn Zuckerberg mit am Tisch sitzen zu dürfen.

* Marcus Mosen ist Ex-CEO von Concardis, Business Angel, Berater und einer der führenden deutschen Payment-Experten

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