Analyse

Diese acht Details zur neuen Commerzbank sollten Sie kennen

29. September 2019

Von Christian Kirchner

Eigentlich dachten wir, zur neuen Strategie der Commerzbank sei schon alles gesagt (siehe hier, hier, hier , hier und hier). Dann jedoch sind wir auf ein paar Details gestoßen, die Sie womöglich noch nicht kennen – in jedem Fall aber kennen sollten.

Voilà:

1.) Martin Zielke macht den Sewing – und versucht ebenfalls die Quadratur des Kreises, also steigende Erträgen bei sinkenden Kosten

Im Wust der vielen Zahlen verliert man bisweilen ja den Überblick. Aber das Problem der Commerzbank ist im Kern das gleiche wie das der Deutschen Bank: Die Kosten sinken einfach nicht so schnell wie die Erträge. Seit 2012 – dem ersten Jahr nach Abschluss der Dresdner-Bank-Integration – hat die Coba 1,2 Mrd. Euro an Erträgen verloren und die Kosten im gleichen Zeitraum nur um magere 0,2 Mrd. Euro gesenkt.

Nun kündigt die Bank (bereinigt um den mBank-Verkauf) steigende Erträge bis 2023 an, bei zugleich um 10% sinkenden Kosten (5,5 Mrd. Euro 2023 vs. 6,1 Mrd. Euro ex mBank aktuell 2019). Mal sehen, wie das gelingen soll.

2.) Die größte Herausforderung für die Commerzbank werden die Kreditausfälle

Die Commerzbank agiert seit Jahren in einem Umfeld extrem niedriger Kreditausfälle – und hatte trotzdem Schwierigkeiten, Erträge und Gewinn zu steigern. Angesichts der konjunkturellen Eintrübung werden die Kreditausfälle aller Voraussicht nach steigen (was sich im zweiten Quartal bereits andeutete). Ob die Coba diese Herausforderung stemmen kann, bleibt abzuwarten.

Kreditausfallraten Commerzbank in %

Kreditausfallrate Commerzbank

Quelle: UBS

3.) Die Neukunden helfen nicht, die wegbrechenden Erträge (einigermaßen) zu kompensieren

Bei der Präsentation der neuen Strategie gab Commerzbank-Chef Zielke einen interessanten Hinweis: Die seit 2013 geworbenen neuen Kunden hätten zuletzt für ein Drittel der Erträge der Bank gesorgt.

Wenn diese Rechnung stimmt, heißt das im Umkehrschluss: Mit den übrigen knapp 10 Mio. Kunden hat die Commerzbank seit 2013 ein Drittel der Erträge verloren. Denn die Erträge der Bank sinken: 2013 waren es noch 9,3 Mrd. Euro, im vergangenen Jahr nur noch 8,6 Mrd. Euro.

Damit stellt sich die Frage: Wieso drosselt (in ihren eigenen Worten: dosiert) die Commerzbank ihr Neukundenwachstum auf nur noch 1 Mio. bis 2023 (nach 2 Mio 2016-2020)? Vielleicht, weil diese Strategie schlicht nicht mehr verfängt und das Institut bei der Ausschöpfung an Grenzen stößt?

4.) Der Commerzbank geht es darum jetzt um „Kundenprofitabilität“, nicht mehr so sehr um Kundenwachstum

Bei der extensiven Verwendung des Begriffs des „Netto-Neukundenwachstums“ in Commerzbank-Präsentationen kann man schon mal ein wenig den Überblick verlieren, drum hier noch mal kurz die Eckdaten: Aktuell verfügt die Commerzbank nach eigenen Angaben über 13,4 Mio.  Privat-und Firmenkunden in Deutschland. Lässt man die rund 1,2 Mio. Kunden von Ebase (wurde von der Comdirect verkauft) außen vor, sind es 12,2 Millionen Kunden.

Nun will die Commerzbank rund 1,1 Millionen Kunden herauswerfen wegen Inaktivität und eine 1 Mio. Kunden gewinnen. Damit würde die Bank beim Erreichen ihrer Ziele Ende 2023 über 12,3 Millionen Kunden verfügen. Wie man es auch dreht – „netto“ gewinnt die Bank kaum Kunden, inklusive des Ebase-Verkaufs verliert sie sogar welche. Was sich verbessert dürfte, ist allerdings die Kundenstruktur. Das schreibt die Bank auch in ihrer am Freitag vorgelegten Präsentation: Priorität hat die „Kundenprofitabilität“, erst danach kommt das „Wachstum“.

5.) Der angestrebte Personalabbau ist für die Commerzbank kein großes Problem

Die Commerzbank plant den Abbau weiterer 2300 Vollzeitstellen bis 2023. Dabei ist vom alten Ziel der 9600 Stellenstreichungen bis 2020 erst rund die Hälfte „abgearbeitet“.  Das klingt enorm ambitioniert angesichts von aktuell noch 41.300 Vollzeitstellen.

Ist es aber nicht. Denn beim Stellenabbau tickt die Uhr nicht gegen, sondern für die Bank. Der Grund ist die Mitarbeiterstruktur, die über die vergangenen Jahre deutlich (um rund fünf Jahre seit 2008) „gealtert“ ist: Im Schnitt sind die Mitarbeiter 45 Jahre alt und seit 21 Jahren bei der Bank beschäftigt. Damit nähern sich tausende Beschäftigte in den kommenden vier Jahren jedem Alter, in dem Altersteilzeit-  oder Vorruhestands-Lösungen infrage kommen.

Auch den bisherigen Abbau hat die Commerzbank weitgehend geräuschlos hinbekommen: In den Jahren 2016 bis 2018 sprach die Bank ganze 23 Kündigungen aus, einigte sich aber mit 1840 Mitarbeitern einvernehmlich über einen Austritt, wie aus dem Nachhaltigkeitsbericht hervor geht.

6.) Das Einstellungstempo bei der Commerzbank wird sich verlangsamen

Die Commerzbank redet ganz gerne über die Dinge, die „nach vorne“ gehen, also betonte sie gleich mehrfach im Zuge ihrer Strategiepräsentation, man werde zwar 2300 Stellen netto abbauen bis 2023, brutto seien es aber sogar 4300. Mithin: Es würden also auch 2000 Leute eingestellt.

Klingt offensiv. Sind aber nicht mehr also 500 neue Mitarbeiter pro Jahr. 2018 waren es: 658.

7.) Das Renditeziel von 4% Eigenkapitalrendite für 2023 ist (besorgniserregend) niedrig

Gewiss: Nach einer Dekade des Scheiterns an den eigenen Kosten- und Renditezielen (hier eine Übersicht) tut die Commerzbank gut daran, lieber mal tiefzustapeln: 4% Eigenkapitalrendite sollen es also bis 2023 wieder sein, wenn es richtig gut läuft, dann 5%.

Handelt es sich dabei um eine realistische Planung, dürfte die Commerzbank als potenzielles Ziel einer Übernahme nur dann interessant sein, wenn sie von einem möglichen Käufer brutalstmöglich ausgeschlachtet würde. Denn die Eigenkapitalrenditen anderer europäischer Großbanken sind in der Regel mehr als doppelt so hoch, exemplarisch die durchschnittlichen Eigenkapitalrenditen börsennotierter Großbanken (2018) lt. UBS-Hochrechnung 3030in

Italien: 6%

Frankreich: 9%

Schweiz: 9%

Benelux: 12%

Spanien: 11%

8.) Die Comdirect-Vollübernahme wird ein Kraftakt werden

Kaum zu glauben, aber: Der Ausgabepreis der Comdirect-Aktie vor fast 20 Jahren lag bei 31 Euro. Für 11,44 Euro je Aktie will die Commerzbank nun die verbliebenen freien Aktionäre abfinden, die Comdirect integrieren und die Marke verschwinden lassen.

Der Hedgefonds Petrus Advisers veröffentlichte am Freitag eine Pflichtmitteilung, nach der er nunmehr 3% der Aktien hält – er macht bereits seit 2017 Druck auf die Commerzbank, mehr für die Rendite der Comdirect-Aktie zu tun.

Mit 3% der Aktien hat Petrus rund ein Sechstel der frei verfügbaren Aktien unter Kontrolle. Das ist unangenehm für die Commerzbank, denn um die Aktie per Squeeze-Out-Verfahren von der Börse zu nehmen und Kosten zu sparen, sind 95% der Aktien nötig. Gut möglich, dass Petrus Advisers weitere 2% der Aktien einsammelt – da ein Übernahmeangebot im Raum steht, ist dieses Engagement nach unten „abgesichert“.

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